Macht der Wahl-O-Mat die Wahl (zu) leicht?

Till Neumann

Der Wahl-O-Mat ist ein Online-Instrument, das bislang drei Millionen Wähler zur Entscheidungsfindung genutzt haben. Wer 38 Thesen beantwortet, kann seine Position mit der entsprechenden Haltung der Parteien abgleichen. Reicht das für fundierte Meinungsbildung? Dazu ein Interview mit dem Wahl-O-Mat-Macher Stephan Trinius und eine Bewertung vom Freiburger Wahlexperten Ulrich Eith.



Was kann er wirklich, der Wahl-O-Mat? Kann man auf der Basis von 38 Thesen seine politische Position überprüfen? Werden da komplexe Themen nicht zwangsweise auf Schlagwörter reduziert? Zuerst haben wir mit Stephan Trinius gesprochen. Er arbeitet für die Bundeszentrale für politische Bildung und ist Projektleiter des Wahl-O-Mat-Teams.


Das sagt der Macher


Herr Trinius, haben Sie den Wahl-O-Mat Test schon gemacht?

Ja, ich benutze den Wahl-O-Mat bei jeder Wahl auch selbst. Da ich von Anfang an dabei bin, weiß ich natürlich, wie die Parteienvertreter auf die von uns gestellten Fragen geantwortet haben. Das Ergebnis entspricht eigentlich immer meiner Selbsteinschätzung.

Der Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl 2009 ist online seit dem 4. September. Bis jetzt wurde er 2,9 Mio Mal genutzt. Sind Sie mit diesem Zwischenstand knapp zwei Wochen vor der Wahl zufrieden?

Ja, sehr. Wir hatten bei der letzten Bundestagswahl insgesamt etwas über fünf Millionen Nutzungen. Ich hoffe, dass wir dieses Ergebnis übertreffen werden.

Warum soll man den Wahl-O-Mat Test machen? Reicht es nicht einfach, Zeitung zu lesen, Nachrichten zu schauen oder sich politische Debatten im Fernsehen anzuschauen?

Natürlich gibt es viele andere Möglichkeiten, sich zu informieren. Der Wahl-O-Mat ist ein Einstiegsangebot für Menschen, die sich vielleicht noch nicht so informiert haben. Leute, die wissen möchten: was sind die Wahlthemen? Welche Parteien gibt es? Welche Position vertreten sie? Der Wahl-O-Mat führt an die Bundestagswahl heran. Danach kann man sich weiter informieren. Der Wahl-O-Mat soll den Leuten Lust machen auf Politik und auf den Wahlkampf.



An wen richtet sich der Wahl-O-Mat?

Ursprünglich war er ein Angebot von jungen Leuten für junge Leute. Wir sehen aber, dass ihn alle Schichten und Generationen nutzen. Ich empfehle den Wahl-O-Mat jedem, der sich für Politik und die Wahl interessiert. Beim Wahl-O-Mat haben die Parteien auch die Möglichkeit gehabt, ihre Antworten zu begründen. Das kann man nachlesen, es ist spannend.

Seit diesem Jahr werden im Wahl-O-Mat alle Parteien berücksichtigt, die zur Bundestagswahl zugelassen wurden und zu den von Ihnen gestellten Fragen Position bezogen haben. Davor war nur eine Auswahl der in den Parlamenten vertretenen Parteien möglich. Warum diese Änderung?

2008 bei den Landtagswahlen in Bayern wurde der Wahl-O-Mat per einstweiliger Verfügung gestoppt. Die ÖDP hatte gegen den Wahl-O-Mat geklagt, da sie auch in das Programm aufgenommen werden wollte. Als Reaktion darauf haben wir beschlossen, alle Parteien in den Wahl-O-Mat aufzunehmen, die mindestens in einem Bundesland mit einer Landesliste antreten und zur Wahl zugelassen sind. So haben wir ein breiteres Spektrum an Themen und Parteien. Bei der Europawahl 2009 haben wir das zum ersten Mal versucht, es kommt bei den Nutzern gut an.



Der Wahl-O-Mat Test zur Bundestagswahl am 27. September umfasst 38 politische Thesen. Wie wurden sie erarbeitet?

Das hat ein Redaktionsteam gemacht, bestehend aus jungen Menschen zwischen 18 und 26 Jahren. Sie haben sich freiwillig bei uns gemeldet und wurden begleitet von einem Team aus Politologen, Statistikern und Sozialwissenschaftlern. In drei Workshops haben sie gelesen, diskutiert und redigiert. 88 ausgewählte Thesen wurden dann an die Parteien geschickt. Diese konnten jede Frage beantworten mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“ oder „neutral“. Nach einer erneuten Auswertung entstanden dann die 38 Thesen.

