Mein Häs stinkt

Felix Held

Erhaben, feierlich, abstoßend, wild: Warum ein Wembacher Steinbühlhüpfer jedes Jahr wieder sein Narrenkleid überstreift und sich ins alemannische Fasnachtsgetümmel stürzt. Ein Text, so schön und romantisch wie die ganze Fasnet:



Nach der letzten Fasnacht habe ich es reinigen lassen, und nach der vorletzten und der vorvorletzten … Doch es bringt nichts, mein Häs stinkt. Der Filz ist mittlerweile einfach so imprägniert mit den verschiedensten Alkoholika und Mischgetränken, dass selbst die gründlichsten Chemikalien keine Chance mehr haben, dem Dunst ernsthaft gefährlich werden zu können. Und eigentlich ist das auch gut so. Denn es hat immer wieder etwas Erhabenes, Feierliches und doch auch leicht Abstoßendes und Wildes, wenn ich mich zum ersten Umzug der Session in meinen Fasnachtszwirn schmeiße.


Erhaben, feierlich, abstoßend und wild. Diese vier Adjektive, die mein Häs, also quasi meine närrische Berufskleidung, beschreiben, bilden für mich auch das Spannungsfeld, in dem sich die Fasnacht bewegt. Vermutlich habe ich mir auch deswegen bisher noch kein neues machen lassen. Erhaben ist die Fasnacht deswegen, weil sie sich aus den anderen vier Jahreszeiten heraushebt, das ist ihr Wesen.

An der Fasnacht geht es auch mal wild zu

Und sie hebt sich eben dadurch heraus, dass sie feierlich ist – und zwar im Wortsinne. Vier oder fünf Tage am Stück durchfeiern – und zwar nicht alleine, sondern zusammen mit vielen Tausend anderen Närrinnen und Narren in der ganzen Region, das war früher vermutlich schon ein Anachronismus, ist es aber in der heutigen Leistungsgesellschaft erst recht. Und diese extreme Feierlichkeit, beziehungsweise diese extremen Feierlichkeiten sind es sicher, die auf viele Menschen abstoßend wirken – zumal wenn sie das fasnächtliche Brauchtum nicht so in die Wiege gelegt bekommen haben wie ich. Weil es an der Fasnacht auch mal wild zugeht.

Allerdings darf man bei all der Wildheit, die auch mein Häs auszeichnet – es besteht aus grau-braun-grünen Filzflicken und ist mit Tannenzapfen verziert – nicht vergessen, dass ein solches Häs eben ein ganz besonderes Kleidungsstück ist. Es wird nur zu besonderen Anlässen getragen. Und es ist dadurch auch anderem feinen Zwirn nicht unähnlich. Und so oszilliert die Fasnacht für mich oft zwischen den zwei Extremen wild und chaotisch auf der einen und streng reglementiert, ja fast schon rituell auf der anderen Seite.

Jeder hat seine eigenen Rituale

Denn wenn die Fasnacht an sich schon ein altes Ritual ist – meinetwegen, um den Winter auszutreiben –, dann hat vermutlich jeder einzelne Narr, der jedes Jahr aufs Neue während dieser fünften Jahreszeit unterwegs ist, seine eigenen besonderen Rituale für diese kurze, aber intensive Zeit entwickelt.

Für mich läuft die Fasnacht zum Beispiel jedes Jahr in etwa gleich ab. Das, was dem Außenstehenden chaotisch und willkürlich erscheinen mag, hat für mich immer ein festes Muster. Nach dem üblichen Vorgeplänkel mit dem einen oder anderen Umzug, Hästrägertreffen oder Zunftabend vor der eigentlichen Fasnacht, beginnt für mich die Hochzeit des närrischen Treibens am Mittwoch vor Hemdglunki.

"Hoorig, hoorig, hoorig isch die Chatz"

In meiner Heimat, dem Wiesental – zumindest im katholischen Teil, bei der Fasnacht spielt das ja noch eine Rolle – ziehen die Weißen Hemden am Abend des Faiße Donnschdig durch die Gassen. Dann werden die Saubloodere ausgepackt – der Metzger des Vertrauens kann da aushelfen – und mit Gesang geht es durch die Stadt. "Hoorig, hoorig, hoorig isch die Chatz", schallt es dann in breitem Alemannisch durch die Gassen.

Bevor ich mir allerdings das alte Nachthemd überwerfen und den wilden Teil der Fasnacht beginnen kann, stehen für mich eben noch der Mittwochabend und der Donnerstagnachmittag auf dem Programm. Am Mittwoch heißt es aufbauen für die Kinderfasnacht, die mein Verein jedes Jahr am Faiße Donnschdig veranstaltet. Mittlerweile gibt es sie wohl schon seit 30 Jahren. Meine Eltern haben damals mit ihren Mitstreitern den Nachmittag für die Kinder ins Leben gerufen. Mein Vater war Gründungsmitglied der Steinbühlhüpfer Wembach 1975, meine Mutter ist kurz danach beigetreten. Mittlerweile sind beide längst Ehrenmitglieder. Auch ich bin natürlich früher als Cowboy oder Musketier durch die Halle gerannt und habe mir wilde Konfettiduelle mit Freunden geliefert.

