Interview

Lörracher Suchttherapeut: "Die Entkriminalisierung von Cannabis wäre ein Anfang"

Ansgar Taschinski

Robert Bischoff von der Drogenberatungsstelle in Lörrach plädiert für eine Liberalisierung des Cannabiskonsums. Und fordert klare Grenzwerte für THC im Straßenverkehrsrecht.

In vielen Ländern wurde der Konsum von Cannabis in den vergangenen Jahren liberalisiert. Ob dies auch ein Weg für Deutschland sein könnte, war am Montag Thema einer Fachtagung der Drogen- und Jugendberatungsstelle Lörrach des Arbeitskreises Rauschmittel. Über die aktuellen Entwicklungen und Probleme sprach Ansgar Taschinski mit dem Suchttherapeuten Robert Bischoff.


BZ: Herr Bischoff, in zahlreichen Ländern wurde der Umgang mit Cannabis in den vergangenen Jahren liberalisiert. Welche Möglichkeiten sehen Sie in Deutschland?
Robert Bischoff: Grundsätzlich muss man zwischen einer Legalisierung und einer Entkriminalisierung unterscheiden. Legalisierung würde bedeuten, den Konsum komplett freizugeben, was jedoch Einschränkungen in puncto Werbung und Jugendschutz nicht ausschließt. Das andere sind Modelle der Entkriminalisierung wie etwa in den Niederlanden, wo der Besitz von Cannabis zwar nicht straffrei ist, aber geduldet wird. Meiner Meinung nach sollten wir den Anfang machen und den Besitz und Erwerb von geringen Mengen Cannabis zum Eigenkonsum straffrei stellen, also eine Entkriminalisierung. Wichtig wäre auch, im Straßenverkehrsrecht Grenzwerte für den Cannabiskonsum festzusetzen, die den akuten Rauschzustand definieren, um diejenigen zu bestrafen, die den Konsum von Cannabis und die Teilnahme am Straßenverkehr nicht trennen. So wie die rechtliche Situation heute aussieht, trägt jeder Kiffer das Risiko, den Führerschein zu verlieren – leider auch dann, wenn nicht im Rauschzustand gefahren wird.
"Cannabis ist geeignet, um zahlreiche körperliche und psychische Störungen zu behandeln."

BZ: Seit 2017 ist in Deutschland die Nutzung von Cannabis für medizinische Zwecke erlaubt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Bischoff: Man betrachtet Cannabis mittlerweile nicht mehr nur als gefährliche Rauschdroge, sondern auch als Arzneimittel, das eine sehr große therapeutische Breite hat. So ist Cannabis geeignet, um zahlreiche körperliche und psychische Störungen zu behandeln, wie etwa multiple Sklerose oder Übelkeit bei Chemotherapie. Im psychischen Bereich kann es beispielsweise auch bei Depression helfen. Allerdings sehe ich da noch großen Forschungsbedarf. Die gesetzlichen Regelungen sind gut. In der Umsetzung gibt es aber noch große Probleme. So ist es sehr schwierig, einen Arzt zu finden, da es starke Vorbehalte in der Ärzteschaft gibt. Zudem dürfen die Krankenkassen zwar nur in begründeten Einzelfällen eine Kostenerstattung verweigern, doch derzeit gibt es einen erheblichen Prozentsatz von Ablehnungen.
Robert Bischoff (52) ist Diplom-Sozialarbeiter und Suchttherapeut. Seit 23 Jahren ist er in der Drogenberatung tätig und seit 17 Jahren beim Arbeitskreis Rauschmittel.

BZ: Immer wieder wird Befürwortern eines liberaleren Umgangs mit Cannabis eine Verharmlosung der Droge vorgeworfen. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?
Bischoff: Es ist sicherlich nicht unsere Intention, irgendwelche Gefahren kleinzureden. Man muss grundsätzlich dazu sagen, der Konsum von Drogen – und dabei spielt es keine Rolle ob diese legal oder illegal sind –, ist immer auch mit Risiken verbunden. Ich halte deswegen eigentlich auch nichts von der Unterscheidung von sogenannten "weichen" und "harten" Drogen. Ich denke, entscheidend ist das Konsummuster, wie beim Alkohol auch. Es macht eben einen großen Unterschied, ob ich jeden Tag eine Flasche Wodka trinke oder am Wochenende ein Glas Wein. Die Risiken können auch deshalb nicht generell, sondern nur im Einzelfall beurteilt werden. Es gibt auf jeden Fall Personengruppen, für die der Cannabiskonsum mit erheblichen Risiken verbunden ist. Ich denke dabei zum Beispiel an psychiatrisch vorbelastete Menschen oder auch an Jugendliche, die in schwierigen psychosozialen Verhältnissen leben.
"Grundsätzlich ist Cannabis nach dem Alkohol die in unserer Gesellschaft am weitesten verbreitete Droge."

BZ: Welche Erfahrungen gibt es im Landkreis Lörrach mit dem Konsum von Cannabis, gerade auch bei Kindern und Jugendlichen?
Bischoff: Insgesamt ist der Cannabiskonsum steigend. Unsere Erfahrungen sind aber nicht repräsentativ. Wir als Beratungsstelle haben vor allem mit den Leuten zu tun, die aufgrund ihres Drogenkonsums Probleme haben. Die Menschen, die ohne Probleme Substanzen konsumieren, nehmen normalerweise die Dienste einer Beratungsstelle nicht in Anspruch. Durch das Gesetz für Cannabis als Medizin haben wir jetzt verstärkt auch Anfragen aus diesem Bereich. Grundsätzlich ist Cannabis nach dem Alkohol die in unserer Gesellschaft am weitesten verbreitete Droge. So geht es bei der Frage nach einer möglichen Liberalisierung auch nicht um Kinder und Jugendliche. Denn egal, ob wir für eine Legalisierung oder Entkriminalisierung sind oder nicht, sind wir uns doch sicherlich alle darin einig, dass wir den Konsum – wenn überhaupt – für Erwachsene liberalisieren wollen und nicht für Minderjährige.