Angenommen, ich mache den Wahl-O-Mat Test und erhalte ein überraschendes Ergebnis. Soll ich dann meine politische Position ändern?

Nein, auf keinen Fall. Der Wahl-O-Mat ist keine Wahlempfehlung. Wenn ein überraschendes Ergebnis zu Stande kommt, soll das einfach dazu anregen, zu überprüfen, woran das liegt. Anregen auch dazu, noch einmal auf die Webseiten der Parteien zu gehen und die Programme anzuschauen. Es gilt zu überprüfen, wie die Parteien zu meinen Ansichten stehen.

Beobachter wie der Freiburger Politikwissenschaftler Ulrich Eith finden die Realisierung des Wahl-O-Mats sehr teuer. Was kostet das Projekt?

Das kann ich leider nicht sagen. Natürlich kostet politische Bildung Geld. Wenn man aber sieht, wie viele Millionen Menschen wir mit diesem Produkt erreichen, ist es kein teures Produkt.



Glauben Sie, dass die Bundestagswahl anders ausginge, wenn es den Wahl-O-Mat nicht geben würde?

Ich glaube nicht, dass der Wahl-O-Mat einen Einfluss auf das Ergebnis der Wahl haben wird. Zu einer Wahlentscheidung gehört viel mehr. Da spielen mehr als die 38 Thesen eine Rolle. Auch Bindungen, langfristige Überzeugungen und politische Persönlichkeiten sind entscheidend. Ich hoffe aber, dass dank des Wahl-O-Mat Menschen wählen gehen werden, die es vorher nicht wollten. Ich wünsche mir vor allem eine hohe Wahlbeteiligung.

Das sagt der Experte

Ulrich Eith ist Professor am Seminar für Wissenschaftliche Politik in Freiburg und Geschäftsführer der Arbeitsgruppe Wahlen Freiburg. Für uns hat er eine Einschätzung zum Wahl-O-Mat abgegeben.

"Der Wahl-O-Mat ist ein gutes Instrument, um mit Bürgern ins politische Gespräch zu kommen. Dass man anhand von 38 Thesen seine politische Position überprüfen kann, halte ich für möglich. Denn die Thesen und Antwortvorgaben wurden ja mit den Parteien abgestimmt.

Unterschiedliche Antworten ergeben unterschiedliche Profile. Beim Wahl-O-Mat geht es aber meiner Meinung nach nicht in erster Linie darum, eine Wahlempfehlung zu bekommen. Interessant ist es vielmehr, herauszufinden, wo sich die eigenen politischen Positionen von denjenigen der bevorzugten Partei unterscheiden.

Es kann sicherlich nicht schaden, seine politische Position neu zu überdenken, wenn ich beim Wahl-O-Mat-Test ein überraschendes Ergebnis bekomme. Zunächst sollte man sich aber anschauen, woran es liegt, dass so ein Ergebnis zustande kommt. Beim Überprüfen der Thesen stellt man möglicherweise fest, dass einzelne Parteien in gewissen Punkten ganz andere Positionen vertreten, als man eigentlich dachte.

Ich glaube übrigens nicht, dass Politik grundsätzlich zu kompliziert sei, um sie zu verstehen. Der Wahl-O-Mat ist natürlich vereinfachend, das liegt in der Natur der Sache. Aber er ist nur Anstoß zur Diskussion, ein erster Schritt auf dem Weg zur differenzierten Beschäftigung mit politischen Themen.



Empfehlenswert, aber nur als Ergänzung

Ich kann den Wählern den Wahl-O-Mat schon empfehlen. Zur Überprüfung der eigenen Positionen und Wahlabsichten ist er allemal interessant. Welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, ist eine andere Geschichte. Das Ergebnis des Tests ist ja nicht bindend für meine Wahlentscheidung. Man sollte den Test als Anstoß sehen, über die eigenen politischen Interessen und Vorstellungen noch einmal nachzudenken. Der Wahl-O-Mat sollte aber die anderen Bildungsmöglichkeiten nicht ersetzen, also möglichst tägliche Zeitungslektüre sowie das Anschauen von Nachrichten.

Auch politische Diskussionen mit Freunden oder im Kreise der Familie sind sinnvoll. Und natürlich sollte man sich bei Themen, die einen persönlich interessieren, einmischen und engagieren. Demokratie lebt von der Beteiligung. Wer all diese Punkte berücksichtigt, bei dem wird die Herausbildung einer persönlichen Meinung nahezu automatisch von statten gehen."

[Fotos: dpa, Markus Hofmann]

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