Lust auf Land: Bauernhof-Chefin mit zwanzig

Silke Kohlmann

Das ist Antonia Kiefer. Sie ist 30 und Chefin ihres eigenen Bauernhofs bei Aitern im Wiesental. Vor zehn Jahren schon übernahm sie den Hof und die Verantwortung über derzeit 26 Kühe. Wie lebt sie? Was ist ihr wichtig? Ein Portrait.



Mit zwanzig entscheiden manche, für ein halbes Jahr durch Australien zu trampen. Mit zwanzig machen viele gerne Party. Antonia Kiefer aber hat mit zwanzig ihren eigenen Bauernhof übernommen. Sie hatte gerade die Ausbildung zur Landwirtin beendet. Die Berufsschulkollegen gingen an den Hof ihrer Eltern zurück. Antonia Kiefer aber pachtete von der Gemeinde Schönau im Schwarzwald einen Stall mit Hinterwälder Vieh und Weideland. Seit damals managt sie ihren eigenen Bio-Zuchtbetrieb mit derzeit 26 Kühen.


Die Heugabel geschultert, stapft Antonia Kiefer durch den Stall. Draußen liegt der Schnee einen halben Meter hoch, drinnen dampft der Atem der Kühe. Die zierliche, junge Frau balanciert den schweren Heuballen zwischen den Kühen hindurch. „So ein Figürle“, spotteten die Bauern ringsum, als Antonia den eigenen Betrieb gegründet hat – und zweifelten, ob sie es schaffen würde.



Am oberen Ende des Wiesentals ist vieles noch so, wie es lange war. Der Mann führt den Hof, die Frau hilft mit. Aber ringsum haben die Bauern Schwierigkeiten, den Landwirtschaftsbetrieb an die nächste Generation weiterzugeben. Auch in Antonias Familie hätte eigentlich der Bruder den Hof des Vaters übernehmen sollen. „Aber der hat schon mit zwölf gewusst, dass er das nicht will.“ Antonia wollte immer. Als der Vater in Rente ging, war es für sie keine Frage, auch noch dessen Nebenerwerbsbetrieb zu übernehmen. Ein Bürojob? Undenkbar für sie. „Ich will draußen an der frischen Luft sein, ich will mein eigener Chef sein“, sagt die heute 30-Jährige. Die Arbeit im Kuhstall und auf der Weide macht sie glücklich. „Zusehen, wie das Vieh wächst, das ist was Erfüllendes.“



Antonia Kiefer kniet jetzt neben dem Nachwuchs im Stall. Das Kälbchen ist am Morgen zuvor auf die Welt gekommen, gerade als Antonia zum Füttern im Stall war. „Als ob die Mutterkuh auf uns gewartet hätte.“ Jetzt steht das Junge – wenn auch wackelig – auf seinen Beinchen und sucht immer wieder nach dem Euter der Mutter. Bei Antonia Kiefer bleiben die Kälber bei der Mutterkuh – zunächst im Stall, sobald der Schnee geschmolzen ist, geht es auf die Weide. Nach neun Monaten bringt die Bäuerin die jungen Rinder zum Schlachter. „Die süßen Kälble, wie bringst du das nur übers Herz?“, fragen Freunde manchmal. Aber einen solchen Blick auf die Landwirtschaft kann sich Antonia Kiefer nicht leisten. Schließlich muss der Hof ihre Familie ernähren. „Für das Tier muss es das Höchste sein, dass es dich ernähren darf und du wieder für die anderen Tiere sorgen kannst“, sagt die junge Landwirtin.

Ihre Sorge um den Hof und die Tiere beginnt morgens um sechs. Nach der Arbeit im Schönauer Stall fährt Antonia Kiefer gegen halb zehn zurück nach Hause – fünf Kilometer bergauf nach Oberrollsbach, hier gibt es nur noch Schnee und Wald und ein paar Höfe. Im dreihundert Jahre alten Bauernhaus leben unten die Eltern, oben Antonia mit ihrem Mann und dem zweijährigen Sohn Moritz. Familie und Beruf lassen sich hier gut unter einen Hut bringen. Wenn Antonia im Stall oder auf der Weide ist, kümmert sich ihre Mutter um Moritz. Antonias Mann Dirk arbeitet halbtags bei der Gemeinde, halbtags ist er bei seiner Frau angestellt. Und wie kommt er damit zurecht, dass sie sein Chef ist? Antonia Kiefer lacht. „Mal mehr, mal weniger.“ Er hat durchgesetzt, dass sie ab und an mal in den Urlaub fahren. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Hof auch ohne mich funktioniert.“

Eine Landwirtin hat keine planbare Freizeit. Aber Antonia Kiefer versucht, einmal in der Woche zur Probe ihres Musikvereins zu gehen. In der Trachtenkapelle Aitern spielt sie Schlagzeug und Pauke. Und seit fünf Jahren sitzt sie außerdem im Gemeinderat der 580-Einwohner-Gemeinde Aitern – neben der Bürgermeisterin als einzige Frau. Aber das ist sie gewohnt. Auch auf der Meisterschule war sie die einzige Frau. Und auf dem Landwirtschaftsamt wurde die junge Bäuerin anfangs komisch angeguckt.



Aber Antonia Kiefer hat es geschafft. Ihre Kunden wissen die Qualität des Fleisches zu schätzen. Noch ist sie als Direktvermarkterin vom Preisverfall für landwirtschaftliche Produkte nicht betroffen. Aber eines belastet die junge Frau an ihrem Beruf: die immer weiter ausufernde Schreibarbeit. Agrarstatistiken muss sie führen, Pässe für die Tiere beantragen, Anträge über Anträge für Fördergelder ausfüllen. „Das schreckt viele junge Leute heute davon ab, den Beruf des Landwirts zu ergreifen.“

Viel lieber ist es ihr, wenn sie wieder hinaus auf die Weide kann. Sobald der Schnee geschmolzen ist, wird sie Zäune setzen, Mist ausfahren und schließlich das Vieh auf die Weide bringen. Dass sie bei vielen dieser Arbeiten allein ist, stört Antonia Kiefer nicht. „Die Einsamkeit ist man hier oben von klein auf gewöhnt.“ Nie hat es sie gereizt, aus dem Wiesental wegzugehen. „Wenn ich mal weg war, hatte ich immer Heimweh nach dem Vieh oder nach dem Hund.“

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