M.A. Numminen im Vorderhaus: Kauzig, finnisch, verspult

Martin Jost

M.A. Numminen ist schräg und singt schief. Kein Finne vor ihm hat so viele deutsche Philosophen vertont. Er steht seit den Sechzigern auf der Bühne und ist mit seinen durchgeknallten Liedern schon richtig angeeckt. Dabei hält er einfach nur die liebste Philosophievorlesung, wie er gestern im Vorderhaus bewies.



„Ein Telefonbuch mit Trommelbesen zu spielen, ist nicht meine Erfindung“, sagt M.A. Numminen, aber nach dem Abschwellen einer Welle von populären Telefonbuch-Drummern sei er wahrscheinlich inzwischen der einzige.


Der finnische Sänger ist nicht böse anarcho. Er ist einfach skurril und genießt es. Wenn er einen Lacher verursacht, grinst er mit. Numminen weiß, dass er komisch ist.

Schon die Idee hinter der ersten Hälfte des Abends ist verrückt: Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus vertonen. Jedes Lied der Suite gehört in ein anderes Genre. Vom durchkomponierten Jazz-Chanson zum Tango zum Rocksong. „Aber Pedro hat es als Punk Rock neu arrangiert.“ Pedro Hietanen begleitet Numminen auf dem Flügel, dem Akkordeon und auf der Blockflöte. Numminen setzt sich für den Punk Rock eine Sonnenbrille auf.



Den Rest der Zeit setzt er seine Lesebrille auf und ab. Lässt sie in der Sakkotasche verschwinden, fummelt sie wieder vor, während er die einzelnen Lieder ansagt. Wie ein zerstreuter Professor bei der Philosophievorlesung. Die Songs aus der Wittgenstein-Suite heißen “Proposition is a Truth Function” oder “The General Form of a Truth Function”. Numminen bedauert, dass er Wittgenstein damals in Englisch vertont hat, denn Prinzip der musikalischen Bewegung des Neorustikalismus (seine Erfindung) ist, dass in der Sprache des Publikums zu singen sei.

Die zweite Hälfte: Evergreens, Disney-Songs und finnische Volkslieder, alle selbst übersetzt. “Singin’ in the Rain” bei Numminen: „Es gießt wie vom Fass/ ich singe und bin nass.“ M.A. Numminen singt eigentlich nicht. Er bietet Sprechgesang und zieht einfach die Silben so lang, bis die Melodie nachkommt. Dabei lässt er seine Stimme jodel-krächzend umschlagen, als wäre er noch im Stimmbruch.

„Und als nächstes Lied etwas Romantisches, weil romantisch so gut zu meiner Stimme passt“ – Publikum lacht, Numminen grinst.

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