Mein liebstes Autogramm

Ein Autogramm vom Idol, vom Star und vom Helden der Kindheit ist eine Erinnerung, die nicht vergeht. Die Geschichten der fudder-Autorinnen und -Autoren über ihre ersten, liebsten, skurrilsten Autogramme, featuring Helmut Kohl, Lothar Matthäus, Tegan & Sara, Tama Sumo, Amanda Palmer und Loomit.

Fabienne: Helmut Kohl

 

Ich bin ein Kind der Kohl-Ära. Ich kann nichts dafür. Meine Eltern sprachen beim Mittagessen über Kohl, Ulrich Wickert tat es nach dem Sandmännchen. Es war die einzige politische Person, die ich kannte, in einem Alter, in dem man noch nicht weiß, was Politik eigentlich ist. Helmut Kohl war wichtig für mich, meine Familie, mein Land, das habe ich verstanden. Ein Fan war ich nicht, auch kein CDU-Wähler. Ich war sieben Jahre alt.

Der Grund, aus dem ich ein Autogramm von einem Bundeskanzler in meinem Fotoalbum kleben habe, ist recht pragmatisch: Helmut Kohl lässt sich unglaublich gut malen. Mit der Feinmotorik einer Grundschülerin lassen sich nicht viele Dinge, geschweige denn Personen treffend zeichnen. Angela Merkel mit ihrer markanten Frisur, den flotten Zweiteilern und tiefen Mundfalten wäre noch gegangen, aber Angela Merkel war damals noch nicht so bekannt. Und Theo Waigels Augenbrauen konnte ich auch nicht malen, weil ich nicht wusste, wer Theo Waigel war. Also malte ich eine große Birne mit zwei Beinen auf mein Blatt Papier. Die bekam noch einen kugelrunden Kopf, eine Alte-Männer-Brille und einen schwarzen Politiker-Anzug. „Der sieht aus wie Helmut Kohl“, sagte Alexandra Spengler, die neben mir im Klassenzimmer saß. Dann malte ich der Birne noch eine dünne, goldgelockte Frau als Accessoire und meine Mutter schickte das Gemälde ans Kanzleramt.

Zum Dank gab es einen maschinengeschriebenen Brief – und mein erstes Autogramm von einer ziemlich wichtigen Person. Manchmal denke ich, ob er mir das mit der Birne vielleicht übel genommen hat?

Bernhard: Tama Sumo



Mein wertvollstes Autogramm stammt von Tama Sumo. Sie ist Resident-DJ im Berliner Club Berghain/Panoramabar. Ich bin ein großer Liebhaber ihrer DJ-Sets, seit ich sie vor einigen Jahren auf einer Afterhour in Berns Dachstock/Reitschule gehört habe. Sie spielt auch mit Abstand die besten House-Sets, pur, roh, leidenschaftlich, wie guter Sex, oder jedenfalls verdammt nahe daran. Seit dieser Zeit habe ich kaum eines ihrer Sets verpasst, das sie im Umkreis von 300 Kilometern gespielt hat. Call me Fanboy!

Daher war ich umso trauriger, dass ich es in diesem Januar nicht zu ihrem Gig nach Basel in die Hinterhof Bar geschafft habe. Im Herbst 2009 veröffentlichte sie ihre Panoramabar-Mixcompilation, legte dann im Rahmen der fudder-Weihnachtsfeier im Waldsee auf, wo ich mir auch die CD signieren ließ.

Heng: Tegan und Sara



Als die neue Live-DVD meiner Lieblingsband Tegan and Sara letzten Herbst in den Vorverkauf startete, konnte ich kaum fassen, was die Deluxe-Version versprach: Es gab zusätzlich zur DVD und CD drei große, handsignierte Poster der kanadischen Zwillinge!

Für ein Fangirl wie mich war es eigentlich Pflicht a) ein Autogramm zu besitzen und b) ein riesiges Plakat in mein Zimmer zu hängen. Und dieses Paket bot mir gleich beide Optionen drei Mal an. Das Begehren war also unermesslich, das Budget leider nicht, so musste ich mich mit der normalen Edition zufrieden geben. Vor ein paar Monaten dann das Wunder: Ich entdeckte im Zimmer einer Bekannten eines dieser Poster und schrie: „OH MEIN GOTT, ICH HASSE DICH, WARUM HAST DU EIN AUTOGRAMM VON DENEN UND ICH NICHT?“

