Makellose Konzertparty mit Nada Surf

Carolin Buchheim

Dass sie alles sind, aber nicht das One-Hit-Wonder, zu dem sie vor zehn Jahren nach ihrem MTV-Hit 'Popular' abgestempelt wurden, haben Nada Surf aus New York am Montagabend im Jazzhaus gezeigt. Matthew Caws, Daniel Lorca und Ira Elliot waren gut gelaunt und in musikalischer Höchstform. Und einen Geburtstag gab es auch zu feiern. fudder-Mitarbeiterin Caro war natürlich dabei.



Schöner hätte sich Francesco Posa aus Mailand (das ist der junge Mann auf unserem Foto oben mit dem hellblauen T-Shirt) seinen 25.Geburtstag nicht vorstellen können: Eineinhalb Stunden hatte er schon enthusiastisch mitsingend und mit den Händen mittrommelnd im Jazzhaus in der ersten Reihe gestanden, als Nada-Surf-Frontmann Matthew Caws dem extra angereisten Francesco von der Bühne herunter zum Geburtstag gratulierte und die Band danach zu seinen Ehren ihre 'Meow Meow Lullaby ' sang.


Es war Francescos zehntes oder zwölftes Nada-Surf-Konzert, und sein Urteil war eindeutig: "Es war auf jeden Fall das Schönste," erzählte er am Tag danach. "Bisher war das Konzert in Mailand, bei dem sie mich auf die Bühne geholt haben, um 'Fruit Fly' simultan in Italienisch mitzusingen mein liebstes Nada-Surf-Konzert, aber Montag hat das noch mal übertroffen. An meinem Geburtstag! In Freiburg! In so einem schönen Club! Und die Band in so toller Form! Ich hab extra Urlaub genommen, weil sie diesmal nicht nach Italien gekommen sind." Wegen des Konzerts in Freiburg hat Francesco es sogar verpasst, wählen zu gehen, an Briefwahl hatte er nicht rechtzeitig gedacht, und nun ist er als Nichtwähler schon ein wenig Mitschuld am Quasi-Patt zwischen Romano Prodi und Silvio Berlusconi.

Aber Musik im Allgemeinen, und Nada Surf im Besonderen, das ist für Francesco ohnehin wichtiger als Politik. Deswegen war er schon ganz richtig am Montag Abend im Jazzhaus, denn dort gab es die volle Ladung Musik im Allgemeinen, und Nada Surf im Besonderen.

Den Abend stimmten Fino und Cristina von Clovismit einem ruhigen, melodischen Beinah-Akustik-Set ein, ganz wunderbar zarte Musik, perfekt für einen Frühsommerabend auf dem Balkon oder eben zur Einstimmung auf einen Abend voller Musik im Jazzhaus. Es folgten Goldrush, eine Bande ausgelassener junger Herren aus Oxford mit viel Attitude, viel Gefühl und vielen Gitarren. Man war an diesem Abend zum ersten Mal Warm-Up für Nada Surf, dementsprechend ein wenig nervös und besonders enthusiastisch, und die jungen Herren machten ihr Ding, ihr melodisches Indiepoprock-Ding, so gut, dass das Publikum nach ihrem halbstündigen Set noch gern mehr gehört hätte.

Nada Surf begannen den Abend mit dem Song, von dem man meinen könnte, dass er an allem Schlechten in der Bandgeschichte schuld sei, und der gleich erstmal ein paar Kinnladen vor Überraschung zum Runterfallen und vor Rockigkeit Füße zum Springen brachte: mit Popular.

"Ich versteh' gar nicht, was ihr immer für ein Problem mit 'Popular' habt," reagierte Bassist Daniel Lorca einigermaßen amüsiert und gespielt ungehalten nach dem Konzert, darauf angesprochen. "Ihr seid alle immer geradezu besessen von dem Song. Wir haben kein Problem mit ihm, warum sollten wir ihn nicht mehr spielen und in Stich lassen? Ein Kind das man hat, lässt man doch auch nicht in Stich, nur weil irgendwas irgendwann mal falsch gelaufen ist. Der Song war an gar nichts schuld, die Plattenfirma war schuld, und sei mal ehrlich: Ist das nicht ein wirklich guter Song?" Natürlich ist das ein wirklich guter Song, recht hat er. Ihn nicht zu spielen wär' wohl wirklich ein Verlust.

