Max Frei: Laufen ohne Fanatismus

David Weigend

Max Frei, 32, ist der wichtigste und erfolgreichste Läufer in der fünfjährigen Geschichte des Freiburg-Marathons. Dieses Jahr hat der Sport- und Deutschlehrer vom Rotteckgymnasium das Ziel, seine Schüler über die 21,1 Kilometer-Distanz zu begleiten. Das große Interview über Laufen mit Goethes Wahlverwandschaften, exotische Trainingsrouten und seine Rolle als Talentscout.



Herr Frei, erlauben Sie uns zu Beginn eine naive Frage: was genau bereitet Ihnen beim Laufen Freude?

Ach, diese Frage ist gar nicht so naiv. Das Alleinsein, das Einssein mit meinem Körper, das steht für mich im Mittelpunkt. Auf eine intime Art in der Natur zu sein. Wenn man schnell läuft, verengen sich die Gedanken. Man schüttelt die Weltgedanken ab und man ist nur noch bei seinem Körper und spürt die Natur. Das ist ein sehr intensives Erlebnis. Oft wird man sich dessen auch erst später bewusst, wenn man zurückkommt.

Das klingt fast schon nach Meditation. Aber es ist doch auch Hochleistungssport, was Sie da machen.

Ja, aber das gehört auch ein wenig zusammen. Wenn du gut drauf bist und ein bestimmtes läuferisches Niveau erreicht hast, bekommst du die Fähigkeit, mit dem Tempo zu spielen. Du kannst es rollen lassen, dann wieder das Tempo verschärfen, fliegen und preschen, dieses Laufen ist sehr lustvoll.

Laufen Sie mit Musik?

Praktisch nie. Aber früher, als ich Deutsch studierte, habe ich Kassetten im Walkman gehört, auf denen Goethe gelesen wurde. Manchmal haben sich die Romanstellen mit bestimmten Naturstellen verbunden. Wenn ich heute durchs Katzental laufe, habe ich immer noch die Wahlverwandtschaften vor Augen.



Interessant.

Aber ansonsten laufe ich nie mit Musik. Man versucht ja durch das Laufen auch, wegzukommen von der Berieselung und von dem Multi-Tasking, das man im heutigen Berufsleben zu bewältigen hat.

Bislang sind Sie bei jedem Freiburg-(Halb)Marathon an den Start gegangen und haben ihn entweder gewonnen oder wurden Zweiter. Welche Ambitionen haben Sie dieses Jahr?

Meine Schüler über die Halbmarathon-Distanz mit Spaß ins Ziel zu begleiten. Ich bin Lehrer für Deutsch, Geographie und Sport am Rotteckgymnasium. Nachdem wir vergangenen Herbst bei unserem Sponsorenlauf merkten, dass wir viele talentierte Läuferinnen und Läufer haben, setzten wir uns das Ziel: "21 Schüler für die 21 Kilometer." Seit zehn Wochen trainieren wir.

Sie werden also am 29. März nicht im Spitzenfeld mitlaufen?

Nein. Wahrscheinlich eher 1000 Startnummern und Nadeln organisieren, Blasen abkleben und sowas. Ich werde mit einem Rucksack voller Traubenzucker und Getränke mit meinen Schülern joggen. Wir wollen das Ziel etwa in zwei Stunden erreichen.

Wie alt sind diese Schüler?

Größtenteils 14, sie gehen in die achte Klasse. Es sind auch einige ältere dabei.

14-Jährige laufen den Halbmarathon? Ist das nicht ein wenig früh?

Wie gesagt, vergangenes Jahr haben viele von ihnen gemerkt, dass es für sie gar kein Problem ist, diese Distanz zu laufen. Die Schüler machen das mit Begeisterung. Und organisch hat sich schon oft gezeigt, dass sie das durchhalten. Mein Job ist aber auch, zu sagen: bei diesem Schüler sind die 21 Kilometer drin, bei jenem wäre es doch besser, wenn er nur die S'Cool Run Staffel läuft, also eine Etappe von 7 x zirka 3,5 Kilometer.



Welche Zeiten laufen Ihre talentiertesten Schützlinge über 21,1 Kilometer?

