Madness - the nuttiest sound around

Ted

Madness beim ZMF: Das war eine spaßige Zeitreise in die achtziger Jahre, die dauer-szenige Kotlettenträgern, bürgerlich gewordene End-Dreißiger und spaß-orientierte Twens mit der Ska-Band aus Großbritannien unternommen haben. fudder-Autor Ted erklärt, warum bei dieser Band selbst schnieke Projektmanager der Robert Bosch GmbH vor Neid erblassen würden.



Sonntagabend. Satte 30 Grad und der letzte Abend des ZMF 2006 steht bevor. Zu Gast im Zirkuszelt sind einer der Top-Acts des Festivals: die Ska-Veteranen Madness. Die waren einer der Gründe, warum ich damals in den 80ern eine eigene Band gründete. 5.5 Millionen Singles verkauften Madness alleine in UK. Einige Tausend stehen oder liegen sicherlich zusätzlich in den Regalen der hier Anwesenden. Ein kunterbuntes Gemisch aus dauer-szenigen Kotlettenträgern Marke “Camden market”, bürgerlich gewordenen End-Dreißigern Marke “Ex-Camden Market” und neugierigen, spaß-orientierten Twens.


Um kurz nach 20 Uhr geht es los. Während die Band in schnieken Anzügen gekleidet und mit dunklen Sonnenbrillen bestückt von Beginn an ihr Publikum im Griff hat, schlürfe ich noch gemütlich meine Erfrischung, um dann überraschend früh bei ”My Girl? den ersten emotionalen Höhepunkt zu erleben. Mit dem Lied verbinde offenbar nicht nur ich die Zeit der ersten Achtungs- und Misserfolge beim anderen Geschlecht. Jedenfalls hat der tätowierte Typ neben mir mit seinen Union-Jack-Hosenträgern und seinem ”Busters?-Shirt Tränen in den Augen und wirkt gedankenverloren.

Frontmann Suggs, mit bürgerlichem Namen Graham McPherson, 45 Jahre alt und Fan des F.C. Chelsea, führt im Stile eines adretten elder Gentleman durch das Programm, der selbst die Projektmanager der ”Stil- und Etikette-Seminare” der Robert Bosch GmbH vor Neid erblassen lassen dürfte, um dann schnell die Tonart zu wechseln und Englands Premier Tony Blair derb zu beleidigen. Madness klingen live wie auf Platte und auch die “Zufallsbesucher” wippen und schwofen nach wenigen Sekunden bei allen Songs: “Embarrasment”, “House of Fun” und “Baggy Trousers” lassen dem Publikum kaum Luft zum atmen und wir lernen, dass der Keyboarder, Monsieur Barzo, ein Sensibelchen ist und mehrmals vom Publikum zum Weitermachen angeregt werden muss. Offenbar eine humorvolle Anspielung auf das Image unserer französischen Nachbarn im Land der Angelsachsen.

Das gut gefüllte Zelt ist das erste Mal so richtig aus dem Häuschen bei ? wie könnte es auch anders sein ? “Our House”. Das sicherlich bekannteste wenngleich nicht stil-typischste Stück der Band. Der Videoclip war damals (1983) ein Sahnestück und Grundlage meiner Entscheidung, meinen Schüleraustausch in England zu verbringen. Wer mit MTV und Viva aufgewachsen ist, dem sei gesagt, dass es damals nur die Sendung Formel Eins im deutschen Fernsehen gab, die überhaupt Videoclips populärer Musik zeigte. Und nur wenige Musiker hatten eigene Videoproduktionen am Start. Selbst der/die legendäre Boy George turnte bei Formel Eins deswegen neben Peter Illmann - so hieß der Moderator, der heute unter anderem bei Hitradio FFH moderiert ? zwischen alten pinkfarbenen Autokarossen, Las Vegas-Kugeln, beißendem Trockeneis und einer Lichtorgel - die heute zum Standard eines jeden Wald-und-Wiesen-Alleinunterhalters gehört - herum.

Direkt im Anschluss folgt mit “It must be love” der nächste Kracher und dem Typ neben mir geht’s wie vorhin schon. Der richtige obligat-finale Schlussakkord sitzt und die Musiker verlassen verschwitzt die Bühne. Doch das Publikum hat Blut geleckt und holt sich die Band vehement noch zwei Mal für je zehn Minuten zurück auf die Bühne. Und da zeigen Madness, dass sie nicht nur vinylgetreu perfekt spielen können, sondern rocken das Publikum mit einigen steil-strahl geblasenen Saxophonsoli, sonoren Bassläufen und weiteren netten Einlagen der einzelnen Musiker im charakteristischen nutty sound, der die Band berühmt machte.