Linie Zwei, die Zweite

Manuel Lorenz

Vox Balaenae heißt das Stück des US-amerikanischen Komponisten George Crumbs, das am Mittwoch im E-Werk Eyes Wide Shut-mäßig zum Besten gegeben worden ist. Im Publikum keine Huster, dafür Mystik, die nicht nach Eso-Laden roch.



Eine in tiefes Blau getauchte Bühne und drei zur Unkenntlichkeit maskierte Musiker. Mehr braucht es nicht, um im E-Werk eine Traumnovelle zu erzählen, die das Publikum gut anderthalb Stunden lang den Atem anhalten lässt.


Szenarien aus Kubricks „Eyes Wide Shut“ – bloß, dass Dagmar Becker (Flöte), Christoph Grund (Klavier) und Frank-Michael Guthmann (Violoncello) den gesamten Abend über bekleidet musizieren werden.

Der Musik des US-amerikanischen Komponisten George Crumbs tut dies keinen Abbruch. Pulitzer-Musikpreisträger, Grammy-Gewinner – und doch ein Paul-Auster’scher Charakter, der David-Garrett-Hörern wohl kaum bekannt sein dürfte. Dabei setzt Crumb ganz auf Klang und Eindruck, lässt die Aufführenden minimalistisches Theater spielen und berührt mit Mystik, die ausnahmsweise mal nicht nach Eso-Laden riecht.



Regen prasselt auf das Dach des E-Werks und stimmt lautstark auf das erste Stück ein – „Vox Balaenae“ (1971). Moby Dick hätte Purzelbäume geschlagen, so anrührend ist der schamanistische Walgesang, den Dagmar Becker ihrer Querflöte entlockt, wenn sie abwechselnd Luft und Stimme durch ihr metallenes Holzblasinstrument schickt.

Auch am verstärkten Klavier wird experimentiert, was das Zeug hält: Mal beugt sich Christoph Grund über den deckellosen Flügel, um bluesig die Saiten auf und ab zu sliden; dann bombardiert er den Zuhörer mit pastellenen Farbbeuteln, um am Ende sanfte Töne versöhnlicher Melancholie anzuschlagen.

Das zweite Stück beschert Frank-Michael Guthmann einen zehnminütigen Soloauftritt. Die Maskerade ist gefallen; einsam sitzt der kahlhaarige Cellist im weißen Spotlight. Was folgt, ist eine kurzweilige Sonate, in der Guthmann virtuos aber gefühlvoll Matisses großformatigen „Tanz“ nachzumalen versteht.

Erstaunlich: Bisher noch kein einziger Huster. Gleichen Klassische Konzerte ansonsten gerne mal Davos’schen Lungensanatorien, könnte man hier heute in ruhigen Momenten die berühmte Stecknadel fallen hören. Wie in einem Hitchcock-Streifen hält Crumb den Zuhörer hin, plaudert nicht aus, wer der Mörder ist und macht’s bis zuletzt spannend. Überhaupt ist seine Musik sehr filmisch, lässt hie und da Debussy und Bartók durchklingen und bedient sich großzügig der Ethno-Kiste.



Letzteres wird vor allem im dritten Stück des Abends, der fünfsätzigen „Music for a Summer Evening“ (1974) hörbar. Hinter den zwei Flügeln, die einander gegenübergestellt worden sind, erhebt sich ein gewaltiges Schlagwerk-Gebirge: Pauken, Trommeln, Gongs, Glocken, Zimbeln, Cowbells, Xylophone – und, und, und. Man kommt außer Atem, will man aufzählen, was alles aufgefahren worden ist.

Wie Kinder zu Weihnachten packen Jochen Schorer und Markus Maier – die heimlichen Helden der Serenade – ein Geschenk nach dem anderen aus, spielen damit und lassen es schließlich unbeachtet in der Ecke liegen. Dann stellen sich die beiden spitzbübisch an die Flügel und spielen auf ihren Kolbenflöten in die Resonanzräume der verstärkten Tasteninstrumente hinein.

Wenn sie danach archaische Silben singen und mit Hilfe des Gongs mulmige Weissagungen aussprechen, will man augenblicklich zum Buddhismus konvertieren. Nur Bach, den die Pianisten – Julia Vogelsänger ist dazugekommen – am Ende ins Geisterhaus schicken, überredet einen in letzter Sekunde, dem Abendland doch noch mal eine Chance zu geben.

Im Anschluss strömt alles ins Foyer. „Klassik Lounge“ heißt es nun, und erfreulicherweise hat sich seit der ersten „LinieZwei“ einiges verändert. Das Publikum, angenehm durchsetzt von Orchestermitgliedern, ist deutlich jünger als noch zuletzt. Chef-Dirigent Sylvain Cambreling wacht gelassen über seine Schäfchen; ZMF-(Mit-)Macher Achim Rau ist die Freude über das fertige Festival-Programm anzusehen.

Auch die Deko überzeugt diesmal: Über die gesamte Länge des Eingangsbereichs werden urbane Clips projiziert; In einer Ecke liegt – Objet trouvé – jene Diskokugel, auf die Paul Kalkbrenner in „Berlin Calling“ noch sein Bein gestellt hat. Insgesamt: cooler, minimaler, rougher. An der Bar kriegt man für 5 Euro ein LinieZwei-rotes Special: Sekt mit (in Zucker eingelegter) Hibiskusblüte. Klebrig, aber ausgefallen.



Gut auch, dass die Veranstalter nicht den Fehler begehen, die Zeit nach dem Konzert mit handelsüblichem Lounge-Gedöns zu banalisieren. Zwar kommt beim (eigentlichen Pianisten) und CDJ Christop Grund nur derjenige auf seine Kosten, der für neue Klänge und skurrile musikalische Einrichtungen offen ist; dafür könnte die „Klassik Lounge“ aber eine tatsächliche Alternative zum Gewöhnlichen und zu oft Gehörten werden.

Mit New Yorker Avantgardisten wie John Cage und James Tenney, dem kalifornischen Mikrotonalisten Harry Partch, (immer wieder) Erik Satie, smoothem Vokaljazz von Shirley Horn und der skurrilen Gruppe Bohren & Der Clube of Gore schickt Grund die letzten Gäste gegen ein Uhr morgens in die vernieselte Nacht.

Ein großer Abend. Bitte mehr davon! (Weitere Termine von Linie Zwei: 20. Mai und 7. Juli)

Mehr dazu:

fudder.de: Nightlife Guru Linie Zwei
fudder.de: Nightlife Guru Donaueschinger Musiktage 2008
Web: Linie Zwei