Zwischen 1 Stunde 45 Minuten und 1 Stunde 50 Minuten. Das hängt ein wenig davon ab, wie sie meine Ratschläge für die letzten Wochen vor dem Lauf umsetzen. Wenn sie es richtig machen, können sie mit einem Lächeln im Gesicht in 1 Stunde 45 Minuten ins Ziel kommen.

Wie merken Sie, ob jemand das Zeug dazu hat, ein guter Läufer zu werden?

Weniger über die Leistung, mehr über den Laufstil. Die Leichtigkeit, die Ästhetik, mit der manch ein 14-Jähriger schon läuft. Aber viele Jungs haben in diesem Alter in erster Linie Fußball im Kopf. Ist ja auch okay. Viele kommen erst zurück, wenn sie älter werden und nicht mehr so am Fußball hängen.



Wie definieren Sie Talent bei einem Läufer?

Talent ist sehr viel mehr, als die Anlage der Organe und der Muskulatur. Es gehört auch eine mentale Ausdauer dazu, gerade bei den Jüngeren. Im Spitzenbereich geht es dann um Komponenten wie Verletzungsresistenz und Konsequenz im Training.

Wie oft trainieren Sie mit den Schülern?

Wir versuchen derzeit, das Laufen einmal in der Woche in den Sportunterricht einzubauen. Zusätzlich gibt es die Lauf-AG. Und dann sollten sie schon, neben Fußballtraining oder so, noch ein- oder zweimal laufen gehen in der Woche. Vier Einheiten im Ausdauerbereich in dieser Trainingsphase sind wünschenswert.

Bei welchen Fragen brauchen die jungen Läufer Ihre Ratschläge?

Den Schülern mangelt es ein wenig am Respekt vor den 21 Kilometern. Ich muss ihnen vermitteln, dass sie es ruhig angehen und dass sie die zweite Hälfte schneller laufen als die erste. Sie müssen ein Gefühl dafür kriegen, wie man ruhig läuft. Kinder rennen wild, fast animalisch und stürmen einfach los. So lang, bis sie nicht mehr können. Dann bleiben sie einfach stehen.

Absolvieren Sie die gesamten 21 Kilometer als Trainingslauf?

Ich werde auf jeden Fall einen 15 Kilometer langen Testlauf mit ihnen machen.



Wie alt waren Sie eigentlich bei Ihrem ersten Wettkampf?

Fünf. Das war beim Basler Stadtlauf. Mein Vater hat mich damals gefördert. Wobei es nicht dieser Sportvater war, wie man sie öfters sieht, die die ganz jungen Talente verheizen: Mit zehn Jahren die Sensation, nach der Pubertät dann ein drop out. Wir haben das ganz gut hinbekommen, sonst würde ich heute auch nicht mehr laufen.

Gibt es ein Ziel, auf das Sie dieser Tage hintrainieren?

Ich versuche vielleicht zum letzten Mal, die Deutschen Marathon-Meisterschaften in Angriff zu nehmen. Sie finden am 10. Mai in Mainz statt. Wegen der Witterung habe ich die vergangenen Wochen eher lange Läufe gemacht. Zwischen zwei und zweieinhalb Stunden, 30 bis 35 Kilometer lang. Jetzt mache ich wieder eher schnelle Läufe. Es geht darum, die Grundlagenausdauer in Schnelligkeit umzuformen. Dafür gehe ich auch ab und zu auf die Bahn.

Wie bekommen Sie all das unter einen Hut: Training, Schuldienst und ein ganz normales Privatleben?

An der Schule habe ich nur eine 75 Prozent-Stelle. Da ich noch nicht so lange im Schuldienst bin und die Routine erst noch kommen muss, stecke ich noch viel Zeit in die Unterrichtsvorbereitung. So geht es schon manchmal an die Substanz, wenn du erst um 18.30 Uhr an der Dreisam stehst, um dein Training zu starten.

Manche laufen ja auch in den frühen Morgenstunden.

