Marillion unplugged in Basel: Weniger ist mehr

David Weigend

Marillion haben gestern im ausverkauften Basler Volkshaus einen großartigen Gig gespielt. Das Konzert ist in seiner Feintönigkeit der Gegenentwurf gewesen zum Rammstein-Alarm, der zeitgleich ganz nah stattfand. Ein Bericht von der ruhigeren Seite.



Es zeugt von gediegener Lässigkeit, wie Steve Hogarth die Zuschauer am Ende der Pause vom Foyer in den Saal holt. Er setzt sich einfach ans Klavier, spielt in der Manier eines Barpianisten Songs von „Holidays in Eden“ an, bei „Hollow Man“ sind alle flugs wieder auf ihren Stühlen. Kein Geraschel, kein Getuschel, alle sind ganz Ohr.


Dass die seit 1982 existierende Band aus England Akustik-Gigs gibt, ist nichts neues, aber im Vergleich zur opulenten, letztjährigen „Happiness on the Tour“ doch ein harter Kontrast. Während Marillion bei letzterer an visuellen Gimmicks nicht sparte und fast zu jedem Song eine perfekt abgestimmte Videoshow laufen ließ, spielte das Quintett gestern unter dem Motto „Less is More“ halbakustische Versionen diverser Songs aus der Post-Fish-Ära. Diese Herangehensweise überzeugte meistenteils.

Natürlich muss sich der Zuhörer darauf einlassen und sich dafür öffnen, dass manche Lieder in dieser Interpretation ganz anders klingen als auf Schallplatte. Diese Andersartigkeit kann stark berühren, etwa bei „Out of this World“, jenem Song, in dem die traurige Geschichte erzählt wird von Donald Campbell, dem englischen Rennfahrer, der 1967 beim Versuch starb, einen Geschwindigkeitsrekord mit einem Schnellboot aufzustellen.

In anderen Fällen verfremden Marillion die Songs eine Nuance zu stark, nehmen wir etwa „The Space“. Das Sphärische, der Schwebezustand dieses Titels geht beim Abspecken der Synthies verloren, der schöne Schlussrefrain wird gar ganz unterschlagen.



Doch das ist nur ein kleiner Makel an einem ansonsten großartigen Konzert. Sänger Steve Hogarth versteht es, mit seinen Anekdoten zu den einzelnen Songs eine Intimität zum Publikum herzustellen; Pete Trewavas zeigt eindrucksvoll, dass er neben der Bassgitarre auch die sechssaitige Gitarre beherrscht; London-Boy Ian Mosley trommelt unauffällig, aber akkurat; Mark Kelly zeigt mit seinem Einsatz an diversen Tasteninstrumenten, dass er den progressiven Spirit aufrecht erhält und die Band davor bewahrt, ins allzu Poppige abzudriften.



Gitarrist Steve Rothery, wie immer mit der Aura eines Buddhas, ist ohnehin eine stilprägende Figur. Das aufgeregte Fuddeln diverser Progfrickler hat ihn nie interessiert, er ist ein Meister der flächigen Sounds, der gefühlvollen Bendings und er kann in einer Handbewegung Mark Knopfler und Pink Floyd gleichzeitig sein.

Rothery komplementiert also die Band, deren gestriger Auftritt als tönender Gegenentwurf zu sehen ist zum Rammsteinkonzert, das gestern zeitgleich in Basel stattfand. Außer, dass beide Bands unterhalten wollen, gibt es bei Rammstein und Marillion wohl kaum Gemeinsamkeiten. Jedem das Seine.

[Fotos: Steffen Bürkle, usgang.ch]

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