McAlpine & Co: "Wie die Gestörten"

David Weigend

Was Tony McAlpine (Gitarre, Keyboard), Billy Sheehan (Bass) und Virgil Donati (Schlagzeug) am Sonntagabend im Jazzhaus abgeliefert haben, war Frickelwahnsinn in vorgerücktem Stadium. Technikfreaks hatten ihren Spaß. Alle anderen fragen sich: Wer mag sich sowas noch anhören?



Das ist Billy Sheehan, der Oberarzt aus der Bassklinik, heute in irrwitzig hohen Plateauschuhen und mit einer Art Fahrradschloß als Halsschmuck. Sheehan war früher mal bei Mr. Big, inzwischen vertritt er die Meinung, dass es "irgendwie sinnlos ist, der Schnellste zu sein" (Interview Global Bass, Oktober 2001). By the way, er ist es wohl trotzdem. Aber sehen wir Sheehan lieber als Bassmanipulator, der dem Instrument in Hendrixscher Tradition Töne entlockt, die eigentlich in keinen Verstärker passen. In rasenden Tappingtiraden definiert er das Klangspektrum dieses Instruments nach seinem Gusto.


Während Sheehan bei Mr. Big sein Können eher zwischendurch als Kabinettstückchen präsentieren durfte, hat er diese Appetithappen inzwischen zu opulenten Tonvöllereien ausgebaut. Sheehan spielt genialisch und bombensicher. Jeder Ton durchzuckt sein Gesicht, wie ein Elektroshock, seine rechte Hand gleicht einem Zitteraal. In seiner beängstigenden Ekstase bildet Sheehan den aktiven Gegenpol zum eher introvertierten...



...Tony McAlpine. Der sieht ein wenig aus wie der gealterte Inhaber eines Skateboardshops. Unablässig kauend und ansonsten ungerührt sweept dieser Mann seine Major-7-Arpeggios in einem derart extremen Legato hinauf, dass es nur so perlt und flirrt. Ein Augenschmaus wird's dann, wenn McAlpine diese Arpeggios mit delikaten Tappings bekränzt.

Die meisten seiner Alben veröffentlichte McAlpine beim US-Shredderlabel Shrapnel Records. Ein Schrapnell ist ein zum Flachbahnschuss bestimmtes, mit Bleikugeln gefülltes Hohlgeschoss der Artillerie, das infolge Zünderstellung kurz vor dem Ziel zerspringt. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass es Noten sind, die da mit voller Wucht zerspringen, hat man eine wage Vorstellung davon, wie McAlpine klingt, wenn er zum Speedpicking ansetzt. Für zusätzliches Trommelfeuer sorgt...



...Virgil Donati. Dieser Mann gibt große Rätsel auf. Wie lange muss man üben, bis man so spielen kann wie er? Reichen dazu vier Leben? Bekommt man Taktmaße wie 7/14 und 21/16 im Sandkasten beigebracht? Wieviele Arme hat dieser Mensch? Muss man auch in einer Sekte sein, um so zu spielen, wie er? Wie sollte man sich Donati nähern, der irgendwie eine Mischung spielt aus John Hiseman, Billy Cobham und Dave Lombardo? Ein Fan sagt, dass die Bescheidenheit Donatis bewundernswert sei.



Das Dreierprojekt nennt sich Devils Slingshot. Das Repertoire changiert zwischen verquasten Groovehämmern und Fusionkompositionen in ungezügelter Geschwindigkeit, alles ohne Gesang. "Es ist erst das dritte Mal, dass wir diese Songs live spielen", sagt Mac Alpine am Anfang. "Langsam gewöhnen wir uns dran."

Das etwa 90minütige Set wird in brachialer Lautstärke durchgezogen. Da kommt der Teufel durch. Teils ein sehr anstrengendes Konzert, aber letztlich bereichernd.



Setlist: Winter in Osaka / Nederland / Empire in the Sky / Chromaticity / Lay Off / Don't look down / Bastille / Dog Boots / Witch and the Priest / Def Bitch Blues / Suspense / Stream Dream / Drum Solo / X-Mas Island / Encore: Naked



Viel Dank für die Fotos geht an Markus Hagner.