Matthias Urmes ist Freiburgs erster Nationalspieler im American Football

Christian Engel

Er hat stramme Waden, einen massigen Oberkörper und einen stechenden Blick: Matthias Urmes spielt für die Freiburger Sacristans und die deutsche American-Football-Nationalmannschaft. Ein Porträt:



Mit seinen strammen Waden sucht er im Rasen nach Halt, der massige Oberkörper ist weit nach vorne gelehnt. Die Augen fixieren den Gegner, noch einmal peitscht er mit rauer Stimme seine Mitspieler an. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie der Center den Football zurück zum Quarterback wirft, der ihn mit der Spitze auf den Boden stellt. Mit Gebrüll und Gezerre versuchen die Gegenspieler an ihm und seinen Mauerkollegen vorbeizukommen, doch schon fliegt das vom Kicker getretene getretene Ei in hohem Bogen über sie hinweg, mitten durch die Torpfosten, die wie eine überdimensionale Stimmgabel in der Endzone stehen.


Für Minuten vor Spielende gegen die Gießen Golden Dragons steht es 10:0 für die 1844 Freiburg Sacristans, der Drops scheint gelutscht. Doch einer treibt weiter an. Er kann einfach nicht genug kriegen: Matthias Urmes.

Man erkennt Urmes schon aus der Ferne. Auf dem Spielfeld nimmt der Beobachter ihn als talentierten Leader wahr, abseits des Platzes macht er sich dadurch bemerkbar, dass unentwegt Mitspieler oder Zuschauer neben ihm stehen, gratulieren, ein Stück Gewinnerkuchen anbieten oder sich mit ihm über das Spiel unterhalten.

Obwohl seine schweißgetränkten Protektoren schlimmer riechen als Mückenschutzmittel, versammelt Urmes immer Menschen um sich herum. Nicht umsonst ist er Kapitän der Freiburg Sacristans. Und nicht umsonst frischgebackener Nationalspieler.

Mitte April hat Urmes sein erstes Länderspiel für die deutsche American-Football-Nationalmannschaft absolviert. Beim German-Japan-Bowl in Kawasaki, das mit 38:0 für die asiatischen Gastgeber endete, durfte der 22-Jährige erstmals auflaufen. Es ist selten, dass ein Regionalligaspieler bei der Nationalmannschaft spielt. Im American Football scheint dies möglich zu sein, genau wie ein kometenhafter Aufstieg, den Matthias Urmes verkörpert.

Ein Typ wie ein Holzfäller

Vor sechs Jahren wird er bei einem Bummel durch Troisdorf bei Köln vom Trainer des dort ansässigen Footballclubs angesprochen und umworben. Urmes, sonst als Schwimmer aktiv, nickt und geht zum Schnuppertraining. Wenig später absolviert er für die Troisdorfer Jets zahlreiche Spiele als Offensive Lineman. Die Position ist ihm wie auf den Leib geschnitten. Bei einer Größe von 1,96 Meter und einem Kampfgewicht von 128 Kilogramm ist es schwer, an ihm vorbeizukommen. Er kann den Quarterback abschirmen wie kein Zweiter.

2011 beginnt Urmes ein Studium für Forstwissenschaft in Freiburg. Er spielt für die Sacristans und wird bald darauf Kapitän. Seine Schnelligkeit und Athletik faszinieren nicht nur die Freiburger Trainer, sondern auch die der Nationalmannschaft, die ihn 2012 bei einem Lehrgang genauer unter die Lupe nehmen. Achtzehn Monate später kommt der Anruf, man wolle ihn nach Japan mitnehmen. Urmes wird zu Freiburgs erstem Footballnationalspieler.

"Ehrgeiz und harte Arbeit haben sich gelohnt", sagt Urmes, der sieben Mal pro Woche wie ein Besessener schwitzt. Kraft-, Ausdauer-, Techniktraining – der angehende Forstwissenschaftler scheint die Bäume eigenhändig aus dem Boden reißen zu können. Mitsamt der Wurzel. Und doch komme es nicht nur auf die Kraft an, wie sein Trainer Volkmar Walter klarmacht: "Matthias hat schnelle Füße und kann ein Spiel lesen. Er bringt alles mit für einen großen Spieler."

Für die Freiburg Sacristans wird er noch mindestens ein Jahr in der Regionalliga aktiv sein. Dann endet das Studium. Er würde sehr gerne hier bleiben, wenn er in Freiburg Arbeit finde, sagt Urmes. Das nächste Wunschziel heißt jedoch erst einmal Österreich, wo Ende des Monats die American-Football-Europameisterschaft stattfindet. "Nächste Woche ist die Nominierung", betont Urmes mit einem schelmischen Grinsen, "wäre genial, dabei zu sein".

Das erste Heimspiel der Regionalligasaison endet tatsächlich mit 10:0 (7:0, 0:0, 3:0) für die Sacristans. Für die Punkte sorgten Michael Henßler per Touchdown, Konrad Wehrle per Zusatzkick sowie Simon Liang mit einem Feldtor. Vor 250 Zuschauern im 1844-Sportpark feierte Paul de Pass seine Premiere im Trikot der Messdiener. Der Angreifer aus Toronto war im vergangenen Jahr drittbester Passempfänger der kanadischen Universitätsliga. Nach dieser soliden Leistung fahren die Sacs in zwei Wochen zuversichtlich nach Montabaur zum Titelmitfavoriten Fighting Farmers.

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[Fotos: Patrick Seeger]