Marc am Boden: Der Uberman will endlich wieder schlafen

Marc Röhlig

Die Nächte werden für fudder-Mitarbeiter Marc Röhlig unerträglich: Nichts Schönes kann er dem Schlaf-Experiment - das zum Glück nur noch bis Freitag läuft - noch abgewinnen. Ein Treffen mit dem Psychologen und Schlafmediziner Prof. Dieter Riemann gibt ihm schließlich den Rest.

 



Mittwoch II, 21.11 Uhr

Um kurz vor 20 Uhr überzog heute meine Dozentin ihr Hauptseminar; überzog es so bösartig, dass mein Körper mir schon ohne Blick auf die Uhr sagte: Du musst schlafen! Die letzten Minuten versuchte ich, die arabische Quelle im Alleingang tot zu argumentieren – aber aus dem Seminarraum war kein Entkommen.

Dann endlich Uni-Aus. Die Straßenbahn fährt mir vor der Nase davon. Die nächste erst in 15 Minuten. 15 Minuten? In 15 Minuten hole ich mir drei Stunden Power-Up, da kann ich doch nicht an der Haltestelle warten. Habe dann tatsächlich versucht, im Wartehäusle zu schlafen. Als ich zwei Minuten später die Augen wieder öffne, sehe ich ein Anzeigenblatt aufgeschlagen neben mir. Darin ein Foto von mir unter der Überschrift „Dem Schlaf entronnen“. War das da gerade auch schon?

In der Straßenbahn war auch keine Ruhe zu finden. Wurde trotz Ohrstöpsel nicht vor dem Gerede meiner Sitznachbarn befreit: „Digga, ich schwöa, ich geh’ jetz au bei Facebook!“ Dann eine Nachricht von Julia, sie möchte heute auch wieder alleine schlafen. Mist. Ihr Anblick war bisher immer mein einziger Anker, wenn ich die Nacht am Schreibtisch durcharbeiten musste. Ich rief an, ob ich denn wenigstens jetzt noch ein bisschen vorbeikommen könne? Jetzt gleich wäre prima, sie wolle noch um den Seepark joggen.

Ohne Nachzudenken sage ich zu. Hauptsache gemeinsam. Man muss dazu vielleicht irgendwas Einordnendes schreiben, etwas, dass die besondere Situation zwischen mir und Sport deutlich macht. Vielleicht reicht schon das hier: Habe fünf Minuten lang meine Laufschuhe gesucht und dann die falschen gefunden.

Mittwoch II, 23.54 Uhr

Joggen gehen mit Julia war der klügste Fehler, den ich begehen konnte. Okay, ich spüre meine Oberschenkel nicht mehr – falsch, ich spüre sie zu viel – und mein rechtes Knie fühlt sich an wie eine Wassermelone. Aber: Der 23-Uhr-Nap an ihrer Seite war so schön wie kein Schlaf seit Beginn des Experiments. Er hat sich komplett aus Zeit und Raum entfernt. Ihre Nähe entschädigte die miese Laune zuvor – und bringt mich jetzt hoffentlich gut durch die Nacht.

Donnerstag II, 4.16 Uhr

Die Morgendämmerung kann mich mal. Bah, kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Und es liegt nicht an den Jogging-Schenkeln. Irgendwas hat die Euphorie der letzten Tage weggeblasen. Müdigkeit greift mit aller Macht nach mir. Meine Finger führen sich taub an und meine Augenlider werden schwer zusammengezogen. Eigentlich, es sind gar nicht die Lider, die schmerzen. Vielmehr die Augenringe selbst, die beginnen, das ganze Gesicht in die Tiefe zu ziehen.

Wahrscheinlich hatte die Euphorie auch viel mit Motivation zu tun – bisher hatte ich immer genügend zu tun. Nun bin ich aber an einem Moment, wo nichts auf der To-Do-Liste wartet, was ich nachts bearbeiten könnte. Und auch nichts, was mich noch ablenken könnte. Um vier Uhr au nix los bei Facebook, ich schwöa Digga.

Donnerstag II, 9.35 Uhr

Puh, immer noch total geplättet. Bis zum 3-Uhr-Nap geht’s ja meistens. Aber ab 4 Uhr morgens klebt der Zeiger der Uhr fest, klebt die Zeit an mir fest, klebt einfach alles. Nach dem 7-Uhr-Nap brauche ich erst mal zwei Stunden, um Augen und Ringe an den neuen Tag zu gewöhnen. Es ist, als müsste ich aus einem tiefschwarzen See an die Oberfläche zurück schwimmen – und mit jeder Bewegung brennen die Gliedmaßen mehr.

Donnerstag II, 11.49 Uhr

Die Uni hat eine riesige moderne Psychiatrie-Abteilung in Herdern. Dort das Büro des Schlafforschers und Leiters der Sektion Psychophysiologie/Schlafmedizin zu finden, war nicht schwer. Ich musste kaum nach dem Weg fragen, da erkannte man mich auf dem Campus schon als den Schlaflosen und dachte sich, wohin ich wolle. Zu Professor Dieter Riemann.

Riemann ist ein freundlicher, sehr interessierter Mann. Er wirkt ausgeruht; wahrscheinlich weiß er, wie viel Stunden Schlaf am Tag zum perfekten Glück helfen. Ich war direkt neidisch. „Sie wollen sicher eine Beurteilung ihres Experiments“, fragt Riemann und schaut mir in die Augenringe. „Nun, es ist nett“, sagt er, „aber ich würde es nicht machen.“

Schlaf sei ein essentielles Grundbedürfnis, in einer Reihe mit Flüssigkeit und Nahrung. Klar kann der Mensch sich trainieren, und „so einen Test eine ganze Weile aushalten“ – aber irgendwann nehmen die Contra-Punkte Überhand. Permanente Müdigkeit, fehlende Konzentration, Leistungsminderung, Gereiztheit, zählt Riemann auf. Habe ich alles so schon an mir gespürt in den letzten Tagen. Für Soldaten oder Weltumsegler sei laut Riemann ein polyphasischer Schlaf sicher eine Weile geeignet – „wobei ich mich frage, ob der Soldat tatsächlich leistungsfähiger wird“ – aber Studenten seien mit dem Uberman oder ähnlichen Modellen ganz falsch beraten. „Ich kenne niemanden, der das probiert und dann sagt: ‚Toll, da bleib’ ich jetzt dabei!’“

Da Schlafentzug an Menschen nicht getestet wird, nimmt sich die Wissenschaft Ratten und Mäuse. Riemann erzählt mir von einer Studie, in der die Tiere durchgängig auf einem kleinen Podest wach gehalten wurden. Schliefen sie ein, fielen sie in ein kaltes Wasserbecken und mussten schnell zurück schwimmen. Die Tiere lebten dadurch in permanentem Stress. „Nach drei Wochen waren sie tot“, sagt Riemann.

Müsste ich den aktuellen Status meines Körpers zwischen Maus und Mann einordnen...ich könnte nicht mehr viel Menschliches, geschweige denn „Uber-Manliches“, erkennen.

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  [Bild: Symbolbild, Fotolia. Zitat Marc: "Hatte noch ein Foto, aber das ist zu gruselig... Gewisse Augenringe sollten nicht ins Netz."]