Mein Heimat-Problem: Belgien und Deutschland bei der Fußball-WM 2014

Veit-Lorenz Cornelis

fudder-Autor Veit-Lorenz Cornelis hat ein Problem: Er ist Fußballfan, Belgier und Deutscher. Und wenn der Fußballgott es nicht gut mit ihm meint, fliegt eine der beiden Mannschaften morgen aus der WM - oder sie spielen im Achtelfinale gegeneinander. Wie sich so ein Fußball-Heimat-Problem anfühlt:



Heimat isch dort
wo ai'm d'Leut
so gut verstehn
dass mer manchmol
scho beim Schwätze merkt
's wär besser g'wese

mer hätt's Maul g'halte.

(Harald Hurst)

Ich muss mich erklären

Es wird der schlimmste Tag dieser WM. Ja, wirklich. Denn ich weiß: Ich habe etwa sechs Stunden Stress vor mir. Fußball-Stress. Warum? Ich bin Sohn einer deutschen Mutter und eines belgischen Vaters. Ich gestehe: Ich bin bi! Also binational.

Aufgewachsen in Deutschland, habe ich als junger Mensch Urlaubs- und Familienfesterfahrungen in meiner ausländischen Heimat gemacht. Habe fremdsprachlichen Telefonaten der Eltern gelauscht und bei so manchem Besuch der Familie einfach mal gar nichts verstanden.

Habe erst in adoleszenten Reifeerfahrungen die Vorteile von Oma und Opa, Onkel und Tante im Ausland gemacht. War stolz, allen zu erzählen: Ich bin auch Belgier! Also zu 50 Prozent.

Also ich hab' zwei Heimaten. Und mit diesen Heimaten habe ich: zwei Sprachen, zwei Nationalgerichte, zwei Präsidenten, zwei Hauptstädte, zwei Fußball-Ligen, zwei Nationalmannschaften. Und nun das: Beide spielen morgen um den Einzug ins Achtelfinale der Fußball-WM in Brasilien. 18 Uhr: Deutschland. 22 Uhr: Belgien.

Ich werde bei beiden Spielen mit einer mittleren Herzfrequenz von 120 Schlägen pro Minute vor dem Fernseher sitzen. Werde beiden meine Daumendrückenergie zukommen lassen. Werde bei beiden auch nach einem frühen 0:1 Rückstand nicht die Hoffnung aufgeben. Werde bei beiden einen Freudentanz aufführen, wenn das Achtelfinale gebucht ist.

Nur der (Fahrrad-)Corso findet für mich frühestens um Mitternacht statt. Während Deutschland vielleicht schon feiert, halte ich für Belgien die Konzentration so hoch wie ein Fluglotse.

Doch eines darf nicht passieren

Eine Sache jedoch ist möglich. Ich habe meine Augen bisher davor verschlossen. Doch mit zunehmender Turnierdauer und derzeitigem Stand (Deutschland: 4 Punkte, Belgien: 6 Punkte) durchaus im Bereich des Möglichen: ein Achtelfinale Belgien gegen Deutschland. Gruppenerster gegen Gruppenzweiter.

Bitte, bitte, lieber Fußballgott oder Fußball-Buddha oder Fußball-wasweißich: Lass es nicht dazu kommen! Nicht so früh im Turnier! Nicht schon im nächsten Spiel!

Ich spüre schon den Vibrationsalarm meines Handys – Anrufe einschlägiger Fußballfachleute, die ihren Senf zu dieser Paarung gerne mit mir teilen möchten. „Du kommst doch von da. Also zu 50 Prozent. Erzähl' mal. Ist der Hazard wirklich so gut? Und welche Rolle spielt Lukaku im System der Belgier?“

Dazu stößt die Faust'sche Zerrissenheit während des möglichen Spiels: Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust ...

Dazu am Ende in jedem Fall dieses bittersüße Gefühl: Niederlage versus Euphorie. Die Hymne dazu: "In a Sentimental Mood" von Duke Ellington und John Coltrane. Erbarmungslos stößt diese Musik jede Freude beiseite, und irgendeine Trauer gesellt sich hinzu. Ich kann das nicht. Noch nicht jetzt.

Das Heimat-Problem

Es ist dieses Heimat-Problem, dass ich habe. Ich bin Freiburger. Und irgendwie halt auch Belgier. Ich wohne hier und liebe dort Familie, Essen, Bier und die Weite Flanderns. Ich höre in herbstlichen Momenten Jacques Brel und freue mich auf den nächsten Brüssel-Besuch.

Was ist Heimat? Der Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger schreibt dazu gerne in Worten, die Heimat zu etwas Großem formen. So nennt er meine Generation Globaleuphoriker und sagt: Für uns ist „die Welt heute Heimat“.

Schön gesagt, Herr Professor Bausinger. Und Sie schreiben weiter: „Überhaupt ist der Sport ein Feld, in dem die meisten Menschen die Versöhnung von globalem und lokalem Denken gelernt haben.“ Herr Bausinger, darf ich Sie in diesem Fall morgen zitieren, wenn der bereits erwähnte mitternachtliche Schmäh-Anruf entgegenzunehmen ist?

Mein Heimat-Problem löst das ganze natürlich nicht wirklich. Vielleicht geht ja auch alles gut aus, und beide scheiden morgen noch aus. Unwahrscheinlich. Doch es wäre eine sehr protektive Prophylaxe für meine Psyche.

Heimat ist da, wo man sich sicher ist, auch wirklich verstanden zu werden. Vielleicht sollte ich die Spiele einfach bei meinen Eltern schauen. Zuhause. Mal sehen.

Mehr dazu:

[Fotos: dpa]