Liebeskiller Internet: Wenn Beziehungen am PC zerbrechen

Gina Kutkat

Inzwischen gibt es das Phänomen, dass ein Partner nur noch am PC hockt, um zu spielen, zu flirten oder sein Facebook-Profil zu pflegen - eine Konstellation, unter der eine Bindung langfristig leidet. Wir haben ein Paar portraitiert, bei dem es deswegen zur Trennung kam.



Klick, klick, klick. Anja (23)* aus dem Kreis Lörrach erinnert sich noch genau an das Geräusch der Computermaus, das sie stundenlang ertragen musste. Irgendwann hat sie einfach den Fernseher lauter gemacht, um das Klicken zu übertönen. Die Mausklicks kamen von ihrem damaligen Freund Tom (22)*, der die ganze Nacht, manchmal auch den ganzen Tag vor dem PC saß, um Computerspiele zu spielen. „Er hat stundenlang Command and Conquer gezockt. Es war wie in einer virtuellen Welt, ich bin nicht mehr an ihn herangekommen“, sagt Anja.


Vor vier Jahren lernen sich Anja und Tom kennen, die ersten Jahre läuft alles gut. Aufgrund einer Verletzung kann Tom, der immer begeisterter Basketballer war, eines Tages nicht mehr trainieren. Computerspiele werden seine neue Freizeitbeschäftigung. Als sie in eine gemeinsame Wohnung ziehen, bemerkt Anja, dass das Spielen am PC in Toms Leben überhand genommen hat. „Anfangs dachte ich noch, es sei bloß ein Hobby. Sogar einen neuen Laptop und einen Monitor habe ich ihm noch gekauft. Ich hätte niemals gedacht, dass es solche extremen Ausmaße nehmen wird“, sagt Anja.

Schnell noch E-Mails checken, mit dem Bruder in Australien skypen und das Foto der gestrigen Party auf Facebook hochladen. Das Abendessen mit der Freundin kann warten. Die neuen Medien nehmen im Leben junger Menschen immer mehr Zeit in Anspruch. Vor allem durch das iPhone hat sich das Onlineverhalten drastisch verändert. Der PC ist jetzt sozusagen immer dabei – der iPhone-Besitzer permanent abwesend.



Tom zieht sich immer mehr in eine virtuelle Welt zurück, hat dort seine Kumpels, mit denen er Strategien austauscht. „Im wahren Leben hat er sich immer seltener mit seinen Freunden getroffen.“ Computerspielen als Flucht aus der Wirklichkeit. Das Zusammenleben geht den Bach runter. Wenn Anja für ihn kocht, schlingt Tom die Mahlzeit hinunter, ohne ein Wort mit ihr zu reden. Nach ein paar Minuten sitzt er wieder vorm PC. Vor dem Bildschirm ist er sowieso kaum ansprechbar. Täglich 15 Stunden im Netz – ohne vernünftig zu essen, trinken und sich zu waschen.

„Etwa drei bis sechs Prozent der aktiv Computerspielenden sind von einer Sucht betroffen“, sagt Anke Quack, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht Mainz. „Unser Erfahrungswert sagt, dass 90 Prozent der Betroffenen junge Männer sind.“ 2008 wurde die Einrichtung an der Universität Mainz gegründet, um Betroffenen dabei zu helfen, ihre Sucht in den Griff zu kriegen. Daten darüber, inwieweit die Spielsucht Beziehungen zerstören kann, gibt es noch keine. „Die Forschung zu diesem Thema steckt noch in den Kinderschuhen, deswegen gibt es auch keine offiziellen Zahlen.“ Dennoch ist Quack überzeugt: „Partnerschaften können daran definitiv kaputt gehen.“

Auch das Beispiel von Anja und Tom zeigt: Exzessives Computerspielen kann eine Beziehung zerstören. Nach und nach fühlt sich Anja von ihrem Freund nicht mehr wahrgenommen, wird sogar auf den PC eifersüchtig. „Ein blödes Gefühl, auf so ein Teil eifersüchtig zu sein. Aber er hat einfach mehr Zeit mit dem PC als mit mir verbracht.“ Es kommt zu immer mehr Streitereien, weil Anja sich vernachlässigt fühlt. Sie beschwert sich bei Tom, der ihre Abneigung gegen das Computerspielen nicht nachvollziehen kann. Nach vier Jahren Beziehung trennen sich die beiden.

