Love or Hate Parade: Barfuß durch die Grauzone

Helena Barop

Die Love or Hate Parade ist gestern durch die Freiburger Straßen gezogen. Irgendwo zwischen Straßenfest und Krawallparty demonstrierte die linksradikale Szene für mehr autonome Freiräume und gegen soziale Kürzungen. Helena war im Kessel.



18:57 Uhr. An der Ecke Belfortstraße/Wilhelmstraße riecht es nach Kartoffelsalat. Barfüßige, dreadgelockte junge Leute schälen Möhren, drehen Zigaretten und spülen ihre Teller am Essensstand der "Volxküche". Sonne, Musik und gute Laune. Es ist ein Straßenfest, wie man es sich wünscht. Doch der Schein kann trügen. "Die Stimmung ist gut, die Polizei ist in Position. Da wird gleich gut was abgehen", schätzt eine Passantin.




Richtig. Drei Minuten vor offiziellem Demobeginn parken rund um das Straßenfest Polizeiautos. Eine Stunde später kippt dann die Stimmung und aus Straßenfestbesuchern werden Demonstranten. Drei Wagen, bestückt mit Bannern und Lautsprechern, ziehen auf der Belfortstraße los in Richtung Uni.



Die "Love or Hate Parade" fordert mehr autonome Freiräume und wehrt sich gegen soziale Kürzungen, so verkündet es das Plakat. Konkret liegt der Schwerpunkt der Lautsprecherdurchsagen bei der Rettung der KTS (das autonome Zentrum in Freiburg), deren Mietvertrag Ende 2007 ausläuft. Außerdem demonstriert man gegen die Vertreibung der Straßenpunks aus dem Stadtbild. In der Vergangenheit kam es bei Demonstrationen dieser Art immer wieder zu Ausschreitungen.

Schon die ersten Lautsprecherdurchsagen gegen acht Uhr zeugen von der Spannung zwischen Demobesuchern und Polizei. "Lasst euch nicht provozieren!" heißt es da, "Wir lassen uns unser Straßenfest nicht wegnehmen. Uns gehört die Straße!" Dann zeichnet sich der Konflikt ab. Die Polizei fordert, dass die Demowagen abgestellt werden, die Demonstranten gehen nicht darauf ein.

Die Demo ist nicht angemeldet, so ist es in der linksalternativen Szene Freiburgs Brauch. Ein Demobeobachter vom AKJ, dem Arbeitskreis kritischer Juristen aus der Fachschaft Jura, erklärt: "Bei einer angemeldeten Demo wären die Grundrechte auf freie Meinungsäußerung besser gesichert. So ist das alles nicht ganz klar geregelt. Die Demo wird zwar geduldet, aber alle Maßnahmen passieren in einer Art rechtlichen Grauzone."

Deshalb gibt es auch die Demobeobachter. In orangen T-shirts verteilen sie sich auf der Demo, ausgerüstet mit Kameras und Notizblöcken, um mögliche Ausschreitungen zu dokumentieren. Ihr Ziel ist es, als neutrale Beobachter zwischen Polizei und Demonstranten zu stehen, um eine unabhängige Berichterstattung über Ausschreitungen zu liefern.



19:30. Der Zug der Demonstranten biegt in den Werderring ein und trifft auf eine Straßensperre. Aus Gründen des Anwohnerschutzes soll die "Love or Hate Parade" nur unter der Bedingung weitergehen dürfen, dass die Wagen abgestellt werden. Bewaffnete Polizisten bilden einen Ring um die Demonstranten, sie setzen ihre Helme auf. Die Stimmung wird zunehmend aggressiver. "Lasst euch nicht provozieren" fordert die Lautsprecheransage.

"Wir sind friedlich! Was seid ihr?" skandieren die Demonstranten, und "Feiertage frei für die Polizei!" Während die Mehrheit tanzt, trommelt und feiert, gibt es jedoch am Rand der Veranstaltung erwartungsgemäß heikle Momente. Flaschen fliegen, gegen neun Uhr explodiert ein Feuerwerkskörper. Die Polizei meldet heute die Kopfverletzung eines Polizisten. Ob Demonstranten zu Schaden kamen, ist nicht bekannt. Immer wieder scheitert die Kommunikation zwischen Polizei und Demoleitung, Gerüchte von Tränengas und Wasserwerfern vergiften die Atmosphäre.

Um kurz vor zehn gibt es ein kleines Feuerwerk, ein Windstoß fegt durch den Werderring und dann geht es doch noch weiter. In die Innenstadt darf die Parade nicht, sie wird abgelenkt und durch die Sedanstraße und die Moltkestraße wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückgeführt. Um halb elf ist die Stimmung wieder auf "Straßenfest" umgeschlagen, die Leute tanzen barfuß und die behelmten Polizisten mit ihren Schlagstöcken wirken fast ein bisschen fehl am Platze.