Loop the orchestra: Hochkultur trifft Clubkultur

Dennis Wiesch

Denkt man an Samples und Loops, kommen einem in erster Linie Assoziationen zu elektronischer Musik, Clubs, DJs und Produzenten. Das man auch klassische Musik loopen kann, wurde am Mittwochabend bei "Loop The Orchestra", einem Projekt der Sinfonietta der Musikchule Freiburg, des Philharmonischen Orchester Freiburg und des in Berlin lebenden Vokal-Artist und Loop-Künstler Ricoloop bewiesen. Sowas hatte in Freiburg garantiert noch keiner erlebt! Dennis war dabei:



Rico Dießner, so Ricoloops richtiger Name, ist ein nicht nur national gefragter Performance-Künstler, der vor allem durch seine Auftritte im mittlerweile geschlossenen Berliner Club „Bar 25“ und auf dem Fusion- und Roskilde Festival von sich reden machte. Der 42-jährige Künstler arbeitet mit einer Loopstation, um Songs zu basteln, die allesamt seiner eigenen Kreativität entstammen. Mit Hilfe von Blastönen von mit Wasser gefüllten Flaschen, seinen Human Beatbox – Skills, manchmal auch Instrumenten und vor allem seiner Stimme lässt er Töne, Klänge und Beats entstehen.


Diese kurzen Phrasen und Patterns nimmt er mit seiner Loopstation auf, legt einen Anfangs- und Endpunkt fest und spielt diese Parts immer wieder ab, nimmt derweilen etwas Neues auf und legt es über das schon Entstandene. So bildet sich allmählich ein Soundgerüst, das mit jeder Minute komplexer wird und sich langsam zu einem richtigen Lied aufbaut.

Was will dieser Mann nun mit zwei Freiburger Orchestern? Wie funktioniert seine Technik, Musik zu machen, auf der Bühne eines Theaters? Wird der gesittete Besucher des Freiburger Stadttheaters schreiend und jubelnd vor Ekstase und Begeisterung von den Sitzen gerissen und ein ähnliches Verhalten wie die Fans bei Ricoloops Auftritten auf den Festivals und in den Clubs zeigen?

Zu Beginn spielt die Sinfonietta der Musikschule Freiburg eine Suite von Georges Bizet, ehe Rico Dießner seinen ersten Auftritt hat. Nach einer kurzen improvisierten Einlage, in der er dem Publikum gewaltige Dubstep-Beats um die Ohren haut und die schon allgegenwärtiges Staunen unter den Besuchern hervorruft, gewährt Ricoloop einen Einblick in seine Arbeit und erklärt seine Vorgehensweise.



Nun hat das Philharmonische Orchester Freiburg seinen Auftritt, spielt eine Ouvertüre von Michail Glinka, um danach gemeinsam mit Dießner zu „jammen“. Von der Moderatorin Katharina Mohr als „Orchester-Loops“ angekündigt, bezieht der Berliner die Musiker des Orchesters in seine Kunst mit ein. Als Grundlage dient ein minimaler Beat. Nun summt Ricoloop den jeweiligen Instrumentengruppen des Orchesters eine kurze Melodie vor, die die Musiker dann nachzuspielen haben. Ob Holzbläser, Blechbläser, Schlaginstrumente oder die verschiedenen Streicher, jede Gruppe steigt nach und nach ein und lässt eine gewaltige Geräuschkulisse entstehen. Kaum steht der Song, unterlegt Ricoloop die spontan entstandene Klangwelt mit Beats und anderen Sounds.

Würde man die Szenerie nun in den beliebten Club am Berliner Spreeufer verlagern, gäbe es kein Halten mehr. Hier sind wir aber im Theater, also fällt das Tanzen schon mal flach. Allerdings ist beim mehrheitlich jungen Publikum das ein oder andere Kopfnicken wahrzunehmen, während es eine Freude ist, die Skepsis über das gerade Dargebotene in den Gesichtern einzelner Orchestermitglieder zu beobachten. Ricoloop verleiht dem Ganzen noch eine unfreiwillige Komik, in dem er mit wippendem Körper und kleinen Tanzeinlagen auf dem Dirigentenpodest stehend etwas unbeholfen das Orchester dirigiert. Seine Begeisterung und Leidenschaft, die in seinen freudestrahlenden Augen abzulesen ist, überträgt sich auf die Musiker und das Publikum, der anschließende Applaus will gar nicht mehr abklingen.

Nach der Pause befinden sich beide Orchester gemeinsam auf der Bühne und spielen Kompositionen aus dem Film „Schindlers Liste“, von Franz Schubert und Bela Bartok. Hier steigt auch Ricoloop wieder ein, loopt den vom Orchester gespielten „Schnell-Tanz“ und legt einen stampfenden Beat unter die filigran gespielten Melodien. Selbst das Publikum muss noch ran, als der Loop-Künstler den Saal in drei Gruppen unterteilt und jedem Block eine andere Gesangsaufgabe zuteilt. Der nun entstandene Gesangspart wird unter der Anleitung von Ricoloop vom Orchester musikalisch untermalt und die Interaktion zwischen Künstler, Musikern und Publikum erreicht seinen Höhepunkt. Als Abschluß wird noch der berühmte „Ungarische Tanz Nr. 5“ von Johannes Brahms zum Besten geboten, in deren Mittelpart erneut Ricoloop einsteigt, um seine Interpretation des Orchesterstücks vorzuführen.

Nicht mehr enden wollender Applaus und wahre Begeisterungsstürme nach den einzelnen Darbietungen inmitten des Konzerts zeigen, dass Hochkultur und Clubkultur sich nicht ausschließen, neben- und miteinander funktionieren und durchaus kompatibel sind. Das hoffentlich nicht einmalige Experiment darf von den Veranstaltern getrost als geglückt bezeichnet werden.



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[Bilder: Probenfotos; M. Korbel/Theater Freiburg]