Liegt auf dem Freiburger Münster eigentlich ein Gipfelbuch?

Dana Ghafoor-Zadeh

Es ist ein Freiburger Mythos: Das Gipfelbuch des Freiburger Münsterturms. Seit Jahren rätseln kletternde und nicht-kletternde Freiburger, ob es das ominöse Buch überhaupt gibt, auf dessen Seiten sich Turmerklimmer verewigt haben sollen. Dana ist der Legende nachgegangen: Wurde der Turm tatsächlich schon bestiegen? Ist das technisch überhaupt möglich? Und gibt es vergleichbare Legenden in anderen Städten mit hohen Kirchtürmen?

116 Meter erhebt sich der Freiburger Münsterturm in den Himmel, unten wuseln Marktbesucher auf der Suche nach dem besten Spargel, der ein oder andere beißt genüsslich in eine Lange Rote (oder eine Tofuwurst, je nach Gusto). Alleweil läuten die Glocken und die Blicke richten sich nach oben.


„Man muss schon ein wenig Klettererfahrung haben, um da hoch zu kommen“, sagt Oliver Reetz. Er selbst klettert seit sechs Jahren, der Turm flößt ihm Respekt ein. Ihm zu erklimmen hält er jedoch nicht für unmöglich: „Das Wichtigste ist, denke ich, dass man erst mal die ersten paar Meter der Wand hoch kommt. Man bräuchte vielleicht etwas Hilfe für die ersten Meter. Man könnte zum Beispiel den Blitzableiter oder eine Räuberleiter benutzen.“

Momentan können Kletterer auch auf andere Hilfe zurückgreifen: Das Baugerüst. Thomas Laubscher, Projektleiter der Müsterturmsanierung, hält die aktuellen Kletterer für Amateure: „Eine Herausforderung war es, als noch kein Gerüst da war, jetzt ist es eigentlich leicht.“

Und was ist mit dem Gipfelbuch? Legende oder Tatsache? Bis 1996, so Laubscher, gab es wahrscheinlich ein Gipfelbuch. Zur Vermessung wurden damals mit einem Hubschrauber Aufnahmen gemacht. Auf diesen Bildern sieht man eine Art silberne Vesperdose, die damals verschlossen war. Ob da ein Buch drin war? Sicher ist nur eines: „Als wir 2005 das Gerüst aufgebaut haben, war die Dose dann geöffnet, der Deckel hing an einer Schnur und das Buch war weg.“, sagt Laubscher. Was damit passiert ist, sollte es das Buch denn tatsächlich gegeben haben, weiß niemand. „Einer der nächtlichen Turmbesteiger wird das wohl geklaut haben.“, vermutet Laubscher.

Was das Gipfelbuch genau enthielt, weiß offiziell auch niemand im Münsterbauverein. Thomas Laubscher zufolge hat das nie jemand gelesen, die Kletterer aber waren ein offenen Geheimnis: „Wir haben aber zu Genüge mitbekommen, dass Leute hochgeklettert sind.“ Fand man morgens eine Werkzeugkisten nicht dort, wo man sie zurückgelassen hatte, sondern woanders, dann war wohl ein Kletterer dagewesen. In den vergangenen drei Jahren hat niemand mehr nächtliche Spuren hinterlassen.

Unentdeckt zu bleiben, empfiehlt sich auch unbedingt. Gegen jeden, der erwischt wird, wird Anzeige erstatten, Polizeieinsätze gab es auch schon. Schließlich kann man nie wissen, ob der Kletterer hoch will, um sich in das Gipfelbuch einzutragen oder um sich vom Turm zu stürzen.



Die Angst vor Suizidversuchen von Kirchentürmen kennt auch Tabea Frey, Pfarrerin des Ulmer Münster: „Wir haben deshalb eine ganze Reihe Sicherheitsmaßnahmen ergriffen.“ Von Kletterern oder gar einem Gipfelbuch auf dem Münsterturm in Ulm ist ihr nichts bekannt. „Zum Glück!“, sagt sie. „Das hätte verheerende Auswirkungen, für Mensch und Bauwerk.“

Nur einmal im Jahr wird das Ulmer Münster bestiegen. Tabea Frey: „Zu Bergsteigern ausgebildete Steinmetze klettern ganz offiziell bis zur Spitze des Hauptturms hoch, um den Blitzableiter zu überprüfen. Jedes Mal bildet das ein spektakuläres Bild - von dem wir hoffen und Sorge dafür tragen, dass nicht irgendwelche Imitatoren sich dies zum Vorbild nehmen!“

Diese Einstellung teilt man auch in Köln: Das Fassadenklettern am Dom ist strengstens verboten. Trotzdem befinden sich einige Namen an der Wand unmittelbar unter der Turmspitze. Diese Gipfelbuch-Alternative stammt allerdings von Mitarbeitern der Dombauhütte. Regelmäßig müssen sie zu Wartungsarbeiten an einer Wetterstation die Turmspitzen des Domes besteigen. Die Namen derjenigen, die zum ersten Mal oben sind, werden traditionell innen in Kreide verewigt.

Was genau auf den Gipfeln passiert, bleibt das Geheimnis derer, die oben waren. Oliver Reetz würde sich theoretisch zutrauen, auf den Münsterturm in Freiburg zu klettern, praktisch schreckt er aber doch davor zurück: „Der Sandstein ist zu riskant, zumal mir mein Leben zu lieb ist, als dass ich da ohne Sicherung hochklettern würde.“ Dann bleibt wohl nur, den Müstergipfel vom Boden aus zu betrachten und ein wenig sehnsuchtsvoll an das sagenumwobene Gipfelbuch zu denken.