Mega happy, aber erschöpft: Radprofi Jasha Sütterlin über seine erste Tour de France-Teilnahme

Bernhard Amelung

Drei Wochen am Anschlag: Der Freiburger Jasha Sütterlin hat am vergangenen Wochenende seine erste Tour de France beendet. Ein Gespräch über explodierende Oberschenkel und das Gefühl, in Paris über die Ziellinie zu fahren.

Am Sonntag hast du deine erste Tour de France in Paris beendet. Wie geht es dir?

Jasha Sütterlin: Ich bin mega happy, aber noch etwas erschöpft. Mit dem Start bei der Tour de France hat sich mein Kindheitstraum erfüllt. Die Tour de France ist das wichtigste Radrennen der Welt. Jede Mannschaft tritt mit den stärksten Fahrern an. Deshalb war ich schon überglücklich, dass ich es in das finale Aufgebot meiner Mannschaft (Movistar, die Red.) geschafft habe.




Wie hast du dich gefühlt, als du in Paris über die Ziellinie gefahren bist?

Jasha Sütterlin: Ich war super happy. Ich hatte mein großes Ziel erreicht. Ehrlich gesagt kann ich immer noch nicht ganz in Worte fassen, was ich da geschafft habe.



Wie ging es dir am Morgen vor dem letzten Renntag?

Jasha Sütterlin: Vor dem Start ging es mir sehr schlecht. Ich war sehr emotional, wie bei keinem anderen Rennen zuvor. Ich habe realisiert, dass ich mich bis Paris durchgekämpft hatte. Der ganze Druck ist abgefallen.

Du hast trotzdem in einer Ausreißergruppe auf der Avenue des Champs-Élysées angegriffen.

Jasha Sütterlin: Das war unser Ziel. Wir hatten drei Wochen für Nairo (Quintana, die Red.) gekämpft. Nachdem Alejandro Valverde, unser eigentlicher Kapitän, verletzt aufhören musste, sollte Nairo auf das Podium. Am Ende wurde er nur Gesamtzwölfter. Deshalb sollten wir am letzten Tag alles in eine Waagschale werfen. Ich sollte versuchen, vorne weg zu fahren. Ich habe gemerkt, dass ich noch ein paar Reserven übrig hatte und bin all-in gegangen. Aber das Schlusstempo war am Ende doch zu hoch.

Wie sehr hast du das Zeitfahren vom Tag zuvor noch in den Beinen gespürt?

Jasha Sütterlin: Ich bin auch in Marseille all-in gefahren. Mein Ziel war, im letzten Zeitfahren unter die ersten Zehn zu fahren. Am Ende hat es nur zu Platz zwölf gereicht. Aber nach drei Wochen Wettkampf bin ich mit diesem Tagesergebnis trotzdem sehr glücklich.

Nach drei Wochen fährt man einfach am Anschlag.

Jasha Sütterlin: Die Watt-Zahlen sind im Vergleich zur ersten Tourwoche auch relativ niedrig. Man hat einfach nicht mehr so viele Reserven. Aber ich habe mich in der dritten Tourwoche körperlich gut gefühlt. Ich konnte auch Nairo in den Bergen unterstützen, was eigentlich nicht meine Aufgabe war.

Du bist in diesem Jahr wichtige Rennen wie Tirreno Adriatico und das Criterium du Dauphiné Libéré gefahren. Was unterscheidet die Tour de France von diesen Rennen?

Jasha Sütterlin: Die Länge natürlich. [lacht]. Aber davon abgesehen ist bei der Tour de France alles top organisiert. Die Transfers sind kurz. Wir hatten mehrere Physiotherapeuten, einen Osteopathen und einen eigenen Koch dabei. Die Zuschauer an der Strecke feuern jeden Fahrer an und sorgen für eine Wahnsinns-Atmosphäre.

Was hat dich denn ganz besonders beeindruckt?

Jasha Sütterlin: Die hohe Grundgeschwindigkeit, mit der das Feld in die einzelnen Etappen geht. Wir hatten jeden Tag einen superschnellen Schnitt. Sky (die Mannschaft des Toursiegers Chris Froome, die Red.) hat das Feld kontrolliert und das Tempo hoch gehalten. Ich habe am Ende auch einmal nachgeschaut und festgestellt, dass die Tour 2017 die zweitschnellste Tour de France aller Zeiten war. Das ist eine Hausnummer.

Wie hast du das Fahrerfeld erlebt? Wie war die Stimmung?

