Mein Ferienjob im Atomkraftwerk

Marius Buhl

Nils ist Mitte Zwanzig und studiert in Freiburg. In den Semesterferien jobbt er seit mehreren Jahren in einem Atomkraftwerk in der Schweiz. Wie es ist, im AKW zu jobben und ob er Angst bei der Arbeit hat:



Als Grundschulkind dachte ich, dass der Kühlturm des Atomkraftwerks die Wolken macht. Ein paar Jahre später, sah ich ihn als etwas Böses an. Wenn ich heute auf dem Weg zur Arbeit zum ersten Mal das Atomkraftwerk sehe, ist das für mich normal.


Seit vier Jahren jobbe ich in einem Atomkraftwerk in der Schweiz. Angefangen habe ich dort in der Küche. Nach zwei Jahren bin ich in die Wäscherei gewechselt. Vorletzten Sommer habe ich dort mehr als zwei Monate gearbeitet, in diesem Sommer allerdings nur einen. Eigentlich studiere ich in Freiburg; angefangen habe ich mit einer Naturwissenschaft, habe dann aber zu ein paar Geisteswissenschaften auf Bachelor gewechselt. Im AKW jobbe ich, um  mir das Studium zu finanzieren.

Ein Arbeitstag dort sieht so aus: Als erstes muss ich durch ein Drehkreuz in den Gefahrenbereich eintreten, das ist ein bisschen so wie in den U-Bahnstationen von Großstädten. Ich scanne meinen AKW-Ausweis und stecke mir zwei Strahlenmessgeräte an. Eines, das Thermolumineszenzdosimeter (TLD), misst meine tägliche Strahlenbelastung, das andere, das Electronic Personal Dosimeter (EPG), zeichnet den Verlauf der Strahlenbelastung über meine gesamte Arbeitszeit auf. Insgesamt darf ich 4000 Mikrosievert in einem Jahr aufnehmen. So bin ich immer gut abgesichert. Als erstes gehe ich in die Umkleidekabine und ziehe mich komplett um. Das AKW stellt alle Kleidung, damit wir sie bei hoher Verstrahlung einfach wegwerfen könnten und nicht unsere eigene Kleidung opfern müssten. Ich ziehe Zonenwäsche an, also Unterhose und T-Shirt, dazu Socken, Sicherheitsschuhe und einen Overall.

Danach gehe ich in die Wäscherei und beginne meine Arbeit. Der Ablauf ist streng geregelt: als Erstes tasten wir die Wäsche auf Schrauben, Metallteile und Müll ab und prüfen mit Messgeräten, ob diese Gegenstände verseucht sind. Dann kommt die Wäsche in große Industriewaschmaschinen. Schuhe, Unterwäsche, Overalls - alles ordentlich getrennt.

Danach legen wir die Wäsche auf ein Laufband. Ein anderer Arbeiter, ein Strahlenschützer, kontrolliert die Wäsche auf Verstrahlung. Ist der Grenzwert überschritten, läuft das Band rückwärts und wir waschen noch einmal, ist der Wert danach immer noch überschritten, werfen wir die Klamotten weg - in den Sondermüll. Das Abwasser der Waschmaschine fließt in den reaktoreigenen Abwasserablauf und wird dort gereinigt. Dann fließt es in den Fluß, an dem das Kernkraftwerk liegt.

Das Kernkraftwerk in dem ich arbeite ist in fünf Zonen aufgeteilt – in Zone 0 ist die Gefahr verseucht zu werden sehr gering, in Zone 4 ist dieses Risiko deutlich erhöht, da diese am nächsten zum Kern des AKW liegt, wo die Kernspaltung stattfindet. Dort können Arbeiter am ehesten mit verstrahltem Metall oder ähnlichem Material in Berührung kommen. Ich würde da nie arbeiten, weil das Risiko, mit stark verseuchtem Metall in Berührung zu kommen zu hoch ist.

Die Wäscherei liegt in Zone 1, aber manchmal muss ich in Zone 3. Dann trage ich eine Staubmaske, ein zusätzliches Kopftuch, Schuhüberzieher und einen Helm, um mich vor der Luft- und Oberflächenkontamination zu schützen. Näher will ich dem Kern aber nicht kommen.

