Mein erstes Handy: Ein Nachruf

Martin Jost

Schon seit ein paar Jahren war es nichts als ein Stück Elektroschrott in der Schreibtischschublade: das erste Handy von fudder-Autor Martin. Trotzdem konnte er sich lange nicht von ihm trennen. Denn irgendwie war der kleine Knochen aus Plastik und Elektro viel mehr war als nur ein Telefon. Ein Nachruf.



Obwohl es schon viele Jahre nicht mehr funktionierte – und es lag nicht an mangelnder Pflege, sogar die abgebrochene Antenne habe ich einst mit Tesafilm geschient – konnte ich es nie ganz über mich bringen, mein erstes Handy in einem Elektrorecycling-Umschlag zu bestatten. Vielleicht kann man das allererste Irgendwas nie so leicht vergessen.


Für mein eigenes Handy habe ich immerhin kämpfen müssen. Mit 16, im Jahr 2000, als Mobiltelefone in der Er­wachsenenwelt alles andere als allgegenwärtig waren, galt es den Eltern gegenüber eine zweigleisige Ar­gumentation zu fahren. Schließlich fragte sogar die große Schwester: „Wozu braucht der Wanst ein Handy?“

Die erste Sorte Argumente entwaffnete erwartete Einwände: „Ich wünsche es mir zu Weih­nachten! Ich zahle es halb von meinem Taschengeld! Es ist ohne Vertrag, ich kann keine Schulden ma­chen!“ Zweitens vernünftige, erzieherische Gründe: „Fast alle meine Freunde haben eins! Mit einem Handy braucht ihr euch nicht mehr um mich zu sorgen. Wenn ihr abends findet, ich solle nach Hause kommen, ruft ihr mich einfach an!“

Wenn ich meine Eltern durch die Mitführung eines Telefons beruhigen konnte, rechnete ich mir mehr Freiheit im Herumstromern aus. Ein Handy war für meine Generation ein tragbares Abnabelungsgerät. Schon allein, dass man Gleichaltrige auf ihrer eige­nen Nummer anrufen konnte statt über das Haustelefon – „Hallo Frau Pushnikowski, ist Ihre Tochter da? Welche? Ach Sie haben zwei? Drei sogar! Donnerwetter, das ist bestimmt manchmal nicht einfach!“

Zumindest theoretisch emanzipierten wir unsere Kommunikation. Statt an der kurzen Leine des Haustelefons im Wohnzimmer zu sprechen, während die Eltern Fernsehen schauten oder statt sich bei maximaler Kabel-Entfitzung auf dem Boden im Flur niederzulassen, konnten wir in unseren eige­nen Zimmern stundenlang tratschen, palavern und uns verabreden.

Ich sage theoretisch, weil mobil telefonieren in Wirklichkeit verboten teuer war. Wie sehr man sich auch vor Erfindung des Wortes „Flatrate“ mit den Tariftabellen auseinandersetzte – Tarif Weekend, Rush Hour oder Friends? Werktags mittags, abends oder nachts? Wochenende oder Feiertag­vorabend? – selbst kurze Anrufe blieben zu kostspielig für unsere Budgets. Und so begann der Sieges­zug der SMS.

Wir konnten uns ein Handy zwar nicht leisten, aber irgendwie doch

Ich würde schätzen, dass meine Freunde und ich 90 Prozent unseres Prepaid-Guthabens fürs Simsen (noch ein Wort, das es damals gar nicht gab) aufwandten. Der Rest ging für versehentliche An­rufe in der Jackentasche drauf und neugierige Einwahlen ins WAP – eine frühe Form des mobilen In­ternets, das je Minute abgerechnet wurde und dessen nur aus Buchstaben bestehende Seiten ewig brauchten um in das kleine Schwarz-Weiß-Display geladen zu werden.
Noch ein frei erfundener Schätzwert: Bestimmt die Hälfte der verschickten Textbotschaften enthielt die Grußformel: „Kann nicht antworten, Guthaben alle“.

Dank Prepaid-Modell und monatelanger Erreichbarkeit auch bei aufgebrauchtem Guthaben konnten wir uns ein Handy zwar nicht leisten, aber irgendwie doch. Ein Mobiltelefon war 2000 wahr­scheinlich das am wenigsten benutzte immer einsatzbereite Werkzeug unter Jugendlichen. Zusammen mit Schlüsselbund und Portemonnaie gehörte es schnell zu den Dingen, die man nicht zu Hause ver­gessen durfte. Die Freunde wurden schließlich auch immer unpünktlicher oder spontaner. Auf dem Weg zu einer Verabredung konnten einen durchaus noch Nachrichten über eine Terminverschiebung oder einen verlegten Treffpunkt erreichen.

Die einzigen, die man bis heute nicht dazu erziehen kann, mit eingeschaltetem Mobiltelefon aus dem Haus zu gehen, sind unsere Eltern. Für sie ist ein Handy ein fakultatives Luxusobjekt, bleibt das „richtige Telefon“ das Maß aller Dinge. Ich dagegen lebe schon seit Jahren ohne Festnetzanschluss.

Liebes erstes Handy! Für die anderen, die ohne dich groß geworden sind (und für die Jungen, die dich für selbstverständlich halten), wirst du nie die Wichtigkeit haben, die du für uns hattest. Und obwohl du die Zeit der Flatrates, Homezones und lan­gen Unterwegs-Telefonate nicht mehr mit erlebt hast, waren wir viel zusammen. Du bist Schrott, aber du warst mal unersetzlich. Auf dass deine Wertstoffe in einem tollen Smartphone verbaut werden, mit dem mich irgendwelche Grundschulkinder im Bus nerven.

Wozu brauchen solche Wänster eigentlich schon ein Handy?

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