Meine Meinung: Das Angell ist nicht so versnobt, wie alle denken

Ricarda Haaser

"iPhone, Auto, Abi - danke lieber Papi." Dieser Slogan beschreibt die Meinung vieler Freiburger zur ortsansässigen Privatschule recht genau, über keine andere Schule haben Freiburgs Schüler mehr Vorurteile. Das Montessori Zentrum Angell ist die umstrittenste Schule Freiburgs. Auch fudder-Autorin Ricarda Haaser hat eine Meinung dazu. Sie bemüht sich um die Ehrenrettung ihrer ehemaligen Schule.



Wie bonzig ist die Schule?

Den obigen Slogan versuchte schon so mancher Jahrgang an der Angell,- darunter auch mein eigener- als Abimotto durchzusetzen. Bisher wurde dies jedoch von der Schulleitung erfolgreich verhindert. Man befürchtete wohl, diese offene Provokation könnte Wasser auf die Mühlen all jener sein, welche das Angell seit jeher als „Bonzenschuppen“ oder das Abitur als gekauft bezeichnen. In meinen neun Jahren am Angell hatte ich jede Menge Gelegenheit, mir ein Bild davon zu machen, wie bonzig diese Schule tatsächlich ist.

Viele meiner alten Freunde verdrehten die Augen, wenn ich auf meine Schule zu sprechen kam und neue Bekanntschaften musterten mich plötzlich misstrauisch, als rechneten sie damit, dass ich gleich meinen Burberrymantel auspacken würde, oder der Chauffeur um die Ecke gefahren kommt. Von all dem war ich immer weit entfernt.

Die Mitschüler

Zugegebenermaßen traf das nicht unbedingt auch auf alle meine Mitschüler zu. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich auf der Klassenfahrt nach London tellergroße Augen bekam, als einige Mitschülerinnen im Armani-Laden verschwanden, um mir später lässig ihre Einkäufe zu präsentieren.

Ich hätte vergleichbare Mengen höchstens bei H&M erstanden und mich bei Armani wahrscheinlich gar nicht erst durch die Tür getraut. Trotzdem, ich stehe dazu, ich war auf der Angell, meine Eltern mussten sich das Schulgeld nicht vom Mund absparen, aber deswegen bin ich noch lange kein Snob.

Die Eltern

Neun Jahre auf dem Angell verändern einen, keine Frage, meine Freunde auf einer anderen Schule hätten wahrscheinlich nicht alle Eltern gehabt, die Akademiker sind. Wobei es auch hier Ausnahmen gab. Trotzdem: 300 Euro Schulgeld monatlich locken nun einmal ein spezielles Klientel an.

Allerdings sind viele Eltern zwiegespalten: einerseits wünschen sich alle die bestmögliche Bildung, andererseits sollen die Kinder natürlich nicht zu verwöhnten, weltfremden Prinzen oder Prinzessinnen erzogen werden. Nun stellt sich die Frage, lohnt sich das Schulgeld, welches in der Oberstufe sogar noch steigt? Inwieweit ist die Angell tatsächlich staatlichen Schulen überlegen?  

 

Die Schule

Es ranken sich einige Mythen um dieses Thema: Als Abiturientin der Angell kann ich aus eigener Erfahrung berichten, dass man zwischen den verschiedenen Zweigen der Angell unterscheiden muss: Es gibt die Angell Akademie und es gibt das Montessori Zentrum Angell. In Letzterem fällt meiner Erfahrung nach mindestens so oft Unterricht aus, wie an jeder staatlichen Schule auch.

Da kommt es auch mal vor, dass sich der Mathelehrer ein Jahr vor dem Abitur monatelang aufgrund von Krankheit verabschiedet, ohne wirklich ersetzt zu werden. Auf der Akademie sieht dies etwas anders aus, dort fällt praktisch nie Unterricht aus. Manchmal zum Leidwesen der Schüler, sicher aber sehr zur Beruhigung ihrer zahlenden Eltern.