Bevor ich abends nach Hause gehe, muss ich durch eine Schleuse, die mich auf radioaktive Partikel untersucht. Das Gerät sagt mir dann: “Keine Kontamination” oder “Kontamination rechte Hand” - wobei mir das noch nie passiert ist, denn ich wurde noch nie verseucht. Sollte das einmal der Fall sein, wäscht man die Kontamination einfach ab. Das ist so, als ob etwas Staub auf meiner Hand wäre, den ich mit Wasser wegwische. Da wächst einem ja nicht direkt ein Tumor, wie viele immer gleich denken.

Man muss natürlich schon aufpassen, gerade weil diese radioaktiven Partikel winzig klein sind und man eine Bedrohung, die man nicht sieht, auf Dauer nicht mehr ernst nimmt. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen passen auch nicht mehr so gut auf und werden nachlässig. Irgendwann will ich einmal Kinder haben, deswegen mache ich mir schon Gedanken über die Folgen einer schwerer Verseuchung - Unfruchtbarkeit will ich natürlich vermeiden.

Warum ich trotzdem im AKW arbeite, ist einfach erklärt: Das AKW liegt in der Schweiz und dass Schweizer Arbeitgeber bessere Löhne zahlen als deutsche, weiß jeder. Dazu kommen Nacht-, Wochenend- und Gefahrenzuschlag. Das macht einen Stundenlohn von 24 Franken (rund 20 Euro), circa 4000 Franken (3200 Euro) im Monat. Da meine Eltern noch immer direkt an der Grenze leben, bietet sich das an. Mit dem Geld, das ich während der Sommersemesterferien im AKW erarbeite, kann ich mich dann ein Jahr ganz aufs Studium konzentrieren.

Wenn Leute zu mir in die WG zum Feiern kommen, oder ich sonst unterwegs bin, ist mein Job sehr oft Thema. Leute, die mich neu kennen lernen verstehen nicht, warum ich dort arbeite und werfen mir Sachen vor wie: “Du verkaufst dich an die AKW-Branche!”, “Du unterstützt das!” oder “Du machst dich mit dem Teufel gemein!”

Ich hasse diese Vorwürfe, bin aber mittlerweile so weit, dass ich mich Ihnen stelle. Früher habe ich auch gerne mal verschwiegen, wo ich arbeite, um die lästige Diskussion zu vermeiden. Heute stelle ich einfach Gegenfragen: “Muss ich Atomkraft gut finden, um dort zu arbeiten? Finden H&M-Angestellte Kinderarbeit in Bangladesch gut?”  Ich denke nicht, dass das so ist, trotzdem arbeiten sie da. Irgendjemand muss den Job machen. Wenn ich ihn nicht mache, fängt jemand anderes da an.

Ich bin nicht Homer Simpson und putze auch keine Brennstäbe, sondern wasche einfach verseuchte Overalls und T-Shirts. Ich weiß nicht, warum das schlimm sein soll. Ich kenne einige, die mit mir im AKW arbeiten und die sich trotzdem für die Umwelt einsetzen. Auch ich bin ein sehr umweltbewusster Mensch.

Zudem ist Atomkraft ja auch nicht so schlecht: hoher Energiegewinn mit geringem Ressourcenverbrauch. Das Problem ist natürlich, dass es extrem gefährlich ist. Wenn das Ding in die Luft fliegt, ist alles vorbei. Deswegen finde ich auch gut, dass die Schweiz - wie auch Deutschland - den Atomausstieg beschlossen hat.

In meiner WG hängt sogar eine Atomkraft-Nein-danke-Flagge. Die hab’ zwar nicht ich aufgehängt, sondern ein Mitbewohner, aber sie bringt mich trotzdem zum Grübeln. Ein Widerspruch? Ich denke nicht. Solange es Atomkraft gibt und das AKW läuft, gibt es die Jobs und es braucht Leute, die das machen. Wenn das AKW-Zeitalter bald vorbei ist, bin ich auch nicht böse.

[Anmerkung der Redaktion: Nils hat eigentlich einen anderen Namen. In welchem Atomkraftwerk er arbeitet, haben wir absichtlich unkenntlich gemacht.]

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[Symbolbild: Kernkraftwerk Isar, © Peter Maszlen - Fotolia.com]