In Internetforen tauschen sich Hunderte von Frauen über die Online-Spielsucht ihres Partners aus. „Hilfe, mein Freund ist süchtig!“, heißt es zum Beispiel auf gofeminin.de. „Was kann ich tun?“ Die Angehörigen reden über ihre Versuche, den Partner vom PC wegzulocken. „Ich versuchte ihn so oft zu überreden, mal mit mir einen Film im Kino anzusehen oder Urlaub irgendwo zu machen jedoch war World Of Warcraft immer wichtiger.“ „Beziehung kaputt“, „Meine Ehe ist am Ende“ oder „Ich krieg’ ihn nicht mehr von dem Scheißteil weg“, lauten die Hilferufe.

Spazieren gehen, Freunde treffen, zusammen kochen: Anja hat alles versucht, um Tom von seinem Spiel weg zu holen. Nichts hat funktioniert. Als sie einmal im Fernsehen eine Reportage über Spielsüchtige sieht und sichtlich besorgt ist, spielt Tom sein Verhalten herunter: „Ich mache ja auch noch andere Dinge.“ Davon habe sie jedoch nichts mitbekommen, sagt Anja.

Liebeskiller Computerspiel? Was kann man tun, wenn der Partner computersüchtig ist oder zu viel Zeit vor dem PC verbringt? „Bei einer echten Sucht benötigt das Paar professionelle Hilfe“, sagt Paartherapeut Harald Gress, der zusammen mit seiner Frau Paare in seiner Freiburger Praxis berät. „Wenn so etwas von uns diagnostiziert wird, überlegen wir mit dem Paar, welche Wege es da gibt. Etwa eine Selbsthilfegruppe, Klinik oder Therapie.“ Das Problem: „Junge Paare kommen selten zu einer Paarberatung, die trennen sich dann eher.“ Wenn es um exzessives Spielen geht, aber keine Sucht vorliegt, rät Gress, das Problem früh anzusprechen. Außerdem hilft es, Zeiten aushandeln, in denen der Computer ganz ausbleibt und dann dem Partner vorzuschlagen, zu zweit etwas zu unternehmen.



Der Paartherapeut differenziert klar zwischen zwei Bereichen: „Man muss eine Sucht von einer Verletzung der Kontaktebene trennen.“ Im Internet surfen, E-Mails schreiben, mit Freunden chatten – all das kann eine Partnerschaft beeinträchtigen. Bedingt durch neue Medien wie Handy, Computer oder iPod leidet die Zuwendung zum Partner und die Fachleute sprechen von einer Verletzung der Kontaktebene. „Früher war es noch die Zeitung beim Frühstück, heute springt jeder auf, sobald das Handy klingelt. Der Computer wird schon mal kurz zum Frühstück hochgefahren und in der Zwischenzeit stöpseln wir uns die Ohren zu.“

Seit vier Wochen sind Anja und Tom jetzt getrennt, bei einem Telefonat vor ein paar Tagen hat Tom erzählt, dass er keine PC-Spiele mehr spielt. „Ein typisches Zeichen von Reue“, sagt der Experte. „In der Hoffnung, dass der andere zurückkommt, schraubt man das PC-Spielen zurück. Das hält aber meistens nicht lange an. Wenn der andere wieder da ist, nimmt es extremere Ausmaße an als vorher.“ Sein Tipp: Wenn wirklich eine Sucht vorliegt, muss man aufhören wollen, dem anderen zu helfen.

* Namen von der Redaktion geändert

[Fotos: Fotolia, dpa]

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