War eine rhetorische Fragen, die Antwort lag auf der Hand: andere Menschen gehen besser mit ihrem Geld um, sodass sie sich Mitte des Monats noch etwas gönnen können. Ich gehöre nicht zu ihnen. Sie erzählte mir, dass sie eines der Exemplare aus Platzmangel noch nicht aufgehängt habe und fragte mich, was ich dafür geben würde. „Alles außer Geld!“, ließ ich sie wissen. Insgeheim dachte ich aber auch: „Gut, prostituieren würde ich mich auch nicht unbedingt.“

Ich zählte alle möglichen Dienstleistungen, die meine Koboldhände erbringen könnten, auf. Und so bekam ich mein liebstes Autogramm, das heute stolz über meinem Bett hängt, im Tausch gegen einen Kochgutschein für ein Drei-Gänge-Menü. Sie müsste den nur noch einlösen irgendwann – aber dazu müsste ich auch erst mal nach Kiel fahren.

Caro: Amanda Palmer

12. Juni 2012. Icq-Chat mit meinem Freund F., der bei einem Radiosender in Berlin arbeitet.

[16:15] Freund F.: Ich möchte Amanda Palmer heiraten.
[16:16] Caro: Ich übrigens auch. Ist sie bei euch?
[16:17] Freund F.: Sie war da, und das Interview mit ihrem Liveset (Solo auf der Ukulele) poste ich gleich online, und HERRJEH IST DIESE FRAU COOL!
[16:17] Freund F.: Also im Ernst jetzt. Hammer.
[16:17] Caro: Ich liebe sie seit dieser einen Fotostrecke in der Spex vor sechs, sieben Jahren. [16:17] Caro: http://i174.photobucket.com/albums/w89/bagsofcats/dresden.jpg
[16:18] Caro: Und sie ist so sie selbst. So toll.
[16:18] Caro: Und so sehr.... fucking artist.
[16:18] Caro: She is the shit. UND ICH BIN NEIDISCH weil du in ihrer Nähe warst.
[16:19] Freund F.: Das kommt noch besser: heute Abend ist so ein exklusives Event mit Meet & Greet mit ihr, und sie weiß jetzt schon meinen Namen von gerade eben und ich bin da dann auch heute Abend. Und es gibt Häppchen und ein Unplugged-Set von ihr und Rumstehen und Coolsein
[16:19] Freund F.: Also das Kickstarter-Event halt, das erste exklusive. Nicht das Konzert übermorgen.
[16:19] Freund F.: Und hach.
[16:20] Freund F.: (Now you may be neidisch.)
[16:20] Freund F.: Ich schick dir gleich den Link, wenn online.
[16:21] Caro: Kannst Du sie küssen? Von mir?
[16:21] Caro: Oder mir was unterschreiben lassen?
[16:21] Caro: Deine Brust?
[16:21] Freund F.: Haha.
[16:21] Freund F.: Sie zeichnet gerade noch was für nächste Woche auf.
[16:21] Caro: IMNOTKIDDING
[16:21] Freund F.: Nee, ich lass' mir nix unterschreiben jetzt. Heute Abend vielleicht.
[16:21] Caro: BITTE! Für deine crazy Freundin!
[16:22] Freund F.: Nee, ich lass mir nichts und nicht mich unterschreiben.
[16:22] Freund F.: Ich mach auch kein Foto von mir mit ihr.
[16:22] Caro: Ein Post-it!
[16:22] Freund F.: Mal schaun.
[16:22] Caro: bittebittebittebittebitte
[16:23] Freund F.: Mal gucken
[16:23] Caro: Sag ihr, dass wir immer 'Map of Tasmania' im Büro singen.
[16:24] Caro: Ich könnte jetzt ein Video davon schicken, zum Beispiel.
[16:24] Caro: Fabienne und ich schicken dir jetzt ein Foto für Amanda.
[16:31] Caro: http://www.flickr.com/photos/caro/7365420782/
[16:31] Freund F.: Sie ist gerade raus.
[16:31] Caro: :(
[16:31] Freund F.: Sorry.

Eine Minute später bekam ich ein Mail von ihm, mit diesem Attachement:



Das Post-it steht jetzt - in einen eigenen silberfarbenen Rahmen - auf meinem Hausaltar.

