Lisa, Landmaschinenmechanikerin: Eine Frau für alle Trecker

Gisela Ehret

Sie schraubt und schleift, sie versorgt Kunden mit Ersatzteilen. Lisa Nusser arbeitet seit März bei Maschinen Bader-Ritter in Freiburg. Sie ist gelernte Landmaschinenmechanikerin – ein Beruf, den nach wie vor fast nur Männer ausüben.



Eigentlich hatte Lisa Nusser mit Landtechnik gar nichts am Hut. „Ich hatte immer Angst vor technischen Sachen“, erinnert sich die 29-jährige Sulzburgerin. „Ich war froh, wenn ich mein Auto betankt bekommen habe.“ Nach dem Abitur begann sie an der Uni Hohenheim ein Studium in Agrarwissenschaften. Als im ersten Semester die Landtechnikvorlesungen begannen und ihr jegliche Grundlagen fehlten, marschierte sie in die nächste Werkstatt, zu Diener Landtechnik in Buggingen, um zuzuschauen.


„Beim Zugucken ist es dann nicht geblieben: Ich habe gemerkt, wie viel Spaß das macht.“ Aus zwei Wochen Praktikum werden die ganzen Semesterferien. Jedes Wochenende fährt die Studentin nach Hause, montags schwänzt sie die Uni, um schrauben zu können. Als der Chef irgendwann fragt: „Wann machst du denn jetzt die Ausbildung?“, ruft sie kurzerhand bei der Uni an und meldet sich ab. Im fünften Semester. Einen Job auf dem Amt oder im Büro wollte sie sowieso nicht: „Ich will was schaffen.“

Die Zeit bis zum Ausbildungsbeginn nutzt Lisa, um den Lkw-Führerschein zu machen.Sie würde ihre  Nase gern in jede Maschine reinsteckenDas Reparieren bringt ganz andere Erfolgserlebnisse als das Studium. „Als mein erster Schlepper wieder lief, stand ich im Hof und hab geheult vor Freude“, erzählt Lisa lachend. „Die Jungs haben alle gedacht, ich bin bekloppt.“ Sie findet es wahnsinnig spannend, was es alles zu lernen gibt, wie die Dinge aufeinander aufbauen. In jede Maschine würde sie gern die Nase reinstecken. „Das ist wie Sendung mit der Maus, nur den ganzen Tag über“, sagt sie und strahlt.

Ihre Eltern, beide Lehrer, waren zuerst nicht sehr begeistert von der Berufswahl. „Aber mittlerweile finden sie es gut, weil sie merken, dass ich zufrieden damit bin.“ Auch Freundinnen und Schwester unterstützen sie in der Entscheidung für den Traumberuf. „Sie finden aber die direkten Auswirkungen wie  ölige Fußtapsen, Altöl- und Spritgeruch auch nicht so prickelnd“, gibt Lisa grinsend zu.

Die Reaktionen Fremder reichen von Unverständnis bis Ablehnung. Während sie in Hohenheim von gut erzogenen männlichen Studenten umgeben war, traf die damals 26-Jährige auf der Gewerbeschule auf lauter pubertierende Jungs. Sie war die einzige Frau in der Schule, die Damentoilette war verschlossen. Der Umgang miteinander war rau. „Am Anfang hab ich gedacht: Das hältst du nicht durch. Bis ich gemerkt habe, dass es total lustig ist.“ Lisa lernte, sich nicht über jede Rüpelei von Kollegen tagelang Gedanken zu machen. Bald stellte sie fest, dass die jungen Männer es ihr nicht übel nahmen, wenn sie genauso ruppig mit ihnen umging. Die Manieren hätten darunter natürlich gelitten, bekennt die Mechanikerin lächelnd. Aber: „In der Ausbildung hab ich gelernt, anders aufzutreten.“ Vorher sei sie ein graues Mäuschen gewesen, habe sich in den riesigen Hörsälen der Uni verloren gefühlt. Bereits im ersten Berufsschuljahr wurde sie dann zur Schulsprecherin gewählt, bei der Freisprechungsfeier hielt sie eine Rede vor 500 Leuten.

In der Werkstatt durfte Lisa während der Ausbildung alles machen: „Ich hatte einen tollen Chef, der mich nie benachteiligt hat.“ Dadurch hat sie eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit Maschinen entwickelt, die sie heute jeder Frau wünscht. Von der früheren Befangenheit technischen Dingen gegenüber keine Spur mehr. Kürzlich konnte Lisa unterwegs ganz selbstverständlich das Auto ihrer Mutter kurzschließen, als die Zündung kaputt war. Innerhalb des letzten halben Jahres der Ausbildung bekam Lisa fünf Jobangebote, ohne sich jemals irgendwo beworben zu haben.



Frauen in diesem Beruf sind bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. In ganz Deutschland sind es derzeit 41. Weil sie nicht ihr Leben lang so schwer arbeiten will, suchte Lisa sich einen Job als Lageristin. Bei Bader-Ritter bestellt sie Ersatzteile, nimmt Reparaturgeräte an und sucht den Mechanikern die richtigen Maschinenteile heraus. Aber auch in der Werkstatt hilft Lisa aus, ungefähr 30 bis 40 Prozent ihrer Arbeitszeit repariert sie Maschinen. Es gibt auch Tage, an denen sie nur im Büro sitzt –  „an denen bin ich abends  nicht ausgelastet“.

Vorurteile seitens der Landwirte begegnen ihr häufig. Wenn sie im Ersatzteillager ans Telefon geht, fordern die Anrufer: „Geben Sie mir mal einen Lageristen.“ Auch wenn sie in der Werkstatt am Arbeiten ist, kann es passieren, dass Kunden hereinlaufen und fragen: „Ist hier kein Mechaniker?“ Die jüngeren Landwirte finden  Frauen wie Lisa praktisch – ein- bis zweimal pro Woche kann es schon vorkommen, dass sie  Heiratsanträge bekommt. Bei den älteren Landwirten dagegen genießt die Lageristin Welpenschutz. Sie reagieren mit väterlichen Sprüchen: „Meine Tochter fährt auch ab und zu Traktor.“

Benachteiligt fühlt Lisa sich als Frau dennoch nicht. Sie könne alle Arbeiten machen, die Männer auch tun. Nur in der Anfangszeit sei sie jeden Tag total körperlich total erschöpft gewesen. Ihrer Meinung nach hat sie  als Frau auch Vorteile: Mit ihren schlanken Armen käme sie besser an verwinkelte Stellen in Maschinen als Männer. Auch im Kundenumgang könne sie punkten: Stinkige Kunden schalten zurück, wenn sie mit ihr sprechen, erzählt sie. Der dritte Punkt hilft hauptsächlich ihr selbst: Wenn Lisa etwas nicht weiß, ist sie sich nicht zu schade, nachzufragen. Männer, so sagt sie, hätten damit eher Probleme.

Der Beruf: Landmaschinenmechaniker/in

  Die vollständige  Berufsbezeichnung lautet „Mechaniker für Land- und Baumaschinentechnik“. Die Mechanikerinnen und Mechaniker warten und reparieren Landmaschinen bei Herstellern, Händlern und Werkstätten. Die Ausbildung dauert dreieinhalb  Jahre.  Bestimmte Zugangsvoraussetzungen gibt es keine, Interesse an Naturwissenschaften und technischen Vorgängen sollte man aber mitbringen.

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[Fotos: Gisela Ehret]