Mehmet für Deutschland!

Adrian Hoffmann

Alle wollen plötzlich Mehmet Scholl. Die Freiburger Frank Enders, 24, Geschichtsstudent, und Sebastian Glemser, 25, Lehramtsstudent, haben deshalb im Netz ihre Aktion Mehmet-Für-Deutschland gestartet - und sind prompt in allen Medien, unter anderem Spiegel Online, zitiert. Gestern hatten sie fast 100.000 Besucher auf der Seite. Wir haben die beiden Fußballfans zu uns in die Redaktion eingeladen.





Jürgen Klinsmann äußert sich verhalten auf Mehmet Scholl. Ist eure Aktion damit gescheitert?

Frank Enders: Nee, überhaupt nicht. Dass Jürgen Klinsmann nicht sofort wegen einer Unterschriftenaktion Hurra ruft und Mehmet Scholl in den Kader nimmt, ist klar.

Aber es ist schon euer Wunsch gewesen, dass er offen darauf reagiert.

Frank: Ehrlich gesagt hätte ich mich gewundert, hätte er offener darauf reagiert.

Sebastian Glemser: Wir sind erstmal überrascht darüber, dass unsere Aktion überhaupt solch eine Resonanz bekommt.

Frank: Wir haben mitbekommen, dass Journalisten Felix Magath gefragt haben, ob er seine Unterschrift dazusetzen würde, wenn noch eine fehlen würde.

Bei wie vielen Unterzeichnern steht ihr denn gerade?

Frank: Heute Morgen haben wir die 100.000er-Marke geknackt.

Und euer Ziel ist die Million!

Sebastian: Ja.

Also gar nicht abgehoben?

Sebastian: Ja, man darf ja hohe Ziele haben. Wir mussten anfangs selbst darüber lachen, als wir diese Hoffnung auf die Website geschrieben haben.

Es könnte ja mittlerweile durchaus so kommen, nach diesem Wahnsinns-Medienecho.

Frank: Ja, durchaus. Wir haben uns heute Morgen getroffen, um eine Presseschau zu machen. Und wir sind heute in der Bild, in der FAZ und in der Süddeutschen.

Mensch, warum habt ihr auf eurer Seite noch keine Werbung geschaltet? Da könnte ja was bei rumkommen.

Frank: Wir kriegen ständig Mails von Sportwettenanbietern, von Sportmarketingfirmen, Hotelvermietungen - und eine Tischtennismannschaft hat angefragt, ob wir sie sponsorn wollen.

Und da habt ihr kein Interesse daran?

Frank: Nee, wir haben gestern nochmal auf unserer Homepage klargestellt, dass es eine Aktion von Fans für Fans ist. Da steht kein kommerzielles Interesse dahinter.

Ja, aber, und was ist mit dem Geld? Studiert ihr irgendwie Philosophie oder so was?

Sebastian: Nee, es ist einfach so: Nachdem bei der WM jetzt soviel über Werbung, Marketing und Sponsoring läut, und uns eigentlich immer nur der Fußball interessiert hat, wollen wir jetzt nicht bei der ersten Gelegenheit, die sich uns bietet, versuchen, Geld zu verdienen.

Sehr rühmlich.

Frank: Wir sind halt Gegner der Kommerzialisierung von Fußball und insofern stand das für uns von vornherein fest.

Ich hab’ da eine These: Ihr seid Bayern-Fans, die nicht damit zurechtkommen, dass Kahn eine Absage bekommen hat. Und jetzt wollt ihr dafür wenigstens noch Scholl.

Sebastian: Dann wären wir Besitzer der Domain www.kahn-fuer-deutschland.de, die es ja auch gibt.

