Mahlers Fünfte: "Am Rand der Tränen"

Christian Deker

Heute Abend spielt das Akademische Orchester Freiburg im Konzerthaus die Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler. Der Dirigent Johannes Klumpp erzählt im fudder-Interview, wie ihn das Stück persönlich berührt und warum die Sinfonie so eng mit Mahlers Biografie verbunden ist.

Mit Mahlers "Fünfter" habt Ihr einen Klassiker, aber auch ein echtes Mammutstück auf dem Programm. Was können die Zuhörer denn erwarten?


Alles. Dramatik, Power, Kampf, Zartheiten, Liebestaumel, Trauer, Jubel, Triumph. Eine ganze Welt in einer Sinfonie. Das Stück ist nicht kurz, aber sehr kurzweilig.

Zumindest der vierte Satz dürfte vielen ja aus der Verfilmung von "Tod in Venedig" bekannt sein. Was bedeutet diese Sinfonie denn für Dich persönlich?

Ich muss ehrlich sagen, ich mag die Benutzung in dem Film nicht so sehr. Das ist mir zu stark auf die Tränendrüse gedrückt. Für mich ist das Adagietto das Intimste vom Intimen, so zart, so voller Liebe. Neulich hörte ich meinem Orchester von außen zu, habe nicht dirigiert. Da haben sie mich an den Rand der Tränen gebracht, so rührend war es. Ohne kitschig zu sein!

Wir beschäftigen uns gemeinsam das ganze Semester mit dem Stück, und ich persönlich arbeite in, mit und an dem Werk jetzt schon seit Monaten. Was die Sinfonie für mich bedeutet, kann ich nicht sagen. Ich hoffe, man spürt es im Konzert.

Wie eng ist die Fünfte Sinfonie mit Mahlers Biografie verbunden?

Oh, sehr eng! Es ist die letzte Sinfonie Mahlers, die positiv endet – und wie! Es gibt sehr interessante Briefe von ihm, wie er an der Welt verzweifelt, wie er sie als falsch empfindet, die Gesellschaft verabscheut. Über die Doppelbödigkeit des Wiens um die Jahrhundertwende sind ja Bücher geschrieben worden.
Aber Mahler trifft die schönste Frau Wiens, Alma Schindler, verliebt sich, verlobt sich, heiratet sie, dann schreibt er die "Fünfte". Es gibt keine Probleme mehr, die Probleme, das Drama, die Trauer, der Kampf der ersten Sätze werden überwunden, das Adagietto ist seine Liebeserklärung – und der letzte Satz verbindet die Freude an Technik, Virtuosität, Liebe und Lebenslust – ein totaler, stürmender Triumph!

Außer Mahler spielt Ihr noch von Charles Ives "The unanswered Question". Was ist das für ein Stück? Was kann ich mir darunter vorstellen?

Das Stück ist wahnsinnig spannend und atmosphärisch interessant. Übrigens eines der absoluten Lieblingsstücke von Leonard Bernstein. Es ist zur gleichen Zeit geschrieben wie Mahlers Stück – aber in einer ganz anderen Welt. Ives stellt sich schon die Frage nach der Fortdauer der Tonalität. Die Streicher spielen einen wunderbar sphärischen Harmonieteppich. Der wird aber immer wieder unterbrochen von atonalen Einwürfen der Bläser, die nervöser und nervöser werden.

Am Ende bleibt doch der Harmonieteppich zurück. Die Frage bleibt unbeantwortet, wir sind so klug als wie zuvor. Und im Grunde sind wir nicht viel klüger als Ives es war. Ein tolles Stück! Moderne Musik für Einsteiger... Mahler schaut zurück auf die Romantik. Ives schaut nach vorne in die Moderne.

Foto: Fotopolis.de

Mehr dazu:



Was: Konzert des Akademischen Orchesters
Wann: Freitag, 8. Februar 2008, 20 Uhr
Wo: Konzerthaus Freiburg
Restkarten an der Abendkasse

Programm:
Charles Ives: The unanswered Question
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 5
  • http://www.akademisches-orchester-freiburg.de/" titel="">Akademisches Orchester