Jasha Sütterlin: Eigentlich ist es wie bei jedem anderen Rennen auch. Wenn sich zu Beginn eine Ausreißergruppe löst, bleibt man noch mit den anderen Fahrern zusammen und unterhält sich ein bisschen. Aber sobald es in Richtung Etappenziel geht, fahren alle am Anschlag.



Man sagt, sobald es in die Berge gehe, könne man die Tour nicht gewinnen, aber verlieren. Wie hast du die Berge erlebt?

Jasha Sütterlin: Jeder Tag kann zu einer Herausforderung werden, nicht nur in den Bergen. Auf Flachetappen kann es eine Windkante geben, wenn es regnet, wird es super gefährlich, im Feld zu fahren.

Es können auch Defekte auftreten und Stürze dazu kommen.

Jasha Sütterlin: Auf jeder Etappe fährt man voll konzentriert und unterstützt den Kapitän. Schließlich zählt im Rennen jede Sekunde. Das hat man am Ende auch in Paris gesehen. Die Zeitabstände der ersten zehn Fahrer sind relativ gering. Um aufs Podium zu kommen, zählen nicht nur die Ergebnisse der Bergetappen.

Ihr seid Pässe wie Peyresourde, Izoard und Galibier gefahren. Welcher war für dich besonders schwer zu fahren?

Jasha Sütterlin: Die Galibier-Etappe. Nachdem wir über den Col de la Croix de Fer gefahren sind, ging es 15 Kilometer durch ein Tal, und danach direkt in den Berg rein. Erst Télégraphe, dann Galibier. Der Galibier führt auf über 2500 Meter. In dieser Höhe reagiert der Körper super krass auf Anstrengungen. Alles, was über 2000 Meter liegt, ist eine Herausforderung. Da wird es für den Körper schwierig, die volle Leistung abzurufen.



Hattest du einmal das Gefühl, dass dir die Oberschenkel explodieren und du nicht mehr weiter kommst?

Jasha Sütterlin: So ein Gefühl hatte ich schon in der ersten Woche. Auf der dritten Etappe sind wir einen so schnellen Schnitt gefahren, dass ich irgendwann abreißen lassen musste. Ich kam mit den letzten fünf Mann ins Ziel und hatte über 12 Minuten Rückstand. Ich denke aber, so einen Tag erlebt jeder Fahrer.



Wie hast du dich denn auf die Tour vorbereitet?

Jasha Sütterlin: Ich habe in der Sierra Nevada ein Höhentraining absolviert. Hauptsächlich Ausdauer am Berg, um meine Spritzigkeit zu verbessern. Alejandro Valverde war auch dabei. Ich habe mit ihm jeden zweiten Tag trainiert. Leider schied er schon nach der ersten Etappe verletzt aus.

Wie hat sich Valverdes Ausscheiden auf dich und dein Team ausgewirkt?

Jasha Sütterlin: Wir mussten das Beste draus machen. Ich denke, das haben wir auch gemacht.

Wie geht es in diesem Jahr für dich weiter?

Jasha Sütterlin: Am Wochenende fahre ich zwei Nachtour-Kriterien, eines in Krefeld, das andere in Gera. Dann habe ich noch eine Woche frei, mein Körper muss erst einmal regenerieren. Im August beginnt dann die Eneco-Tour. Dort werde ich wahrscheinlich auch als Kapitän an den Start gehen. Ich kenne diese Rundfahrt, das Streckenprofil liegt mir, und ich habe mir einiges dafür vorgenommen. Danach stehen noch zwei Eintagesrennen in Kanada an, und dann geht es auch schon langsam Richtung Weltmeisterschaft in Norwegen.
Zur Person

Jasha Sütterlin, am 4. November 1992 in Freiburg geboren, ist ein deutscher Radprofi. Seit 2014 fährt er für das spanische Movistar Team, das eine Lizenz für die UCI World Tour, die höchste Profiliga im Straßenradsport, hat. Von 2004 bis 2009 fuhr er für den Radsportverein Achkarren, 2010 für das Team Rothaus Baden. 2010 holte er Silber bei den Weltmeisterschaften der Junioren im Einzelzeitfahren, 2012 und 2013 wurde er Deutscher Meister im Einzelzeitfahren (U23). Mit seinem Team Movistar holte er bei den Weltmeisterschaften 2015 Bronze im Mannschaftszeitfahren. 2016 und 2017 wurde er Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften im Einzelzeitfahren. Im Frühjahr 2017 gewann er die dritte Etappe des Etappenrennens Vuelta a Madrid.

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