Mein letztes Mal?

Dirk Philippi

Die Eishockey-Saison in Freiburg ist vorbei und noch weiß niemand, was werden wird. In der unguten Vorahnung, am vergangenen Sonntag vielleicht das letzte Spiel in der altehrwürdigen und geliebten, aber sanierungsfälligen Freiburger Franz-Siegel-Halle gesehen zu haben, hat unser Eissportenthusiast Dirk seine ganz persönlichen Gedanken protokolliert.



Es ist Sonntag, der 22. März 2009, der Eishockeyzweitligist, die Wölfe Freiburg, feiert seinen Saisonabschluss und schon seit dem Aufstehen ärgert mich das Gefühl, ich könnte heute zum letzten Mal in meiner Halle zu Besuch sein.


Seit 40 Jahren empfängt die Franz-Siegel-Halle große und kleine Eishockeyspieler, junge und ältere Schlittschuhläufer, Eistänzer, Eisstockschützen sowie solche Besessene wie mich. Vor zwei Jahrzehnten bin ich das erste Mal von der Schweizer Grenze aus zu einem Spiel des EHC Freiburg gefahren und habe das bis heute an annähernd jedem Wochenende zwischen Herbst und Frühling wiederholt.

Ich habe im Freiburger Eisstadion als Fan Auf- und Abstiege miterleben dürfen, habe Länderspiele besucht, bin selbst mit dem Puck übers Eis gekurvt, habe dort meinen Sohn ins Training gebracht und auf der Suche nach Geschichten unzählige Stunden verbracht. Die Halle im Freiburger Westen kennt alle meine bisherigen Freundinnen, sie hat mit mir mein Abitur und Staatsexamen gefeiert, meine Familie begrüßt und mir stets liebevoll und treu ein zweites Zuhause geboten. – Und nun?



Als ich im Innenhof des Stadions ankomme, direkt neben der Vereinskneipe, wo ich einst mit ehemaligen russischen Spitzenspielern Pelmeni kochen und essen durfte, und das blaue Zamboni-Tor passiere, treffe ich dort den Chef der Eishockeyprofis, Holger Döpke. Der Sarkasmus schneidet ihm einen Ausdruck, irgendwo zwischen Trauer, Wut und Verzweiflung ins Gesicht: „Und Dirk, auch ein letztes Mal hier heute?“ – Ich aber sage nichts, begrüße die Ordner wie hunderte Male zuvor, auch den einen, der einst die Halle vor einem Brand gerettet hat, und mir wird immer mulmiger zumute.



Warum ich schon so lange hierher pilgere, hat vor allem zwei Gründe: Ich kenne nahezu alle meine Freunde über das Freiburger Eishockey und zum anderen liebe und verehre ich einfach diesen nicht nur schnellsten, sondern, aus meiner Sicht, auch schönsten Sport der Welt. „Friends, Speed, Skills & Spirit“ haben mich 20 Jahre lang beinahe magnetisch in dieses Stadion gezogen. Und nun soll alles vorbei sein?

An den Wänden im Durchgang hinunter zur Eisfläche erinnern Bilder an vergangene Zeiten. An renommierte Spitzenclubs, die sich hier teils heftigste Kämpfe gegen den Abo-Außenseiter aus dem Breisgau geliefert haben, oder an die Anfänge des Freiburger Eissports, zu einer Zeit als man unter den Stadtoberen wie Ex-Oberbürgermeister Eugen Keidel noch Wertschätzung genoss, auf der Halle aber auch noch kein Dach hatte. – Heute hat man weder Wertschätzung noch ein (sicheres) Dach.



Es sind die Damen und Herren Politiker, die mich wütend machen! Wie ein leidig geduldetes Übel hat man die Eissportenthusiasten, die 200 Nachwuchsspieler sowie Eishockeyprofis jahrelang neben dem großen und öffentlichkeitswirksamen Fußball dahinvegetieren lassen und die soziale Verantwortung auf die leichte Schulter genommen, um nun heute die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, als hätte man das alles nicht schon viel früher ahnen können. Vielleicht ist das marode Dach ja aber auch nur die gerechte Strafe für die Ignoranz, die man den Eishockeyanern entgegenbrachte. - Doch sind sie nun auch bereit, die Strafe anzunehmen?

Ich schiebe den schweren Kunststoffvorhang zur Seite, wie es schon Weltstars wie Wayne Gretzky, Mark Messier, Steve Yzerman oder Sergej Fedorov getan haben, und sehe das Eis, die Zuschauerränge und das Dachgebälk plötzlich aus ganz anderen Augen.



Ein wenig ist dieser Ort wie ein Fotoalbum meines Lebens. Jede Ecke, jede Treppenstufe, ja sogar die verranzten, widerlichen Toiletten wecken Erinnerungen über Erinnerungen. Und nun, da sich auf dem Eis die Wölfe-Profis gegen die eigenen Nachwuchshoffnungen und ehemaligen Helden ein entspanntes Saisonabschlussspielchen liefern, habe ich Angst, dass damit die letzte Seite des Albums beklebt sein könnte.



In der Drittelpause kaufe ich zum ersten Mal überhaupt ein Los für das traditionelle Torwandschießen und treffe Wolfgang Kunkler, den Präsidenten des EHC. Das mittlerweile fast noch größere Problem als die notwendige Dachsicherung sei der Brandschutz, und dass zum Beispiel unsere geliebte kleine Pressetribüne aus Holz wegmüsse, erklärt er. Ich frage mich ernsthaft, ob es weltweit noch ein anderes Land außer unserem gibt, das sich an Sicherheitsfragen so sehr aufgeilt. Ich meine, nichts gegen die angedachte Dachabstützung, schließlich soll hier niemandem der Himmel auf den Kopf fallen, aber Brandschutzmaßnahmen in Höhe mehrerer Millionen? Ob es vielleicht dem ein oder anderen sogar ganz recht ist, wenn die Kosten in die Höhe steigen?



Als ich nach dem Spiel Richtung Kabinengang laufe, um mich von den Spielern zu verabschieden und mir unterwegs die Glückwünsche zum erfolgreichen Torwandschuss abhole, hoffe ich, dass das ein gutes Zeichen war und sehe in der Ecke vor der Eismaschine plötzlich den verstorbenen Dr. Georg-Heinrich Kouba vor meinem geistigen Auge. Der „Doktor“, der so sehr und intensiv für diesen Sport in meiner Stadt lebte, war mir schon immer ein Vorbild und ich zwinkere ihm zu, als wolle ich ihm versprechen, so leicht nicht aufzugeben.



Kurz vor dem Ausgang dann sehe ich endlich auch noch Frau Sonner wieder. Die rüstige Eishockey-Oma, die in wenigen Wochen ihren 85. Geburtstag feiert, geht seit fast 40 Jahren in die Franz.-Siegel-Halle. Und als würde auch sie eine ängstliche Vorahnung quälen, hat sie heute ihren Stammplatz verlassen, um noch einmal ganz nah bei ihren „Lieben“ zu sein. Sie schüttelt die Hände der Spieler, lacht plötzlich entschlossen und voller Hoffnung und nimmt mir danach meine Worte aus dem Mund: „Bis nächstes Jahr an dieser Stelle! Das muss so sein und das gehört so – so lange bis wir ein neues Zuhause bekommen!“