Maxim Biller: Ich schreibe nicht für Frauen

Felix

"Ich will nicht zu viel reden, sonst werden wir alle müde," sagt der Autor Maxim Biller, als er am Mittwoch Abend das Podium im Winterer-Foyer des Theaters betritt. Ein ungewöhnlicher Einstieg für eine Lesung, die zwischen Ironie und Selbstinszenierung angelegt war, wie Felix findet.



Als Biller dann aus seinem neuen Buch „Liebe heute“ zu lesen beginnt, wird deutlich, dass sein Anspruch auf Kurzweiligkeit in einem seltsamen Kontrast zu der Grundstimmung seiner Protagonisten steht.


Es geht um die Beziehung zwischen orientierungslos wirkenden Männern und Frauen. Um das Verhältnis von Begehren und Verlassenwerden. Um die Fallstricke, welche die Sexualität den modernen Großstädtern zur ganzjährigen Paarungszeit legt. In fünf Wörtern: es geht um die Liebe.

Diese Frage auf die es keine Antwort gebe, sagt Biller, habe ihn dazu veranlasst, mehrere Short Storys zu schreiben. Mit ihnen wollte er das uralte, klassische Thema, wie ein Künstler des Kubismus, aus verschiedenen Perspektiven anschauen.

Es sind oft depressive Menschen, die Biller zeichnet. Menschen, die an der Sinnlosigkeit ihres Lebens nicht mehr verzweifeln, weil sie schon resigniert haben. Wie der Vater von Aviva, der sich von den Zeichnungen seiner kleinen Tochter lediglich zu einem Schneebild mit dem Titel „wieso?“ inspiriert fühlt.



Die Überwindung der emotionalen Kälte wird von den Figuren in „Liebe heute“ oft in der Körperlichkeit gesucht. Wobei vor allem die Männer die Agierenden beim Geschlechtsakt sind, die Frauen wirken oft teilnahmslos, „ferngesteuert“ wie es in einer der Geschichten heißt.

Zwischen der Lesung zweier Short Storys betont der Autor dann, dass er zwar nicht absichtlich für Männer geschrieben habe, ganz sicher aber nicht für Frauen. Überhaupt seien Geschichten vielleicht universeller, wenn sie nicht aus einer bestimmten geschlechtlichen Perspektive geschrieben seien.

Ob das überhaupt gelingen kann, bleibt fraglich. Sicher ist, dass es in vielen Geschichten um Sex geht. Aber es fehlt die Leidenschaft. Immer gleich lasse sich der Sex an, eine endlose Wiederholung, wie bei "Täglich grüßt das Murmeltier", resümiert einer der Protagonisten, während er an den Füßen seiner Partnerin lutscht.

Ob er eine feste Beziehung mit ihr eingehen sollte, ob er sie heiraten sollte, überlegt er und kommt zu dem Schluss: „Naja, warum eigentlich nicht.“

Es ist diese Taubheit, diese Gleichgültigkeit im Umgang miteinander, die viele Figuren in dem Buch teilen.  Ihr wahrer Wunsch sei aber nicht die glückliche Vereinigung, kommentiert Biller. „Eigentlich wollen sie verlassen werden.“ In dem Sinne schickt er einer Story voraus: „Es geht gut aus. Die Frau haut ab.“



Zynismus? Vielleicht. Sicher aber ist, das dieser Autor, der mit dem Kopf in die Hand gestützt liest, genau auf die Wirklichkeit geschaut hat. Sie ist es, die Biller interessiert und aus der er seine Geschichten gewinnt. In Bars schnappt er sie auf, von Freunden hört er etwas, aus dem er dann eine Erzählung spinnt. „Literatur muss etwas mit meinem eigenen Leben zu tun haben,“ sagt er.

Dass dieser Wirklichkeitsbezug für einen Autor auch problematisch werden kann, musste Biller am eigenen Leib erfahren. Der Vertrieb des Romans „Esra“ wurde gerichtlich untersagt, nachdem eine Exfreundin Klage eingereicht hatte. Eine Figur des Buchs sei eindeutig mit ihr, der realen Person, zu identifizieren und in entblößender Weise dargestellt worden.

In den neuen Short Storys hat sich Billers eigenes Erleben vor allem in die Orte eingeschrieben, an denen die Protagonisten die „Liebe heute“ erleben: Prag, Billers Geburtsstadt, New York, seine langjährige Wahlheimat, Berlin, sein heutiger Wohnsitz und Tel Aviv, „meine Lieblingsstadt, selbstverständlich.“

Natürlich kennt Biller die Vorwürfe des Narzismus. Und so antwortet er auf die provozierende Frage aus dem Publikum, warum er andere Menschen mit seinen privaten Erlebnissen behellige, gelassen ironisch: „Weil ich Geld verdienen will.“ Dann aber holt er doch weiter aus und gewährt Einblick in seine literarische Arbeit.



Beim Vorlesen der letzten Geschichte sei ihm aufgefallen, wie viel an seinen Texten noch gekürzt werden könnte. Und dass obwohl er seine Geschichten 100 mal gelesen und überarbeitet hat. „Schreiben ist Disziplin. Man muss sich hinsetzen und sitzen bleiben.“

Dafür braucht es wohl die Leidenschaft, die er auf die Frage nach seiner Motivation zu schreiben anführt. „Das ist wohl Veranlagung“, sagt er und hofft, dabei nicht kokett zu klingen. Man ist nie ganz sicher über die Selbstaussagen dieses Autors, der sich an diesem Abend ständig zwischen Selbstinszenierung und Ironie bewegt.

(Fotos von Nadja)

Mehr dazu:

  • Biller liest eine Short Story aus "Liebe heute" (youtube)