Heimreise ungewiss, bisher aber erfolgreich

Viele von ihnen sind heute auch im Verein dabei und helfen, diese Tradition auch an die nächste Generation von Narren weiterzugeben. Jedes Kind erhält eine Wurst mit Brot und ein Getränk, gespendet von der Gemeinde. Auch das ist seit Jahrzehnten so und bleibt es hoffentlich noch lange. Fasnacht auf dem Dorf eben. Nicht spektakulär, aber ehrlich.

Ist dieser arbeitsame Teil der Fasnacht vorbei, geht das Ritual weiter. Jahrelang gab es für mich zum Hemdglunki-Auftakt ein Schnitzel mit Brot am Stammtisch der immer gleichen Gaststätte in Schönau. Im vergangenen Jahr hatte sie allerdings über Fasnacht geschlossen – ich bin dann an Hemdglunki gleich daheimgeblieben. Der Schock über den Ausbruch aus meinem angestammten Fasnachtsablauf war zu groß. Leider hat der Vier Löwen in Schönau auch in diesem Jahr über Fasnacht wieder geschlossen. Ich muss mir also wohl doch etwas anderes einfallen lassen.

Nachtumzug in Maulburg als Höhepunkt

Am Fasnachtsfreitag lasse ich es meistens etwas ruhiger angehen, weil mir da Hemdglunki noch in den Knochen steckt. Manchmal geht es allerdings auch an diesem Tag noch spontan in die eine oder andere Beiz. Richtig wichtig und ein Höhepunkt ist für mich der Nachtumzug in Maulburg. Um 16 Uhr geht es in Wembach auf den Bus. ÖPNV ist angesagt, Heimreise ungewiss, aber bisher immer erfolgreich.

Es ist zwar auch schön, ab und an einen neuen Umzug, eine neue Facette im Fasnachtsprisma der Region zu entdecken, doch meistens zieht es mich doch wieder zu den Orten, die ich in vielen Jahren liebgewonnen habe. Maulburg also. Das Konfettiverbot hier ist zwar ärgerlich, doch im Endeffekt kein Problem. Die Zuschauer sind meist zahlreich und für jeglichen Schabernack zu haben.

Ein lauter Urschrei erschreckt auch coole Typen

Auch der gehört für Häs- und Maskenträger zur Fasnacht natürlich dazu. Dabei ist es ein Klischee, dass Hästräger am liebsten Frauen erschrecken. Ich bin da für Gleichberechtigung. Drei, vier schnelle Schritte, ein großer Satz – schließlich heißen wir ja nicht umsonst Steinbühlhüpfer – und ein lauter Urschrei reichen, um auch den coolsten Typen erschreckt ein paar Schritte zurückweichen zu lassen.

Am schönsten in Maulburg ist es allerdings immer in der Kaffeestube. Während unten in der Halle die Guggenmusik steppt, ist es hier fast schon beschaulich. Man trifft gute Freunde von anderen Cliquen, trinkt zusammen einen Kaffee, gern auch mit Schuss, isst ein Stück Kuchen und unterhält sich einfach – bevor es dann wieder ins Getümmel geht. Meist geht das Ganze bis um zwei, drei Uhr nachts. Und die wird kurz, wobei Schlafmangel über Fasnacht ohnehin eher die Regel als die Ausnahme ist. Am Sonntag heißt es um neun Uhr aufstehen, langsam wach werden, wieder ins Häs und gegen elf Uhr ist Busfahren zu einem weiteren Umzug angesagt.

Was ist das Beste am Hexenloch?

Herbolzheim und Emmendingen waren in den vergangenen Jahren meistens die Adressen, die beide für eine aufregende Straßenfasnacht stehen. Beide haben ihre ganz eigenen Vorzüge. In Herbolzheim gibt es beispielsweise das sogenannte Hexenloch. Eine kleine, urige Bar – oder besser gesagt ein Keller, der vermutlich nur über Fasnacht als Bar genutzt wird.

Das Ambiente hier ist alles andere als chic. Dafür aber gemütlich, sofern man bei einer lautstarken Beschallung mit Fasnachtsmusik von Gemütlichkeit sprechen kann. Und das Beste am Hexenloch? Ganz klar: Im Stockwerk drüber serviert der Wirt jedes Jahr die verschiedensten Schnitzelvariationen. Schnitzel und Fasnacht scheinen für mich also auch irgendwie zusammenzugehören, wenn ich richtig darüber nachdenke.

