Vereint im Verein

Medinetz hilft Menschen ohne Papiere, ärztliche Behandlung zu bekommen

Anja Bochtler

Wer im Asylverfahren steckt oder ohne Papiere lebt, hat nur begrenzt Möglichkeit, ärztlich behandelt zu werden. Rund 100 Praxen in der Region behandeln dann kostenlos – dank dem Verein Medinetz.

Hausärzte, Gynäkologen, Zahnärzte, Psychiater: Davon haben sie nie genug – denn die werden am meisten gebraucht. Deshalb freuen sich alle bei der Medinetz-Initiative über solche Praxen, die Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere oder im Asylverfahren kostenlos medizinisch behandeln. Doch auch alle anderen Ärzte, Apotheken und Engagierte sind willkommen beim Einsatz für das Menschenrecht auf medizinische Versorgung. Erst recht in Zeiten, in denen die Unterstützung für Geflüchtete wieder spürbar zurückgeht.


Meist sind es kleine gesundheitliche Probleme

Irgendwann bekam jemand, der seit Jahren ohne gültigen Pass in Freiburg lebte, einen Schlaganfall. Da sei es gelungen, mit der Stadtverwaltung eine Lösung hinzukriegen, erzählt Uwe Honecker – der Patient konnte in ein Pflegeheim ziehen. Einer Frau aber sei, als sie sich den Finger gebrochen hatte, die sofortige Operation verweigert worden und sie habe nur eine Schmerzbehandlung bekommen, sagt Björn Beckmann – dadurch habe sie bleibende Beeinträchtigungen davongetragen. Schwierig war es auch bei dem Mann mit Prostatakrebs, um dessen Behandlung in einer Klinik sie kämpften.

Oft geht es um "harmlose" Dinge wie Schwangerschaften oder kleine Erkrankungen. Immer gilt: Es sind entweder Menschen, die Angst haben, in Erscheinung zu treten, weil ihnen die Abschiebung droht, oder aber sie sind im Asylverfahren – dann erhalten sie nur eine eingeschränkte medizinische Versorgung. Zähne würden schnell gezogen, weil das die billigste Lösung sei, sagt Björn Beckmann – die Lücken bleiben, denn Zahnersatz werde nicht finanziert. Bei Operationen gelte, dass sie nur gesichert seien, wenn der Zustand lebensbedrohlich sei.

"Wir fühlen uns allein gelassen von den öffentlichen Strukturen." Björn Beckmann
Solche Bedingungen wollen die Engagierten bei Medinetz nicht hinnehmen. Das galt auch schon 1998: Damals waren die Mitglieder der mittlerweile aufgelösten Gruppe "Aktion Zuflucht", die Menschen ohne Papiere unterstützte, immer ratlos, wenn jemand, den sie betreuten, krank wurde. So gründete sich Medinetz innerhalb des Netzwerks "Rasthaus" – zu dem unter anderem das "Südbadische Aktionsbündnis gegen Abschiebungen" (Saga) mit Beratung und auch Deutschkurse gehören. Der Arzt Tilman Reblitz, der in der Helios-Klinik in Neustadt arbeitet, war von Anfang an dabei: Damals klapperten die Medinetz-Engagierten Arztpraxen ab, nach und nach entstand ein Netz von derzeit rund 100 Praxen, die ohne Bezahlung helfen.

Auch der Sozialarbeiter Uwe Honecker stieg damals bald in die Medinetz-Gruppe ein. Dort gab’s anfangs mehr Leute mit nicht-medizinischem Hintergrund als heute – inzwischen sind viele Ärzte oder in einem anderen medizinischen Beruf tätig. So wie Björn Beckmann, Assistenzarzt in der Inneren Medizin, Eva Geppert, Assistenzärztin in der Kinderheilkunde, und Lisa Kigele, Ärztin für Psychosomatik. Bei den Beratungen dienstags wechseln sie sich ab, zwischen 70 und 90 Menschen jährlich aus mehr als 20 Ländern kommen bei ihnen vorbei, mehr als die Hälfte leben versteckt ohne Papiere in Freiburg. Dass ihr Netzwerk nötig ist, finden sie traurig: "Wir fühlen uns allein gelassen von den öffentlichen Strukturen", bilanziert Björn Beckmann. Die Stadtverwaltung zeige wenig politischen Willen zur Veränderung, sagt Tilman Reblitz.

In Baden-Württemberg sei die Lage besonders schlecht, ergänzt Lisa Kigele: In mehreren Städten in Thüringen, in Hannover, Düsseldorf, Mainz und vielen anderen Großstädten gebe es Clearingstellen mit Unterstützung für Menschen ohne Papiere. Für Freiburg starten sie bald wieder einen Anlauf, um auch hier eine Clearingstelle oder die Behandlung mit anonymen Krankenscheinen durchzusetzen: Ende Oktober sind die ersten Gespräche mit verschiedenen Fraktionen.