Mappus-Stalking auf dem Münsterplatz

Martin Jost

Die Rituale, mit denen Politiker ihre Volksnähe demonstieren, sind ungefähr ein paar tausend Jahre alt. Wer dieses Jahr eine Wahl gewinnen will, sollte sie sich besser aneignen. fudder hilft weiter: Ein Leitfaden für politische Gesten am praktischen Beispiel.



Der Ministerpräsident spazierte am Samstagmittag über den Freiburger Münstermarkt. Er hatte aber keinen Einkaufszettel dabei. Nicht mal eine Wurst aß er, denn er war ja schon im „ältesten Gasthof Deutschlands“ zum Essen mit der Freiburger CDU verabredet.

Vielmehr möchte er bürgernah rüberkommen, Hände schütteln und gute Gespräche führen. Als alter Hase in der Politik hat er alle Gesten drauf, die einem Politiker in Fleisch und Blut übergehen müssen wie einem Judoka seine Wurf- und Falltechniken.

  • Lächeln Sie viel! Lächeln ist das A und O. Wenn Sie Ihre Gesichtszüge nur einen Moment entgleisen lassen, können Sie sicher sein, dass irgendeine Kamera genau diesen Moment gierig aufschnappt.
  • Bringen Sie Rosen mit! Blumen sind doch eine schöne Geste. Drücken Sie jedem Bürger, der sich Zeit für Sie nimmt, eine Rose in die Hand. Denn wer mit einer Blume nach Hause kommt, der wird gefragt: „Wer hat dir denn die geschenkt?“ Und schon erzählt er seiner Familie und seinen Freunden, was für ein netter Mann ihm die Rose geschenkt hat.
  • Planen Sie nachhaltig. Ihnen dürfen auf keinen Fall die Rosen ausgehen. Sonst fragt ein kleines Mädchen: „Wer ist der Mann?“ und Sie haben keine Rosen mehr für das Mädchen, sondern eine Gerechtigkeitsdebatte am Hals. In Ihrem Tross dürfen also junge Parteigänger mit einem Kübel voller Rosen auf keinen Fall fehlen!
  • Treffen Sie zufällig Ihre Parteifreunde und Kollegen beim Spaziergang. Örtliche Landtagsabgeordnete und Finanzbürgermeister sind natürlich auch am Vormittag auf dem Markt. Wenn Sie sich schon am Parkplatz aufgabeln lassen, entgeht Ihnen jedes Mal eine Gelegenheit für ein Händeschütteln in der Menge.
  • Ignorieren Sie den Lärm hinter sich. Die Trillerpfeifen und „Mappus (und Mubarak) weg!“-Rufe dürfen Sie nicht persönlich nehmen. Hauptsache ist, dass die Menschen, mit denen Sie ein kurzes Gespräch führen, Sie hören können, indem Sie sich ganz weit vor beugen. Die Transparente, die die Demonstranten in die Luft halten, bedeuten ganz klar, dass sie nicht mehr über Stuttgart 21 reden wollen. Deswegen haben sie es durchgestrichen.
    Hier sind sowieso mehr Fotoapparate als Kameras und auf den Fotos wird von dem schmerzhaft schrillen Lärm nichts mehr zu hören sein.
  • Gewinnen Sie den Demonstranten etwas ab! Die lenken sogar Aufmerksamkeit auf Sie. Wer Sie im Gewimmel auf dem Münstermarkt sonst vergeblich suchen würde, kann einfach dem Pfeifen folgen. Auch sieht er Sie schon von Weitem, weil der ganze Auflauf mit einer roten Fahne markiert ist.
  • Wahren Sie Contenance. Lassen Sie sich nicht von den Wutbürgern aus der Ruhe bringen. Damit bleiben Sie der moralische Sieger. Viele Marktgänger werden auf Ihrer Seite sein und laut sagen: „Wenn ich mich mit solchen Mongos abgeben müsste, wäre ich auch sauer.“ Oder sehen Sie es andersherum: Wenn Marktverkäufer Ihnen hinterher rufen: „Wo hast du deinen Schlagstock, Mappus!“, hört es in dem Lärm wenigstens keiner.
  • Lassen Sie auf jeden Fall Ihre örtlichen Parteifreunde auf die Menschen zeigen, mit denen Sie sprechen werden. Schon Senatoren im alten Rom hatten Angestellte mit der einzigen Aufgabe, ihnen bei Spaziergängen übers Forum die Namen der politischen Unterstützer zuzuflüstern, mit denen sie kurz palavern sollten.
  • Oh nein, jetzt haben Sie eine Frau erwischt, die nur bürgerlich aussieht, aber sagt, sie wähle Grün? Das sind so die Freiburger Tretminen. Jetzt ist Sachlichkeit gefragt. In aller Ruhe politisch argumentieren, damit sie sich ernst genommen fühlt. (Fraglich, wie viel sie bei dem Lärm versteht.) „Dieser Bahnhof ist gar kein Kulturdenkmal. Und ob der so erhaltenswert ist, da kann man sich streiten.“ Und außerdem könne man nicht einfach Sachen anders machen, als sie über so viele Jahre politisch entschieden wurden. – Puh, gut gerettet!
  • Sprechen Sie mit der werktätigen Bevölkerung. So ein Markt besteht aus fleißigen Bauern, die früh aufstehen. Sprechen Sie auf jeden Fall mit vielen fleißigen Bauern, denn das sind Leistungsträger: „Wann sind Sie heute aufgestanden? – Oh, so früh?“
  • Haben Sie ein Ziel! Schlendern Sie so nonchalant, wie Sie können, aber haben Sie auf jeden Fall ein Ziel! Irgendwann sind die Kopfschmerzen so schlimm, da müssen Sie sich in einen guten alten bürgerlichen Gasthof flüchten. Einer mit Türstehern. Die Demonstranten bleiben dann draußen stehen und rufen Ihnen nach: „Auf die Kalorien achten!“ Das hat weh getan! Die kriegen nix.
 

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