Meine Meinung: Das Bachelor-Studium ist Mist - ich will studieren wie früher!

Lena Prisner

Wenn ihr Vater nostalgisch von seinem gemütlichen Studium erzählt, ist fudder-Autorin Lena Prisner gefrustet. Ihre Meinung über das Bachelor-und-Master-System: "Im Studium finden wir nicht mehr uns, nur noch den geistigen Tod".



„Prüfungen? Hatte ich so richtig, glaub ich, erst beim Vordiplom. Ich musste überhaupt nichts. Aber ich saß trotzdem stundenlang über einer einzigen Aufgabe, weil ich an die Lösung kommen wollte. Das hat irre Spaß gemacht.“


Verträumt, als hätte er einen Schleier vor Augen, denkt mein Vater an seine Studienzeit. Spricht da die Nostalgie, die die Wahrheit verfälscht? Hat er alles Schlechte verdrängt und kriegt von der selektiven Erinnerung nun vorgespielt, er hätte ein glückliches Studentenleben als verwahrloster Physikernerd geführt? Bestimmt fließt da ein unterbewusster, sehnsüchtiger Wunsch nach der Bestätigung meiner Ansicht ein, aber ich möchte ihm so gerne glauben.

Ich möchte glauben, dass das Bachelor-Mastersystem schuld ist, oder der Druck der Arbeitswelt, oder die leistungsbesessenen Studenten – aber irgendwer soll schuld sein.

Ganz bewusst habe ich mir ein Studienfach ausgesucht, das bei jedem die nackenhaarsträubende Frage nach dem Und-was-macht-man-damit, wie ein Urinstinkt, auslöst: Zack, es geht schnell wie beim Ping-Pong. Nicht damit ich diese Frage beantworten darf, Gott bewahre.  Möglicherweise hätte ich ein anderes Fach gewählt, einzig um der Frage aus dem Weg zu gehen.

Nein, ganz naiv dachte ich mir damals: Ich liebe Englisch, liebe Literatur, liebe englische Literatur. Darin will ich mich vertiefen. Ich will endlos in Büchern schmökern, an den Versuchen, sie zu verstehen, scheitern, will wissen, was Geisteswissenschaftler zu sagen haben, rausfinden, was ich zu sagen habe, schreiben, lesen, weiterschreiben, noch mal lesen.

Was ich bekomme, seit fünf Semestern, ist Potenzial, das nie ausgefüllt werden kann. Weil keine Zeit da ist. Ich belege Seminare zu Dystopien, Vorlesungen zur Postmoderne, führe ein linguistisches Projekt durch, in dem ich Gespräche verschiedenen englischen Dialekts aufnehme, transkribiere, analysiere. Aber ich kratze an der Oberfläche von all dem, was, ohne falsche Theatralik, mir das Herz bricht. Meine gesamte Schulzeit habe ich damit verbracht, an der Oberfläche zu kratzen. Verdammt, war es romantisch zu glauben, ich könne im Studium das Eis brechen, und die Windschutzscheibe gleich mit?

Um mich herum ist es nicht anders, nur schlimmer. Ich weiß, ich habe noch die geringsten Sorgen. Psychologiestudenten, die einen Zwölf-Stunden-Tag haben, Mediziner, die auf dem Chorwochenende vor lauter Chemie keine Töne treffen, weil da einfach kein Platz mehr ist. Das musikalische Hirnareal wurde übernommen, vermutlich. Den Krieg hat niemand mitbekommen.

Was ich möchte? Aufhören, vorgekaute, komprimierte Literatur zu schlucken. Sie schmeckt grässlich. Nach der Klausur ist alles vergessen, weil ich selbst nie involviert war in den Prozess der Weiterbildung, ich habe nur funktioniert, und mir beim Funktionieren zugesehen.

Ich denke an meinen Vater in Studienzeiten, stelle ihn mir als zerzausten, mit Leidenschaft für die Wissenschaft vollgepumpten Träumer vor, der sein Leben nicht besser im Griff hat als ich, aber dieses ungewisse, verlorene Umhersuchen in vollen Zügen genießt. Als er damals schlafen ging, hat er vielleicht von der Lösung seiner Aufgabe geträumt. Ich träume vom Versagen in Klausuren.

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