Matrix für Arme: Merkels Medienmissbrauch

David Harnasch

Merkel modern: Mit einem Video-Podcast möchte Bundeskanzlerin Angela Merkel uns Bürgern ab sofort regelmäßig ihre Politik erklären. Abrufbar sind die (knapp drei Minuten langen) Video-Botschaften auf der Homepage der Kanzlerin, Bundeskanzlerin.de. David hat sich die erste Episode für fudder angesehen.



Der weltweit erste Video-Podcast eines Regierungschefs beginnt vielversprechend: Die Kamera fährt über Fotos, die die Kanzlerin in mehr (George W. Bush, Kaiser Franz, Bono) oder weniger (Münte) illustrer Gesellschaft zeigen. Einzelne Bildelemente sind freigestellt und werden so gegeneinander verschoben, daß der Eindruck räumlicher Tiefe entsteht ? Matrix für Arme, aber hübsch anzusehen. Das Logo erinnert angenehm an das Screendesign von "Hart aber fair" mit Frank Plasberg.


Bei TV-ähnlichen Medien gilt üblicherweise: Bild erschlägt Ton. Schöne Menschen dürfen praktisch alles sagen, es bleibt sowieso unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Ich kenne viele Frauen, die Gerhard Schröder ausschließlich wählten, weil er geil aussieht.

Frau Dr. Merkel sieht völlig OK aus im Kanzlerinnen-Cast. Roter Blazer, dezente Kette, unpeinliche Brille. So hätte ich sie gerne als Physiklehrerin gehabt. Sie schafft es dennoch, die kurze Grußbotschaft zum Martyrium werden zu lassen: Über den Ton - das muß man erst mal hinbekommen!

Eine Schreibe ist keine Rede, und Teleprompter sind hochgefährlich. Eine Rede vom Blatt abzulesen ist uncool, geht aber in Ordnung. Ein Teleprompter soll den Eindruck erwecken, es würde frei gesprochen. Bei Peter Klöppel funktioniert das großartig, die Kanzlerin klingt dagegen wie eine Siebenjährige, die “Mein schönstes Ferienerlebnis” vorliest. Außerdem schätzt sie das Medium falsch ein. Es sieht aus wie Fernsehen, es klingt wie Fernsehen und es ist dennoch etwas grundlegend anderes: TV ist einfach da, jeder Depp bekommt es frei Haus geliefert und bleibt beim zappen manchmal auch mal bei einem politischen Statement hängen. Folglich formulieren Politiker im TV deppengerecht.

Einen Podcast muß sich der interessierte Rezipient hingegen abholen. Die Medienkonsumentscheidung ist eine aktive und daher darf man dem Zuschauer höheres Interesse und größere Aufmerksamkeit unterstellen.

“Und deshalb möchte ich Ihnen ziemlich regelmäßig auf diesem Wege erläutern, was die Bundesregierung bewegt - im doppelten Wortsinn: Womit wir uns beschäftigen und was wir tun, um Deutschland voran zu bringen.” Der zweite Satz ist unnötig, eine Beleidigung jedes denkenden Zuschauers.

Hätte das Textlein, das Frau Dr. Merkel zur WM formulierte, irgendeine Aussage, jenseits des "Schau mal! Ich mache einen Podcast, ich bin schrecklich modern!", sie bliebe wegen der miesen Darbietung unerkannt. Aber man darf beruhigt sein: Inhaltlich sind es - gesprochen wie gedruckt - zweieinhalb Minuten oder 25 Zeilen blankes Nichts.

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