Frank: Die haben uns auch angeschrieben, ob wir da nicht eine Kooperation starten wollen. Aber das überhaupt nicht. Das ist auch nicht als Kritik gemeint an Jürgen Klinsmann. Seine Entscheidungen sind schlüssig, nur Scholl fehlt. Und wir wollen die Diskussion darüber starten. Wenn Klinsmann sich letztlich gegen Scholl entscheidet, müssen wir das akzeptieren. Wir wollen uns da gar nicht als Bundestrainer aufspielen. Und schon gar nicht, weil ich Bayern-Fan bin.Sebastian: Ich bin übrigens VfB-Fan.

Frank: Und das ist auch genau das Interessante daran. Scholl ist über alle Vereinsgrenzen hinweg als grandioser Spieler bekannt. Das sieht man an den vielen Anfragen, ob wir nicht einen Mehmet-Scholl-Fanclub aufmachen wollen. Wenn da vor der WM einer als Heilsbringer stilisiert wird, kommt das natürlich gut an. Viele fragen sich eben, was wir da so machen werden, in diesem Jahr fällt kein deutscher Spieler so richtig auf in der Bundesliga.

Aber es gibt doch noch mehr alte Spieler außer Scholl.

Frank: Ja, aber keinen vergleichbaren, von der ganzen Art her. Er ist nicht der typische Fußballer, wie man ihn kennt. Er ist halt ein wahnsinniger Sympath. Ich meine, das ist einer, der auf Augenhöhe mit Harald Schmidt diskutieren kann, hat er ja bei seinem Auftritt bewiesen.

Ist er so ein bisschen der intelligente Fußballer?

Frank: Er spielt sich in den Medien nicht in den Vordergrund, sondern er spielt auf dem Platz. Man weiß von ihm einfach, dass ihm Fußball Spaß macht.

Ja, gut, aber er verdient schon primär sein Geld damit. Oder?

Sebastian: Das stimmt schon. Aber er taucht in kaum einer Schlagzeile großer Boulevardblätter auf, ist zurückhaltend, das gefällt uns.

Zurzeit gibt es wohl 80 Millionen Bundestrainer. Ihr versteht schon, das Klinsmann nicht alle Wünsche berücksichtigen kann?

Sebastian: Klar. Aber vielleicht macht er ja eine Ausnahme.

Wie viel Ahnung habt ihr denn eurer Meinung nach von Fußball, würdet ihr euch als Experten bezeichnen?

Sebastian: Ich denke, wir haben ein solides Kneipenwissen. Wir treffen uns regelmäßig samstags zur Premierekonferenz.

Ich frage mich die ganze Zeit: Wie um alles in der Welt habt ihr es geschafft, so viele Leute auf eure Seite zu bringen?

Sebastian: Es gab ja vorher schon zwei Pro-Scholl-Websiten, aber die waren einfach kompliziert. Frank hat das sehr gut programmiert, dann haben wir die Adresse in die ganzen Foren geschrieben. Und es kommt halt noch dazu, dass Scholl am Samstag ein Tor geschossen hat, das zweite maßgeblich vorbereitete, und ein tolles Bundesligaspiel gemacht hat.

Frank: Wir haben am Anfang viele Österreicher auf der Seite gehabt, gestern haben sich noch viele Chinesen eingetragen, es ist schon erstaunlich, wie viele Sympathisanten Scholl hat. Vor allem nach dem Spiegel-Online-Artikel hatten wir enorm viele Besucher.

Sebastian: SC-Spieler Andreas Ibertsberger hat sich übrigens eingetragen. Und wir gehen davon aus, dass es wirklich Ibertsberger war.

Und Mehmet Scholl selbst?

Frank: Der hat sich mit Abstand am häufigsten eingetragen.

Hat er sich denn bei euch gemeldet?

Frank: Er hat sich nicht explizit zu der Aktion geäußert, aber wir konnten der Presse entnehmen, dass er sich über den Zuspruch der Fans freut.

Ja, mein Gott, warum ruft der euch nicht an? Wenn der zur WM darf, ist er euch bis an sein Lebensende was schuldig.

Frank: Wenn er zur WM fährt, dann weil er ein begnadeter Fußballer ist. Und nicht wegen uns.