Interview

Liedermacher Heinz Ratz über sein Benefizprojekt "Eine Million gegen Rechts"

Simon Langemann

100 Benefizkonzerte in 100 deutschen Städten spielt Musiker Heinz Ratz – so am Mittwoch auch in Freiburg. Warum Popmusik eine gesellschaftliche Haltung einnehmen sollte, erzählt er im Interview.

"Eine Million gegen Rechts": Mit diesem Vorhaben wird der Musiker Heinz Ratz mit seiner Band Strom & Wasser in diesem Jahr 100 Benefizkonzerte in 100 deutschen Städten spielen. Der Erlös geht an bedrohte selbstverwaltete Jugendzentren und soziokulturelle Einrichtungen in Ostdeutschland. Am Mittwoch gibt es den "Ska-Punk-Polka-Randfiguren-Rock", wie die Musiker ihren Stil selbst bezeichnen, im Freiburger E-Werk zu hören. Mit Ratz unterhielt sich Simon Langemann.


BZ: Warum halten Sie gerade die Unterstützung soziokultureller Zentren in Ostdeutschland für einen sinnvollen Beitrag gegen Rechts?
Ratz: Es gibt einfach Regionen, in denen das die letzten Häuser sind, die eine lebensfrohe, demokratische und auf Menschenrechten beruhende Arbeit machen. Wo man offen ist für viele Kulturen, wo geflüchtete Menschen hinkommen können und keine Angst haben müssen, wo Jugendliche gefördert werden und selbst aktiv werden können. In manchen Gegenden ist das wirklich selten geworden und man erschrickt, wie sehr die Demokratie schon in der Defensive ist.

BZ: Sie haben die Bundesländer Sachsen, Brandenburg und Thüringen ausgewählt. Hängt das damit zusammen, dass dort im Jahr 2019 gewählt wird? Oder sind diese Einrichtungen dort besonders bedroht?
Ratz: Es ist eigentlich beides. Einerseits ist es dort besonders schwierig – wobei es mittlerweile in allen Bundesländern Ecken im ländlichen Raum gibt, an denen es schwierig ist. Aber ich brauche für dieses Projekt natürlich eine Begrenzung, sonst würde ich das nicht schaffen. Andererseits befürchte ich, dass die Wahlergebnisse die Situation dieser Orte nicht leichter machen werden. Daher möchte ich ein bisschen in den Wahlkampf eingreifen, und das nicht, indem ich sage: Wählt diese oder jene Partei. Sondern indem ich sage: Schützt diese Orte.

BZ: 1000 Kilometer laufen für Obdachlose, 800 Kilometer schwimmen für den Artenschutz, eine Konzertreise mit Geflüchteten: Die anstehende Tour ist nicht Ihr erstes derartiges Großprojekt. Macht man es sich aus Ihrer Sicht zu gemütlich, wenn man einfach nur politische Lieder singt?
Ratz: Ein Lied ist schnell gesungen, Applaus ist schnell bekommen, und darauf kann man sich natürlich wunderbar ein ganzes Leben lang ausruhen. Wenn jemand Liebeslieder schreibt und das für ihn wichtig ist, dann fordere ich von ihm nicht unbedingt politisches Engagement. Aber wenn sich jemand politisch darstellt oder von seiner Plattenfirma ein sozialkritisches Profil verpasst bekommt, dann sollte sich das politische Engagement nicht darauf beschränken, dass er sagt: Wer gegen Nazis ist, hebt seine Hände. Natürlich ist es wichtig, die Menschen auch im Geiste anzusprechen und sie mit seinen Liedern zu ermutigen. Aber mein Selbstanspruch ist, dass ich nicht nur singe, sondern auch was tue.
"Der politische Liedermacher war jahrelang eine

lächerliche Figur" Heinz Ratz
BZ: Die hiesige Popmusik wird generell immer wieder als zu unpolitisch kritisiert. Empfinden Sie das auch so?
Ratz: Ja, wobei ich mir das auch ganz gut erklären kann. Wer ist politisch? Politisch ist in der Regel der Mensch, der selbst Unrecht oder Not erlebt hat. Das ist bei einem erfolgreichen Popkünstler, der sein Fünf-Sterne-Leben lebt, natürlich nicht der Fall. Zudem war es natürlich lange verpönt. Der politische Sänger und Liedermacher war über Jahre eine lächerliche Figur. Das kann man natürlich nicht von heute auf morgen ändern. Aber es wäre schön, wenn den Künstlern bewusst würde, dass sie in dem Moment, in dem sie ein Publikum haben, auch die Möglichkeit haben, für die Menschen mitzusprechen, die in der Gesellschaft keine Stimme haben. Und das ist eigentlich eine wunderschöne Sache.

BZ: Wurden auch Sie von der Erfahrung politisiert, in Not zu sein?
Ratz: Ja. Ich bin eigentlich ein lustiger Typ und würde gar nicht so viel Politik machen, wenn ich nicht so viel erlebt hätte. Meine Mutter ist eine Indigena aus Peru, und mein Vater hat sich immer überall mit seinen Vorgesetzten gestritten. Deswegen sind wir ständig umgezogen und ausgewandert. In Südamerika habe ich Bürgerkriege und die Armut in den Slums erlebt, in Saudi-Arabien ein eher diktatorisches System. Später war ich selbst arm, habe mich total verweigert und war ein Jahr obdachlos. Das prägt natürlich sehr. Wenn man dann sieht, wie in Deutschland in den letzten zehn bis 20 Jahren das soziale Netz immer weiter abgebaut wird, zugunsten eines neoliberalen Gewinner-Verlierer-Systems, dann versucht man eben gegenzusteuern.


Zur Person

Heinz Ratz,50, wurde in seiner Kindheit durch die Begegnung mit Armen in Peru und Argentinien geprägt. Er arbeitete als Straßenkünstler, in freien Theatergruppen und heute als Songschreiber.

"Eine Million gegen Rechts" in Freiburg



Was:
Konzert mit Heinz Ratz und seiner Band Strom & Wasser
Wann: Mittwoch, 16. Januar 2019, 20 Uhr
Wo: E-Werk, Eschholzstraße 77, 79106 Freiburg
Spenden: Spenden kann man dort oder über die Website des Büros für Offensivkultur, das Heinz Ratz mit Konstantin Wecker gegründet hat: www.offensivbuero.de

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