Meine Meinung: Das Deutsch-Abitur sollte am Rechner geschrieben werden

Laura Wolfert

Am kommenden Mittwoch ist Deutsch-Abitur: Seitenlang dürfen sich die Abiturienten über Homo Faber, Agnes oder Dantons Tod auslassen – per Hand auf Papier gekritzelt. Unsere Autorin findet: Das ist nicht mehr zeitgemäß!

"Noch eine halbe Stunde", sagt der Lehrer. Panik. Meine Hand krampft. Seit fünf Stunden schreibe ich meine Abiturprüfung in Deutsch auf Papier. Ich versuche, meine Gedanken so schnell es geht in Worte zu fassen. Doch mein Kopf ist schneller als die Hand. Ich habe nur noch wenige Minuten, mein Konzept von den grünen Blättern in Reinschrift auf die weißen Blätter zu übertragen. Ich schreibe schneller und schneller. Mein kleines "e" sieht aus wie ein langgezogenes "l". Und sollte das Wort nicht besser durch ein anderes ersetzt werden? Ich streiche es mit einem Lineal durch, setze ein Sternchen und schreibe am unteren Blattrand weiter. "Stifte hinlegen", sagt der Lehrer.


So war das damals, bei meinem Abitur. 15 Blätter, vorne und hinten bekritzelt, lagen vor mir auf dem Tisch. 15 von hunderten Seiten, die nun korrigiert werden müssen. Dazu gehört aber nicht nur lesen und kommentieren, sondern auch Buchstaben entziffern, Sternchen und Pfeilen folgen. Wie ein Puzzle sollen Korrektorinnen und Korrektoren die Aufsätze zusammensetzen und nachvollziehen. Dabei könnte das alles viel einfacherer sein: Das Deutsch-Abitur sollte am Rechner geschrieben werden.

Die Texte werden durchstrukturierter und sprachlich besser

330 Minuten lang unter Zeitdruck auf Papier zu schreiben, kann für die Hand ganz schön unangenehm werden. Tippen auf die Tastatur ist nicht nur schonender, sondern auch effizienter. Die Gedanken, die einem durch den Kopf gehen, lassen sich schneller abtippen. Selbst, wenn die Prüfungszeit aufgrund der Schreibart angepasst wird: Schreibblockaden können einfacherer überwunden werden. Man muss nicht mehr darauf achten, ob der Satz besser zum Hauptteil, oder Schluss passt. Wörter, Sätze und Absätze lassen sich dank der Tastenkombination "Kopieren und Einfügen" ganz einfach verschieben. Die Texte werden durchstrukturierter und sprachlich besser.

Auf nerviges Durchstreichen und Sternchensetzen wird somit verzichtet. Ebenso auf Schmierereien mit Tippex und Tintenkiller. Das Problem einer schlechten Handschrift und Entziffern von Buchstaben fällt weg. Das kann positive Auswirkungen auf die Korrektur haben. Nicht umsonst wird bei Büchern, oder Zeitungen auf Zeilenabstand und Schriftart geachtet. Das Lesen wird angenehmer. Eine Schülerin oder ein Schüler mit einer schlechten Handschrift hat keine Nachteile mehr.

Schönschrift war gestern

Dass die Klausuren in "Reinschrift", oder "Schönschrift" auf extra Papier übertragen werden, ist außerdem nicht mehr zeitgemäß. Wer wurde zuletzt aufgrund seiner schönen Handschrift eingestellt – oder wegen seiner Sauklaue gefeuert? Niemand. Wir leben in einer digitalen Welt. Texte werden im beruflichen Alltag ausschließlich auf Tastatur geschrieben – seien es Emails, Artikel, oder Hausarbeiten. In seltenen Fällen Briefe.

Doch selbst in der Schule wird bei einer GFS darauf geachtet, dass die schriftliche Ausarbeitung der Referate sorgfältig erfolgt: die richtige Schriftart und Größe, dazu fünf Zentimeter Randabstand rechts und links, drei oben und unten. Punktabzug, wer die Formalia missachtet. Doch bei der schriftlichen Abiturprüfung ist das plötzlich egal. Hier wird einfach drauf los gekritzelt. Über mehrere Stunden mit der Hand zu schreiben sind die Schülerinnen und Schüler außerdem nicht mehr gewohnt. Geübt wird das meist nur einmal: beim Probeabitur.

Wo bleibt die Digitalisierung?

Das Problem: die Kosten. Nicht jede Schule hat die Möglichkeit für jede Schülerin, oder Schüler einen Rechner für die Prüfung zur Verfügung zu stellen. Doch was ist mit der versprochenen Digitalisierung? "27-mal ist im aktuellen Koalitionsvertrag vom "Internet" die Rede und der Digitalisierung ist ein eigenes, zwölfseitiges Kapitel gewidmet", heißt in einem aktuellen Artikel der Zeit. Abiturientinnen und Abiturienten sollten darauf vorbereitet werden, innerhalb der nächsten Jahre ihre Klausuren digital abzulegen. Schule sollte zeitgemäß sein.

Dass Prüfungen am Rechner stattfinden ist nicht neu. Beispielsweise legt die Freiburger Abiturklasse mit dem Profilfach "Gestaltung- und Medientechnik" am Technischen Gymnasium in Freiburg ein Teil ihrer Prüfung am Rechner ab. Dafür nutzen sie die Programme Photoshop, Illustrator und InDesign.

Geschlossene Netzwerke sorgen für Sicherheit

Geschlossene Netzwerke sorgen dafür, dass die Abiturienten keinen Zugriff auf Daten von außerhalb haben und nicht elektronisch spicken können. Warum sollte das mit einem Schriftprogramm wie Word oder ähnliches nicht gelingen? Die Wortkorrektur auszuschalten sollte technisch nicht das Problem sein. Wie Tippfehler zu bewerten sind, wohl eher. Doch wird die Rechtschreibung bei Abiturprüfungen kaum noch bewertet. Warum dann nicht die Wortkorrektur beibehalten – so, wie es im alltäglichen Leben zutrifft. Bisher hat sowieso jede Schülerin und jeder Schülerin die Möglichkeit, auf den Duden zurückzugreifen: eine analoge Wortkorrektur.

Wer behauptet, man könne trotzdem einfacherer schummeln: Auch in jeder schriftlichen Prüfung gibt es Tricks. Wer auf nicht korrektem Weg sein Abitur schreiben will, findet immer eine Lösung. Doch lässt sich ein Blatt Papier wahrscheinlich einfacherer mit in die Prüfung nehmen, als beispielsweise ein Stick, dessen Dateien man erst runterladen muss.

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