Alte Bekannte treffen

Emmendingen ist größer als Herbolzheim, das wirkt sich an der Fasnacht schon dadurch aus, dass sich das Gedränge nach dem Umzug etwas mehr verteilt. Allerdings ist es auch hier wie so oft an der Fasnacht: Ich treffe alte Bekannte, die ich zum Teil schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe und von denen ich auch keine Ahnung hatte, dass sie überhaupt dort unterwegs sein würden.

In Emmendingen war das zum Beispiel mal eine alte Bekannte aus Teningen. Ich hatte sie sicher fast zehn Jahre nicht gesehen. "He, ich war auf deinem 18. Geburtstag eingeladen", hat sie mir zugerufen. Ich habe kurz geschaut und sie dann erst erkannt. "Mein Cousin kommt aus der Fröhnd", hat sie mir erzählt. Das wusste ich nicht, es ist aber ein lustiger Zufall, denn Fröhnd ist nur ein Dorf weiter als Wembach. Solche Geschichten passieren an der Fasnacht. Man kommt eben unter die Leute.

Nach den Ausflügen nach Herbolzheim, Emmendingen oder einer anderen Fasnachtshochburg geht es am Fasnachtssonntag abends heim ins Wiesental, ins Bett aber natürlich noch nicht. Der Preismaskenball in Aitern steht auf dem Plan. Hier ist es keine Überraschung, alte Bekannte zu treffen. Schließlich ist das Obere Wiesental – polemisch ausgedrückt – ein großes Dorf, das aus vielen kleinen Dörfern besteht. Ich finde das toll. Und das Tollste am Preismaskenball ist, dass es auch heute noch so viele Verrückte gibt, die sich tagelang hinsetzen, um sich selbst eine originelle Verkleidung zu schneidern und zu basteln. Da kann ich als Hästräger nicht mithalten.

Sportlich muss der Narr sowieso sein

Bin es an den Umzügen ich, der Schabernack mit den anderen treibt, haben in Aitern die anderen die Maske auf und ich muss und darf mich necken lassen. Wobei die Mittel hier zuweilen recht derb sind. Eine Ladung Knoblauchöl ins Gesicht brauche ich nicht unbedingt. Ganz zu vermeiden ist es manchmal nicht. Wer austeilt, muss natürlich auch einstecken können.

Zur Hirnauslüftung erfolgt der Heimweg von Aitern – etwa eine halbe Stunde – meist zu Fuß. Sportlich muss der Narr ohnehin sein. Würde der Smartphone-Akku mithalten, wäre es ein nettes Experiment, einmal eine Kilometerzähl-App mitlaufen zu lassen. Ein Halbmarathon würde über die Tage locker zusammenkommen.

Terminkorsett gibt Orientierung

Der letzte Schlag der Fasnacht für mich kommt am Rosenmontag. Auch hier ist Orientierung am stets gleichen Terminkorsett angesagt. In den geraden Jahren sind die Steinbühlhüpfer beim Rosenmontagsumzug in Todtnau dabei, in den ungeraden in Schönau. Aber egal, welcher Umzug besucht wird, ein Abstecher auf den Marktplatz in Todtnau ist in neun von zehn Fällern für mich drin.

Die Todtnauer schaffen es, ihren Marktplatz regelmäßig in einen Tanzsaal zu verwandeln. Offiziell muss hier um 22 Uhr Schluss sein, dann müssen sich die Narren in die Kneipen zurückziehen. Inoffiziell macht der DJ aber meist eine halbe Stunde länger weiter. Schließlich dauert es wieder ein Jahr, bis die nächste Sause startet. Am Fasnachtsdienstag bin ich darüber allerdings nicht einmal so unglücklich. Zumal ich meist das Gefühl habe, das Jahr locker durchschlafen zu können – bis zur nächsten erhabenen, feierlichen, anziehenden und wilden Fasnacht. Oma, huäste mol!

Der Autor...

... ist Redakteur der Badischen Zeitung und Vorsitzender der Steinbühlhüpfer Wembach 1975 e. V. Die Farben des Häs und damit des Vereins sind Grau-Grün-Braun. Sie stehen für die Farben des Steinbühls in Wembach. Das ist der Hügel, der den Hüpfern ihren Namen gab. Dort findet zum Ende jeder Fasnacht das Scheibenschlagen in Wembach statt. Der Narrenruf der Steinbühlhüpfer lautet "Steinbühlhüpfer – Stuhlbei-Schlüpfer – Oma-Martha – Huästemol". Warum, das weiß keiner so genau. Derzeit haben die Hüpfer etwa 50 Mitglieder, davon mehr als 30 aktive Hästräger.

Mehr dazu:

[Foto: Hildegard Siebold]