Mathias Richling: "Kabarettisten müssen aktueller sein als die Tagesschau"

Christian Heigel

Der Kabarettist Mathias Richling beherrscht nicht nur die Stimme, Mimik und Gestik von Angela Merkel, Franz Müntefering oder Jan Ullrich, er trifft auch das Wesen einer Person und entlarvt, wie jemand tickt. Kommenden Samstag tritt er im Konzerthaus auf. fudder-Mitarbeiter Christian Heigel sprach vor seinem Auftritt mit ihm über die Aktualität seines Bühnenprogramms, über politische Relativität und darüber, wie es ist, selbst parodiert zu werden.



Herr Richling, ein Journalist hat Sie einmal als „hibbelig und quirlig“ bezeichnet. Wer Sie auf der Bühne oder im Fernsehen erlebt, kann das nur bestätigen. Ist das eine Rolle oder sind Sie wirklich so?

Das ist ja das Besondere an uns Kabarettisten, dass wir nichts spielen. Wir sind wir selbst. Das „hibbelig und quirlig“ hat bei mir einen selbsttherapeutischen Effekt. Wenn ich das nicht machen würde, würde ich einschlafen. Oder mein Gegenüber langweilen.

Die Gefahr besteht bei Ihnen wohl eher nicht. Vor allem, weil Sie ja mit Ihren Programmen stets höchst aktuell sind. Was morgens passiert, taucht abends meist schon in Ihrem Programm auf. Heißt das, Sie sind ständig im Internet, lesen Zeitung, hören Radio und schauen Fernsehen?

Ja, Tag und Nacht. Wir müssen als Kabarettisten aktueller sein als die Tagesschau. Und das ist auch tatsächlich so. Ich kann sogar vorausahnen, wie manche Dinge sich entwickeln werden. Nehmen wir z.B. die Rede von Kurt Beck auf dem diesjährigen SPD-Parteitag. Die habe ich schon ein halbes Jahr früher geschrieben. Aber ich habe sie ihm natürlich nicht gegeben, sondern habe sie selber aufgeführt.

Dann testen wir doch mal kurz, wie der Kabarettist auf die aktuellen Entwicklungen in der deutschen Politik reagiert. Ich gebe Ihnen drei Meldungen von dieser Woche und Sie sagen mir bitte, was Ihnen dazu einfällt. Als erstes: Franz Müntefering tritt zurück, Außenminister Steinmeier wird in dieser Woche neuer Vizekanzler. Das ist ein gefundenes Fressen fürs Kabarett, oder?


Selbstverständlich! Müntefering ist der erste, der es geschafft hat, die Leute mit einer Sache zu überraschen, mit der jeder schon längst gerechnet hat. Wir haben ja schon all die Jahre spekuliert, tritt er zurück oder tritt er nicht zurück. Mit diesem Thema muss man zur Zeit eine Show eröffnen.

Ein weiteres Thema, das viele schon nicht mehr hören können: Die Verhandlungen zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft der Lokführer nehmen kein Ende.

Ja, das ist leider immer noch ein Thema. Gerade weil man es nicht mehr hören kann. Und weil man sich darauf einstellen muss, dass bis zum Jahre 2010 weiter gestreikt wird. Solange bis die Bahner verbeamtet werden und nicht mehr streiken dürfen.

Und schließlich: Bundesinnenminister Schäuble lässt den Bundestrojaner, eine Software zur Überwachung von Terrorverdächtigen, entwickeln, obwohl Bundesjustizministerin Zypries gegen Online-Überwachungen ist.

Da wird die Angst vor dem Terror benützt, um etwas in eine eigene, ademokratische Richtung zu entwickeln. Das haben wir auch schon bei Herrn Schily erlebt. Schon die rot-grüne-Koalition wollte lange vor dem 11. September Eingriffe vornehmen und hat das auch getan, die mit der Terrorgefahr nur bedingt etwas zu tun hatten. Die Sucht, den Bürgern in die Unterhosen zu kriechen, ist da und wird auch immer schlimmer. Das machen SPD wie CDU und es ist schwierig, eine Alternative dazu zu finden. Das ist das Gemeine an der Geschichte.

Den Stoff für Ihre Bühnenprogramme schöpfen Sie normalerweise aus der Bundespolitik. Als gebürtiger Baden-Württemberger sind sie ja aber auch mit regionalen Themen vertraut. Was gibt Freiburg denn fürs Kabarett her? Wir hätten zum Beispielt einen grünen Oberbürgermeister anzubieten, der oft so grün gar nicht wirkt.


Das unterscheidet ihn nicht von den bundespolitischen Grünen. Das hängt natürlich mit Macht zusammen. Das haben wir ja schon 1998 gesehen. Da haben wir große Hoffnungen gehabt, was Rot-Grün uns jetzt alles serviert. Und es hat keine sechs Wochen gedauert, da haben sie das halbe Programm der Grünen über den Haufen geworfen. Das hat ganz klar mit der Macht zu tun. Als Opposition kannst du alles versprechen. Moral und guten Willen kann man immer so lange zeigen, wie man nicht regiert. Das trifft eben nicht nur auf Joschka Fischer zu.