Autos & iPhones

Um zur Überschrift zurück zu kommen: es verfügt sicher nicht jeder Angell-Schüler über ein iPhone, jedoch die meisten. Wobei dies auch an staatlichen Schulen, besonders in gut situierten Stadtteilen, wie zum Beispiel dem Droste-Hülshoff Gymnasium in Herdern, der Fall sein dürfte. Ein Auto zum Abi ist allerdings auch am Angell sicher nicht die Regel. Und schon gar kein Porsche oder Audi.

Nur zur Info: Ich habe keins bekommen und die einzige Freundin von mir, die dieses spezielle Klischee erfüllt, besuchte eine andere Schule. Was die Lehrer angeht, so verfügen diese am Montessori Zentrum natürlich über eine Zusatzausbildung, allerdings ist das auch noch keine Garantie für zwischenmenschliche oder pädagogische Fähigkeiten.

Die Lehrer

Dennoch muss man sagen, dass die meisten Lehrer sehr viel motivierter und einfühlsamer sind, als dies an anderen Schulen der Fall ist. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass die Lehrer am Angell nicht verbeamtet und daher kündbar sind. Bei absolut unangemessenem Verhalten werden sie demnach nicht bloß an die nächste Schule weitergereicht.

Auch üben die Eltern größeren Einfluss aus, besonders in den unteren Klassen, da doch viele darunter sind, welche sich entweder krumm legen müssen, um die Schule überhaupt zu finanzieren oder selbst eine rasante Karriere hingelegt haben und darum große Ansprüche an die Bildung ihrer Kinder haben.

Ehrenrettung

Sicher kommt es nicht auf jeder Schule vor, dass sich beim Elternabend darüber beschwert wird, dass dieser keine zwei Monate im Voraus angekündigt wird, damit die Ärzte-Eltern ihre Nachtschichten rechtzeitig organisieren können. Auch ein Schulpsychologe ist sicher nicht die Regel, dennoch möchte ich zur Ehrenrettung meiner alten Schule sagen, dass die meisten Eltern von ihren Kindern auch einiges dafür erwarten, dass sie auf diese Schule geschickt werden und Schulgeld für sie bezahlt wird. Wer selber Arzt oder Professor ist, möchte schließlich nicht, dass das eigene Kind eines Tages, als etwas anderes „endet“. Vielleicht brauchen manche Schüler einfach einen Schulpsychologen, um ihr Elternhaus zu verdauen.

Die Frage nach dem „gekauften“ Abi, ist eigentlich kaum erwähnenswert, da der Gedanke einfach Unsinn ist, weil alle Abiturienten dieselbe Prüfung bestehen müssen, egal ob staatliche oder private Schule. Natürlich könnte man hier in den zwei Jahren davor bessere Notenpunkte sammeln, als an anderen Schulen, jedoch würde ich mir hierbei kein Urteil anmaßen, da dies einfach lehrer-, fach- und schülerspezifisch ist.

Fazit

Über die Gerechtigkeit oder den Sinn und Unsinn von Noten kann man stundenlang diskutieren. Sicher ist jedoch, dass sich die „Angellianer“ um ihren Schulabschluss zu erlangen, denselben Prüfungen unterziehen müssen und von Prüfern von außerhalb bewertet werden, wie alle anderen auch. Es mag sein, dass Markenklamotten an dieser Schule etwas verbreiteter sind, trotzdem kann man sich auch zwischen Apple-Produkten wohl fühlen und ganz unabhängig von allen Klischees, hatte ich an dieser Schule eine schöne Zeit- ohne dabei völlig abzuheben.

Zur Person



Ricarda Haaser ist 19 Jahre alt, gebürtige Freiburgerin und macht im August 2015 ein Praktikum bei fudder. Danach möchte sie in Tübingen Jura studieren.

 

Meine Meinung

Mit "Meine Meinung" will fudder Menschen eine Plattform bieten, um ihre Meinung zu einem Thema, das in Freiburg debattiert wird, darzulegen. Es handelt sich bei dem Beitrag um die Meinung des jeweiligen Autors, nicht um die der Redaktion.

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  [Fotos: dpa/afp/bz/Gina Kutkat]