Ja, aber das kann ich gar nicht haben. Über solche Menschen staune ich immer wieder. Für mich wäre das ein hartes Opfer, um 5 Uhr rennen zu gehen. Das pack' ich nicht. Am liebsten laufe ich gegen Abend, nachdem ich die Arbeit erledigt habe. Computer runterfahren, Laufschuhe an. So beginnt der Ausklang des Tages. Aber gerade, wenn du hart trainierst, ist es schwer, die Spannung über den Tag zu halten, mental und körperlich.



Sie laufen aber nicht nur an der Dreisam, oder?

Sobald es das Wetter zulässt, denke ich mir mit meinem Trainingspartner Hartwig Potthin auch exotische Routen aus. Kirchzarten, Toter Mann, Rinken, Schauinsland, Rappeneck und dann wieder runter. Oder: Freiburg, Schauinsland, Stübenwasen, Feldberg, Schluchsee. Dann mit dem Zug zurück.

Isoliert man sich nicht vom sozialen Leben, wenn man soviel läuft wie Sie?

Ich bin darum bemüht, ein Maß zu finden, bei dem sich Einsatz und Nutzen die Waage halten. Die Menschen um mich herum sind alle relativ sportbegeistert, so dass wir auch mal was zusammen machen können. Dieser Fanatismus, dieses Fixiertsein darauf, zweimal am Tag trainieren zu müssen, so bin ich nicht mehr. So war ich während meiner läuferischen Hochphase zwischen 18 und 21. Wenn ich merke, es wird eng, lasse ich auch mal einen Tag aus.

Wem zuliebe machen Sie das?

Natürlich geht es da auch um Zeit für Freunde und ein normales Leben. Aber es geht in erster Linie um mich selbst. Wenn du nur noch durch den ganzen Tag hetzt, um dann am Abend dein Training dranzukleben, ist es besser, zu sagen: lass es sein.

Ist das auch ein Grund dafür, dass Sie nicht Profisportler geworden sind?

Ja. Ich habe es nicht richtig hinbekommen, mich allein auf den Sport zu fixieren. Und das wollte ich auch gar nicht.



Abschließend: Ihre Prognose für den Freiburg-Halbmarathon 2009?

Ich glaube, dass es im Spitzenfeld zu Veränderungen kommen wird.

Wird Dieter Baumann eine Rolle spielen?

Das ist durchaus vorstellbar. Wenn er sich dafür entscheiden sollte, ernsthaft zu laufen, kann er schon im Bereich 1:08-1:10 laufen. Dann wäre er auf jeden Fall vorne dabei.

Warum sollte er nicht ernsthaft laufen?

Jemand, der so viele Erfolge errungen hat wie er, hat den Ruf eines Spitzensportlers. Der kann nicht einfach an jeden Volkslauf gehen und den ernsthaft laufen. Das wäre schon komisch.



Zur Person

Max Frei, 32, stammt aus Fischingen im Markgräflerland. Zu seinen wichtigsten Mentoren und Lauftrainern zählt er Andreas Obrecht, Jens Boyde und Rolf Luxenburger, der in Freis "heimatlichem Hafen" Post Jahn Freiburg das Lauftraining leitet.

Die wichtigsten Erfolge: Teilnahme an der Juniorenweltmeisterschaft über 3000 Meter Hindernis 1996 in Sydney, deutscher Berglaufmeister bei den Junioren am Schauinsland, mehrere Einsätze in der deutschen Nationalmannschaft über die Halbmarathon-Distanz auf der Straße, Sieg beim Swiss Alpin Marathon in Davos.

Beim Freiburg Marathon erzielte Frei folgende Erfolge:
  • 2004: Sieg Halbmarathon
  • 2005: Sieg Marathon
  • 2006: Sieg Marathon
  • 2007: Zweiter Marathon
  • 2008: Zweiter Halbmarathon
Max Frei hat 2004 das Buch Laufszene Freiburg geschrieben (407 Seiten, Eigenverlag). Es enthält 75 gut recherchierte Laufstrecken in und um Freiburg, Tipps fürs Training sowie Portraits und Interviews mit regionalen Laufathleten. Empfehlenswert für Einsteiger und Profis, erhältlich in Freiburger Buchhandlungen.

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