Außerdem hätten wir natürlich noch den Blutdoping-Skandal in der Uniklinik.

Ja, natürlich! In dieser Hinsicht habe ich Freiburg ja schon seit längerer Zeit ins Programm integriert. Außerdem ist das ja keine Lokalpolitik mehr, das ist ja schon fast Weltpolitik. Es gab nach Jan Ullrichs Rücktritt vom Profi-Radsport ein klassisches Interview zwischen Beckmann und Jan Ullrich. Das habe ich – mit eigenen Worten –  nachgespielt. Aber es war an sich schon saukomisch. Das muss man sich mal im Original anhören. Das war sehr anregend für mich.

Sie imitieren natürlich nicht nur Jan Ullrich und Reinhold Beckmann. Zu Ihren Paraderollen gehören Politiker wie Edmund, Stoiber, Angela Merkel oder Ulla Schmidt. Wie lange brauchen Sie eigentlich, um eine neue Figur zu beherrschen?

Einen Abend. Eine Figur und ihre Stimme kann ich sehr schnell. Mein Regisseur Günter Verdin kontrolliert mich dabei. Natürlich entwickelt sich die Figur dann noch und nach einem Monat hat man sie noch besser drauf. Aber prinzipiell reicht ein Abend.

In jüngerer Zeit sind Sie selbst schon Gegenstand von Parodien geworden. Ihr Freiburger Kollege Florian Schröder imitiert Sie. Wie geht es Ihnen damit?

Ich habe das nie gesehen. Aber selbst wenn ich es sehen würde: Wahrscheinlich würde ich mich nicht wiedererkennen. Selbst wenn es alle anderen ganz toll finden. Die Crux ist immer: Man sieht das nicht an sich, was die anderen in einem sehen. Ich habe gehört, er macht das sehr gut. Aber ich bin nicht der richtige, um das beurteilen zu können.

Der Titel Ihres neuen Programms lautet E=m·RICHLING². Einstein lässt grüßen. Heißt das, auf der Bühne geht es physikalisch zu?

Ja. Aber natürlich ist Kabarett nicht dazu da, universitäre Vorträge zu halten oder die Leute zu verschrecken. In meinem neuen Programm will ich mich über die Tagespolitik erheben. Wir wollen uns ja nicht nur in den Niederungen dessen bewegen, was wir morgen wegschmeißen müssen. Vielleicht gibt es ja auch ein paar allgemeingültigere Dinge zu sagen. Und da ist die Relativitätstheorie eine Basis.

Aber die ist ja nun fürs Publikum nicht unbedingt leicht verdaulich.

Ich habe sie auch erst kapiert, als ich dieses Programm geschrieben habe. Deswegen möchte ich das gerne ans Publikum weitergeben. Ich möchte die politische Relativität erklären. Die ist nämlich von der physikalischen gar nicht so weit entfernt. Es geht um die unterschiedliche Entwicklung von Zeit und Raum: Zwei Dinge, die zeitgleich stattfinden, können sich trotzdem ganz unterschiedlich entwickeln. Ein Beispiel: Das Volk hat Vollbeschäftigung und die Regierung bietet Sozialleistungen in Hülle und Fülle, die das Volk in diesem Moment gar nicht bräuchte. Dann wird das Volk arbeitslos, die Regierung ist aber schon Lichtjahre weiter, ist in eine ganz andere Richtung abgedriftet und hat alle Sozialleistungen gestrichen, die das Volk jetzt bitter nötig hätte. Das ist relativ schlecht, aber es ist leider so.



Kann man denn als Kabarettist irgend etwas gegen solche Missstände tun?

Man kann als Kabarettist auf Dinge aufmerksam machen, tun kann man recht wenig. Man kann die Bürger vor einer Wahl auf bestimmte Dinge hinweisen und dazu bringen, dass sie selber nachdenken. Das ist wie bei einer Bürgerinitiative: Jeder Einzelne erreicht nicht viel, aber zusammen erreicht man etwas.

Mehr dazu:

Mathias Richling: Website

Personalien

Mathias Richling, geboren 1953 in Waiblingen, ist studierter Literatur-, Musik- und Theaterwissenschaftler. Seit 1974 tritt er als Kabarettist auf. Er moderiert, gemeinsam mit Bruno Jonas und Richard Rogler, die ARD-Sendung Scheibenwischer; Seine eigene Sendung Zwerch trifft Fell wird vom SWR übertragen.

Was: Mathias Richling - E=m·RICHLING²
Wann: Samstag, 24. November 2007, 20 Uhr
Wo: Konzerthaus, Freiburg
Tickets: 22€, 25,40€, 32,30 €, 28,90€, 25,40€, 22€ BZKS-Tickethotline (01805.55 66 56; 0,14 €/Min)
 

Mathias Richling als Jan Ullrich und Reinhold Beckmann