 

Manuel: Loomit



2003 lande ich zufällig in der Langen Nacht der Museen in Frankfurt. Manuel allein am Main. Ich mache, was man in einer Museumsnacht macht: Museen abklappern. Das Städel, das Römisch-Germanische, die Schirn. Irgendwann wird mir gewahr, dass es in Offenbach eine Graffiti-Ausstellung mit Live-Action gibt. Vor Ort, ein Idol meiner Jugend: der Münchner Sprüher Loomit.

Ich kenne all seine Bilder und weiß sogar, wie er aussieht: In der ersten Ausgabe des Hiphop-Magazins Backspin von 1994 ist ein Interview mit ihm – samt Foto. Klar: Mittlerweile sind neun Jahre vergangen. Aber irgendwie habe ich eine Ahnung, und letztlich werde ich ihn eh an seinem Gesprühten erkennen.

Eigentlich bin ich gar nicht mehr so into the scene. Ich habe mittlerweile andere Prioritäten, bin von Berlin nach Freiburg gezogen, studiere Geschichte und suche mein Glück in der Wissenschaft. Meine Graffiti-Vergangenheit liegt weit zurück. Aber dennoch: Ich bin nervös wie ein Teenie kurz vor einem Meet-and-Greet mit Justin Bieber. Wie sprech’ ich ihn an? „Hallo Loomit, ich bin … äh … war … ein großer Fan von dir“? Nenn’ ich ihn Loomit? Oder Mathias, wie er mit bürgerlichem Namen heißt? Oder siez ich ihn? Immerhin ist er 35 Jahre alt. „Herr Köhler? Entschuldigen Sie bitte: Ich bin … äh … also in meiner Jugend …“

Auf dem Innenhof der Galerie verdingt sich eine Handvoll Sprüher an ein paar Wänden. Schnell hab’ ich Loomit ausgemacht. Er sieht natürlich anders aus als in der Backspin von vor neun Jahren – zumindest sein Haar ist viel kürzer. Und er trägt Klamotten, die überhaupt nicht nacht Hiphop aussehen. Eine halbe Stunde lang stehe ich nur rum und glotze. Dann umkreise ich Loomit eine viertel Stunde lang, komme ihm immer näher – bis ich plötzlich neben ihm stehe.

Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Ich weiß nur noch, dass er geantwortet hat: „Gib mir noch zehn Minuten, dann bin ich bei dir.“ Nach zehn Minuten war er dann tatsächlich bei mir. Er, Loomit, mein Jugend-Idol.

Ich bin total unvorbereitet und trage kein einziges Blatt Papier bei mir. Ich muss improvisieren und ziehe eine Hardcover-Ausgabe von Dostojewskijs „Idiot“ aus der Tasche. „Cooles Buch“, sagt Loomit. „Wie ist dein Name?“ – „Emir“, sage ich – mein damaliges Pseudonym. „Emir“, wiederholt Loomit und zückt einen schwarzen Stabilo Point 88. Dann legt er sich meinen Dostojewskij auf den Schoß, öffnet ihn und skizziert geduldig sein und mein Pseudonym in den Einband.

„Viel Spaß noch damit“, sagt Loomit und gibt mir das Buch zurück. „Danke“, sag ich. Und: „Tschüss.“ Und vollgepumpt mit Endorphinen kehr’ ich zurück in die Frankfurter Nacht.

Martin: Lothar Matthäus

 

Mein erstes Autogramm stammt von Lothar Matthäus. Damals, irgendwann Anfang der 1990er Jahre als die Bayern noch erfolgreich waren der Loddar noch A-Promi und ich ein kleiner Bube, machte mein Papa mit mir am Samstagmorgen einen Spaziergang zum Colombihotel. Dort stand der Bayern-Bus und einige dutzend Autogrammjäger direkt daneben.

In der Turmgasse entdeckte ich dann den Loddar, der ein Baseballcap tief ins Gesicht gezogen trug um inkognito zu bleiben. Als ich zu ihm ging und nach einem Autogramm fragte raunte er mich an, ich solle verschwinden. Darauf hin rief ich dann laut „Hey! Hier ist der Lothar Matthäus!“ Sofort versammelte sich eine Scharr von Menschen mit Kameras um den Bayern Star, der plötzlich einen auf nett machte. Ich bekam mein heiß ersehntes Autogramm und weiß seit jenem Tag, dass Lothar ohne Kamera nicht kann.

 

fudder-Debatte


Und was war dein erstes, schönstes, bestes, aufregendstes Autogramm?

Du bist gefragt!

 

Mehr dazu:

 
[Fotos: Privat; Angela Merkel und Lothar Matthäus: dpa]