Machtbegehren aus der Fankurve

Christoph Ries

Die Idee ist simpel und absurd: Einige Fußballfans werfen ihre Ersparnisse in einen Topf und schlagen dem nächstbesten Profiklub einen Deal vor: "Wir unterstützen euch finanziell, dafür bestimmen wir, wer am Wochenende spielt." Was für deutsche Fans utopisch klingt, könnte in England zur veritablen Geschäftsidee werden. Vier große Clubs zeigen bereits Interesse.



Fans als Entscheidungsträger

Februar 2005. Der Engländer Will Brooks, leidenschaftlicher Fan des Londoner Vorortklubs FC Fulham, sitzt am Tresen seines Pubs und sinniert über die Situation des englischen Fußballs. Seit knapp neun Jahren gehört sein Team zum Besitz des Milliardärs Mohamed Al-Fayed. Mehrere Millionen transferiert der Ägypter jährlich auf das Vereinskonto der „Cottagers“ - und ist damit nicht allein. Auch Elton John, Robbie Williams und Flavio Briatore waren oder sind im Besitz eines eigenen Profiklubs, allesamt mit mehr oder weniger großem Erfolg.

Der Fußballfan Brooks fragt sich: Wenn ein Popstar, ein Formel-1-Manager und ein ägyptischer Milliardär genug Talent haben, um ein Profiteam zu leiten, warum dann nicht auch die Fans?

Brooks hat keinen Zweifel daran, dass der Sachverstand der Fankurve ausreicht, um eine derartige Aufgabe zu bewältigen. Allein die Millionen fehlen ihm – und ein Verein. Also gründet er im April 2007 das Internetportal MyFootballClub.co.uk und startet den Aufruf: "Gebt uns eure Kohle, dann geben wir euch einen Verein!" Sein Plan: Genug Geld anhäufen, bis es ausreicht, eine Fußballmannschaft zu kaufen. Jeder registrierte User soll dabei nicht mehr als den durchschnittlichen Preis einer Sitzplatzkarte investieren: 35 Pfund, knapp 50 Euro.



52.000 Mitentscheider

Dafür garantiert Brooks uneingeschränktes Mitspracherecht bei allen Vereinsangelegenheiten. Ob das Stadion umgebaut, der Trainer entlassen wird, welcher Spieler als erstes ausgewechselt und als nächstes verpflichtet wird, all das soll in den Händen der Internetgemeinde liegen. Der Trainer hätte den tollsten Job der Welt. Er könnte als Erster seiner Zunft die Fans für Niederlagen verantwortlich machen.

Anfang August nimmt Brooks den Mitgliedszähler von der Seite – er will sich von potentiellen Verhandlungspartnern nicht mehr in die Karten schauen lassen.

Zwei Tage nach dem Start der Webseite zählt MyFootballClub bereits 250 Mitglieder, drei Monate später sind es 42 000. Nach weiteren vier Wochen ist MyFootballClub treuhandlicher Verwalter von 1,35 Millionen Pfund, zusammengetragen von mehr als 52.000 Internetusern aus aller Welt. Die Verhandlungen können beginnen.



Option Camebridge United

Inzwischen führen die Mitglieder eine Strichliste, welcher Klub als erster übernommen werden soll. Manchester United, der FC Liverpool - das Selbstvertrauen der digitalen Patchwork-Millionäre kennt keine Grenzen. Selbst einen Übernahmekampf gegen Flavio Briatore um die Queens Park Rangers würden sie sich zu trauen. Muss sich der Multimillionär demnächst vor der Macht eines vernetzten Ameisenhaufens fürchten?

Unterdessen macht ein anderer Klub von sich reden. Cambridge United, ein Fünftligist aus dem Osten Englands und Drittplatzierter der Wunschliste, erfüllt viele der Bedingungen, die MyFootballClub an einen Übernahmepartner stellt: Ein professionelles Stadion, die Perspektive auf baldigen Aufstieg in die Premier League und ein nahezu schuldenfreies Konto. Camebridges Vorsitzender Lee Power scheint nicht abgeneigt: „Bei aller gebotenen Vorsicht - das Konzept ist interessant“, äußerte sich der United-Chairman gegenüber einem englischen Lokalsender. „Wenn jemand mit uns verhandeln möchte, hören wir ihm gerne zu.“



Die 50 plus 1 Regel

Hätte solch eine Idee auch im deutschen Fußball Erfolg? Nein, bislang nicht. Momentan verhindert eine Schutzklausel, dass sich externe Investoren an Teams wie dem SC Freiburg zu schaffen machen. Die so genannte „50 plus 1“-Regel besagt, dass ein Bundesligist nach dem Einstieg eines Investors noch mindestens 50,1 Prozent seiner eigenen Anteile halten muss - keine Chance für deutsche Trittbrettfahrer á la MeinFussballKlub.de.

Doch bereits im Oktober könnte diese Klausel wegfallen. Beim DFB-Bundestag in Mainz will der neu gewählte Liga-Präsident Reinhard Rauball offen über eine mögliche Statutenänderung diskutieren. Er entspricht damit dem Wunsch einiger Bundesligisten. Allen voran die finanzschwächeren Teams, wie Hannover 96, plädieren für einen Wegfall der Übernahmesperre.

Bei den größeren Vereinen regt sich heftiger Widerstand. Bayern-Manager Karl-Heinz Rummenigge betonte in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau: „Wir möchten kein Oligarchentum in Deutschland einführen. Ich bin gespannt, wie es in zehn Jahren in England mit diesen Leuten aussieht, die sich ihre Investitionen derzeit so feiern lassen.“

„Das Unternehmen ist ein Test,“ meint Tim Glynne-Jones, Pressesprecher von MyFootballClub. „Wir wollen herausfinden, ob die Fans wirklich so viel Ahnung vom Fußball haben, wie allgemein behauptet wird.“ Die 52.000 Anteilhaber von MyFootballClub scheinen daran jedenfalls keinen Zweifel zu haben. Ob sie mit ihrer virtuellen Fantasie vom Profifußball 2.0 auch Erfolg haben werden - geschweige denn ein englisches Team überhaupt zur Übernahme bereit ist, steht bis jetzt noch in den Sternen.

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