Das Publikum im vollen Jazzhaus, darunter auffällig viele gutgelaunte Franzosen in Nada Surf T-Shirts, war von dem Moment an positiv ungehalten, mitsingend und hüpfend, und diese Energie warfen die Herren auf der Bühne dann gleich auch noch mal lächelnd und mehrfach verstärkt musikalisch zurück.

Der Sound war perfekt, Daniel Lorca ließ seine mit einem 'Fuck Bush' Button verzierten Dreads wirbeln und den Bass so richtig schön fett wummern, Matthew Caws Stimme war kristallklar und noch besser als auf jeder CD und Ausnahme-Drummer Ira Elliot, der schon bei den Jungs von Goldrush getreu dem legendären MORE COWBELL! die Kuhglocke geklopft hatte, drummte ausgelassen vor sich hin und hatte am Ende des Abends nur Lob für die Akustik des Jazzhaus übrig, und für das ausgelassene Publikum sowieso.

Es gab am Montag Abend im Jazzhaus all das, was man sich von einem Nada Surf Konzert so erhoffen könnte, selbst als weniger enthusiastischer und Nada Surf-Konzert erfahrener Fan als Francesco.

Neben 'Popular' spielte die Band in zwei Stunden auch all die anderen Klassiker wie 'Hi-Speed Soul', '80 Windows', 'Amateur' und 'The Way You Wear Your Head' und all die wunderbaren nach außen gutgelaunten neuen Songs von 'The Weight is a gift' wie 'Do it again' und 'Blankest Year'. Den ganzen Emo-Kram gab es natürlich auch, 'Paper Boats' und 'Inside of Love', zu dem Matthew Caws das Publikum tanzen lies, immer schön einslinks einsrechts, und 2 schöne Klassiker aus fremder Hand spielten die Herren ebenfalls:, 'There is a light that never goes out' von The Smiths und - in 'Stalemate' verpackt - Joy Division's 'Love will tear us apart'.



Und während Matthew Caws auf der Bühne des Jazzhaus stand, 'Your legs grow' ankündigte, und davon erzählte, dass es in dem Song darum geht, den Boden unter den Füßen wieder zurück zu gewinnen, wenn man von der Strömung raus in Meer gezogen wurde, da merkte man ihm ein klein wenig von dem Schmerz an, den er wohl während der Zeit in der 'The Weight is a Gift' entstanden ist, durchgemacht hat. Noch viel mehr merkte man allerdings, dass er den Boden unter den Füßen eben wieder zurück gewonnen hat, und jetzt wieder ein glücklicherer Mensch ist, der sich das Leben nicht so leicht verderben lässt von irgendwem. Eben ganz genau so, wie er es in 'Blankest Year' singt: "Fuck it, I'm gonna have a party."

Wie schön, dass er so viele Leute am Montag Abend daran teilhaben ließ, und ihnen dabei auch noch einen wirklich makellosen Konzertabend verpasste.

Und wie ging es mit Francescos Geburtstag weiter? Nach dem Konzert gab es noch reichlich Spumante, 'Happy Birthday'-Gesänge und Bier-ohne-Kapselheber-öffnen-Kurse im Tourbus, bis die Band in den frühen Morgenstunden nach Nürnberg aufbrechen musste. Heut Morgen hat sich Francesco übrigens auf den Weg nach Darmstadt gemacht, denn heut Abend wird er dort in der Centralstation in der ersten Reihe stehen, natürlich wieder direkt vor Matthew Caws, der sicher auch dort auf der Bühne wieder mit Ira Elliot und Daniel Lorca eine Party veranstalten und dem Publikum dabei auch noch einen makellosen Konzertabend verpassen wird.

"Fuck it, I'm gonna have a party"? Aber immer wieder gerne doch, Nada Surf. Call me anytime.