Matthias Deutschmann bei Nachgefragt: Hähnchen und Champagner

Fabian Voegtle

"Nachgefragt", die Talkshow von Schülern des Rotteck-Gymnasiums, hatte gestern Abend einen Lokalpatrioten zu Gast: im SWR-Studio in der Kartäuserstraße begrüßten die Gastgeber den Freiburger Kabarettisten Matthias Deutschmann. Im Gespräch mit den Schüler-Moderatoren plauderte er von seiner Zeit bei der Jungen Union, erklärte warum er als Kanzler nicht in Frage kommt und öffnete mit einem Säbel eine Champagner-Flasche.

Draußen plätschert es lautstark. Drinnen, im warmen und vollen Foyer des Südwestrundfunks, begrüßen Luisa Passlick und Thomas Müller, die Moderatoren des Abends, einen harten Brocken. Mit Matthias Deutschmann haben sie einen Talkgast eingeladen, der ihnen ein ums andere Mal die Butter vom Brot nehmen wird. Doch auch die Rotteck-Schüler aus der Kursstufe 1 haben sich bestens vorbereitet, was Deutschmann immer wieder zu würdigen weiß. Wo und mit wem er gerne einen Partyabend verbringen würde, lautet eine der Einstiegsfragen. Vielleicht bei Silvio Berlusconis „Bunga Bunga“ oder mit der Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer in Budapest? „Da haben Sie sich ja mordsmäßig was überlegt“, sagt ein erstaunter Deutschmann, der sich für die Antwort „Mit Peter Hartz in Brasilien“ entscheidet.


Die erste richtige Hürde des Abends ist das Hähnchen. Deutschmann soll es an ein Kreuz nageln. Das Publikum wendet sich teils angeekelt ab, des Kabarettisten Gesicht wird rot und ziert sich, zu wiederholen, was er einst scharf kritisiert in seinem Programm machte. „Die Leute sollen entscheiden, ob ich mich zum Affen mache,“ will er basisdemokratisch abstimmen lassen. Doch mit der alten Schachspielerweisheit „Die Drohung ist stärker als die Ausführung“ rettet sich Deutschmann symbolisch aus der Hähnchen-Nummer und legt das eingepackte Stück Fleisch einfach auf das Kreuz drauf.

Apropos Schach. Deutschmann, badischer Jugendmeister des Jahres 1977, erzählt Erstaunliches aus seinen jungen Jahren. Infiziert vom Jahrhundertmatch 1972 zwischen Bobby Fischer und Boris Spasskij begann er mit dem Schachspiel. Unter den kritischen Augen des Vaters lernte Deutschmann russisch, um eine Schachzeitschrift aus der Sowjetunion lesen zu können. „Schach hat süchtig gemacht“. 

Eine andere Episode aus Deutschmanns Jugend interessiert die 16jährigen Talkmaster auch. „Warum waren Sie in der Jungen Union?“, wollen sie wissen. Die Antwort: „Das war in Emmendingen“ sorgt erst mal für lautes Lachen im Foyer. Entwurzelt und gerade neu nach Emmendingen gezogen, wollte er beim Tanztee unter Leute kommen. Er lernte ein Mädchen kennen und fragte sie, wo er sie wieder treffen könne. Sie antwortete: In der Jungen Union. Der 15jährige Matthias trat dort ein, das Mädel hat er nicht mehr gesehen. Nach drei Jahren stiller Mitgliedschaft, gab er sein Ausweis ab.

Viel lieber spricht er aber über den Beginn seines Kabarett-Zeitalters in den 1980er Jahren und die Politisierung im Häuserkampf. Damals fühlte er sich machtlos und voller Adrenalin. 30 Jahre später – im vergangenen Herbst – hatte er ein Déjà-Vu-Erlebnis. Zwar gehe ihn als badischen Nationalisten Stuttgart im Normalfall nichts an, aber als er die Bilder der S21-Demonstration im Schlosspark und den Polizeieinsatz sah, da musste er seine Aggression loswerden und selbst hingehen.



Wer soll Kanzlerkandidat der SPD werden?, wollen die Gastgeber von Deutschmann wissen. Ihnen geht es dabei weniger um die Frage selbst, als vielmehr um Deutschmanns Ansichten über die von ihnen vorgeschlagenen Kandidaten. Beim ersten Politiker muss Deutschmann schmunzeln. Es geht um seinen ärgsten Feind der letzten Monate: Den „Winterkönig der CDU“, wie Deutschmann den abgewählten Ministerpräsidenten Stefan Mappus nennt. „In der Geschichte wird man später mal sagen, dass Mappus und Mubarak in der gleichen Zeit gegangen sind.“ Man merkt, dass Deutschmann, der sich im Landtagswahlkampf gegen die „CDU-Staatspartei“ aussprach und mit eigenen Plakaten gegen die Regierung opponierte, gerade auf Tour ist. Wenn es um die CDU geht, dann kommt er so richtig in Fahrt und haut seine Kabarettisten-Sätze raus: „Die CDU hat jetzt eine schöne Zeit der Wiederaufbereitung im historischen Abklingbecken!“

Auch mit den beiden anderen Vorschlägen kann Deutschmann nicht leben: Thilo Sarrazin ist für ihn ein Hobby-Darwinist und Eugeniker, der in abstrusen Dimensionen rechnet. Das Buch zu lesen, sei verlorene Lebenszeit, so der Kabarettist. Schließlich ist es Deutschmann egal, ob in ein paar Jahrzehnten nur noch 40 Millionen Deutsche leben. „Es gibt auch nur neun Millionen Österreicher“, sagt er trocken. Bei Oskar Lafontaine kommt Deutschmann in Rage. Wer für die Bild-Zeitung schreibe, der ist politisch mehr als fraglich. Und wie wäre es mit einem Kanzlerkandidaten Matthias Deutschmann? „Ich tauge nicht für dieses Amt.“ Dafür habe er keine politische Haltung und ein zu hohes Maß an Eigensinn. Außerdem sei es komisch wenn man in Deutschland Deutschmann heißt, erklärt der in der Schule gehänselte „Franzmann“.

Der Höhepunkt des Abends gehören Deutschmann, einer Champagner-Flasche und einem Säbel mit dem der Kabarettist, die Flasche nach vier Versuchen eindrucksvoll öffnet. „Das ist mir lieber als ein Hähnchen zu kreuzigen.“



Das nächste Mal wird bei Reinhold Würth, dem Schrauben-Unternehmer, „nachgefragt“. Termin ist Dienstag, 12. Juli 2011, um 19 Uhr im Schlossbergsaal des SWR-Studios.

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