Mein liebster Foursquare-Feind

Réne Sennheiser

fudder-Autor Réne Sennheiser ist leidenschaftlicher Foursquare-Nutzer. Doch seit einigen Wochen macht ihm das Social Network keinen Spaß mehr. Denn: Ein Troll treibt sein Unwesen in der Freiburger Foursquare-Szene.


Ich habe einen Feind in der Stadt.

Ich denke an ihn, auf dem Weg zur Arbeit. Ich denke an ihn, wenn ich Straßenbahn fahre. Ich denke an ihn, wenn ich ausgehe.


Ich kenne ihn nicht, meinen Feind. Aber er benutzt, wie ich, Foursquare.

Ja, mir ist klar, wie albern das ist, einen Feind zu haben, grundsätzlich, und in einem virtuellen Raum wie Foursquare erst recht, und ja, ich habe versucht, erwachsen zu sein, drüber zu stehen, mir das alles egal sein zu lassen. Aber ich kann einfach nicht anders.

Foursquare ist ein lustiges kleines Social Network, das ich seit einigen Monaten gerne benutze. Es funktioniert so: Wenn ich irgendwo bin, dann checke ich mich an diesem Ort über die Foursquare-App auf meinem Smartphone ein.

Das Ergebnis: Dank Foursquare kann ich sehen, wo meine Freunde ihre Mittagspausen verbringen, und mich spontan mit ihnen treffen. Dank Foursquare weiß ich, wer außer mir noch im Dreisamstadion ist, und in meinem liebsten Imbiss der Stadt kriege ich bei jedem Besuch dank Foursquare ein kleines Extra zur Bestellung. Wenn ich irgendwo oft bin, mehr als jeder andere, dann werde ich dort Mayor, Bürgermeister. Ich bin der Mayor meines Arbeitsplatzes, meiner Lieblingskneipe und der Bushaltestelle vor meiner Haustür.

Ich mag es, Mayor an einem Ort zu sein, den ich mag. Und ich mag Foursquare. Mehr, als ich je erwartet hätte. Aber ich mag Foursquare weniger, dank 'User X'. Nennen wir ihn so, meinen Feind. Er hat am heutigen Tag mehr als 250 Mayorships. Das ist viel. Mehr, als man eigentlich als normaler Nutzer haben kann.

Aber User X hat all diese Mayorships. Denn User X hält sich nicht an die House Rules, die Regeln von Foursquare. User X ist ein Foursquare-Troll.

X checkt sich sonntags in geschlossenen Supermärkten und nachts in geschlossenen Bäckereien ein. Am späten Abend ist er angeblich in Postfilialen Freiburger Vororte und in den Bibliotheken obskurer Uni-Institute. Er checkt an Orten ein, an denen er auf gar keinen Fall gewesen sein kann: in WGs meiner Freunde und in ihren privaten Büros. "Don't check in when you're not at a place", steht in den Fouresquare-Regeln. User X, der alte Racker, tut es trotzdem.

Das macht mich wütend.

Ich bin nicht allein mit meiner Abneigung gegenüber X. Viele meiner Freundinnen und Freunde benutzen Foursquare (wir sind wohl alle ein bisschen peinlich) - und alle sind genervt von diesem Spielverderber. "Mit seinem Verhalten hat er mir das ganze Spiel versaut", sagt einer von ihnen. "Manchmal empfinde ich einfach nur noch Hass." "Wenn ich seinen blöden Avatar schon sehe, steigt mir bereits der Puls, denn meistens bedeutet das: wieder ein Mayorship auf unlautere Weise geklaut!", schimpft ein anderer. "Mit Spielgeist und Netzgemeinschaft hat das Verhalten nichts mehr zu tun", beschwert sich ein Dritter.



Wie in jeder Community schweißt der Kollektiv-Hass auf den Troll die Mitglieder zusammen (vgl. auch Karl Gutzkow: "Halte dir einen tüchtigen Feind! Er wird dir ein Sporn sein, dich zu tummeln."). Seit unsere Mayorships ständig in Gefahr sind, von User X mit unlauteren Mitteln genommen zu werden, kommunizieren meine Freunde und ich sehr viel mehr miteinander. Wo ist er? Was tut er? Welches Mayorship hat er heute geraubt? Gemeinsam jammert es sich besser. Foursquare tut schließlich noch nichts gegen Missbrauch des Netzwerks. Und man kann und will ja auch nicht zum virtuellen Blockwart werden, oder die Foursquare-Polizeiauf den Plan rufen.

Nachdem er mir die ersten Mal Mayorships abgejagt hatte, dachte ich, User X sei ein Bot, ein Skript, ein Fake-Nutzer, betrieben von Foursquare, um mich, einen ohnehin aktiven Nutzer, zu noch mehr Aktivität im Network anzuregen. Ein Anzeichen: Obwohl User X so extrem aktiv ist, hat er noch nicht einmal eine Hand voll Kontakte auf Foursquare, davon keine aus Freiburg. Und überhaupt scheint er unsichtbar zu sein.

Kürzlich kriegte ich eine What's App-Nachricht eines Foursquare benutzenden Freunds. "ICH BIN GLEICHZEITIG MIT USER X AN DER HALTESTELLE EINGECHECKT", schrieb er. "ABER HIER STEHEN NUR OMAS!" Ein anderer erlebte eine ähnliche Szene in seiner Stammkneipe. "Das Mayorship dort ist normalerweise leicht zu verteidigen - aber User X hat er mir geklaut, während ich da war! Das muss man sich mal vorstellen! Einfach so! Überflüssig zu erwähnen: Wir waren die einzigen Gäste, und zu dieser Zeit kam niemand in die Kneipe oder verließ sie."

Und trotzdem: Ich glaube, er ist doch menschlich. Wäre er ein Bot, dann ein schlecht programmierter. Aber wer ist User X? Wie verbringt er seine Tage, dass er so viel Zeit darauf verwenden kann, sich an Orten im gesamten Freiburger Stadtgebiet einzuchecken? Was treibt ihn dazu, unser lustige kleine Spiel zu stören? Einfach nur allgemeines Trolltum? Und: Ist er uns allen in seiner Beharrlichkeit und Liebe zur Subversion nicht doch sehr ähnlich? Könnten wir nicht eigentlich alle Freunde sein?

Wie hat Sun Tzu noch geschrieben? "Halte deine Freunde nahe bei dir, aber deine Feinde noch näher." Vielleicht sollte ich ihm einfach mal eine Freundschaftsanfrage schicken.

Mehr dazu:

[fudder-Autor Réne Sennheiser heißt zwar eigentlich anders, ist allerdings garantiert kein Bot. Bild 1: Foursquare, Bild 2: Screenshot]