Rotteck-Gymnasium

Liebe oder Hass? fudder war bei "Nachgefragt" mit den Beltracchis

Bernhard Amelung & Anika Maldacker

Wolfgang und Helene Beltracchi täuschten den Kunstmarkt jahrelang. 2010 flogen sie auf und wurden wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verurteilt. Bei der Talkshow "Nachgefragt" waren sie zu Gast. fudder hat einen Beltracchi-Bewunderer und einen -Hater hingeschickt.

Ein faszinierender Kunstfälscher wie eine Romanfigur

von Bernhard Amelung

Meine liebste Romanfigur ist Thomas Manns Felix Krull, ein junger, gut aussehender Mann. Felix Krull ist höflich, klug und redegewandt. Er trifft stets den richtigen Ton und weiß sein Gegenüber von sich zu überzeugen. Er verkörpert die großstädtische Figur des Dandy geradezu idealtypisch.

Allerdings täuscht Felix Krull seine Umwelt über seine Herkunft und Identität. Er manipuliert die Wahrnehmung seiner Mitmenschen zu seinem Vorteil. So gelingt ihm die faszinierende Metamorphose vom einfachen Liftboy in einem Pariser Grand Hôtel zum Marquis in Lissabon.

Auch Wolfgang und Helene Beltracchi sehen gut aus, wie sie so auf dem Sofa in der Eingangshalle des Rotteck-Gymnasiums sitzen. Sie sind zu Gast bei "Nachgefragt" und stellen sich den Fragen von Linué Birnbaum und Jasper Karlisch.

Wolfgang Beltracchi, 67, trägt eine blaue Stoffhose und ein T-Shirt, das mit Totenköpfen bedruckt ist. Den Hut hat er tief in die Stirn gezogen. Helene Beltracchi, 60, tritt im Schwarz-Weiß-Look auf. Sie sind höflich und redegewandt. Wolfgang Beltracchi kommt zugute, dass er in Geilenkirchen bei Aachen aufwächst. Seine Stimme hat diesen jemütlichen Singsang, der so schnoddrig wie umgänglich wirkt.

Rund dreißig Jahre täuschte das Paar weltweit Auktionshäuser und Kunstexperten über die Echtheit Hunderter Bilder, die Wolfgang Beltracchi im Stil der Klassischen Moderne angefertigt hatte. Er gab sie als Werke ihrer bekanntesten Vertreter aus, Max Ernst, Heinrich Campendonk, Max Pechstein. Und so weiter.

2010 war damit Schluss. Er und seine Frau flogen auf. Sie wurden wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verurteilt. Die vermutete Schadenshöhe betrug zwischen 20 und 50 Millionen Euro. Anders formuliert: Diese Summe war der Betrugsgewinn des Paares.

Kann man so jemanden sympathisch finden? Durchaus! Wolfgang Beltracchi verinnerlichte Leben, Wirken und Werk der Künstler, deren Handschrift er fortführte. Er wollte so sein wie sie. Dieses luziferische Nachahmungsspiel trieb er zur Perfektion. Auch machte er sich den Mechanismus des Kunstmarktes zu eigen, der ständig nach originär Neuem verlangt.

Er lieferte den Stoff, nach dem die Marktteilnehmer gierten. Die Echtheit interessiert da nicht. Sie wird in vielen Fällen nur zugeschrieben. Es ist vielmehr eine gute Geschichte, die interessiert. Die Fiktion von Authentizität. Deshalb schweigt auch bis heute die Mehrheit der so Düpierten. Sie hat Angst vor dem Outing. Niemand will dem Maler und Geschichtenerzähler Beltracchi erlegen sein. So schöngeistig, wie das Böse hier auftritt, fasziniert es.

Apropos luziferisch. Es war nie Wolfgang Beltracchis primärer Antrieb, die Hype-Versessenheit des Kunstmarktes aufzuzeigen. "Einen Palazzo in Venedig hätte ich gerne noch besessen", sagt er an diesem Abend und lacht. In diesem Moment klingt sein Lachen kalt. Seine Augen leuchten nicht mehr. Er bricht mit der Figur des Felix Krull, erinnert vielmehr an Patricia Highsmiths Tom Ripley. Diesem ging es um Anerkennung durch Wohlstand. Auch er fasziniert, obgleich ihm der kosmopolitische Schöngeist fehlt. Die Abgründe des Menschlichen ziehen an.

Ein Krimineller, der bewundernd beklatscht wird

von Anika Maldacker

Das muss man sich vor Augen führen: Da schlurft ein ergrauter, leicht buckliger Kunstfälscher in die Aula des Freiburger Rotteck-Gymnasiums – und wird empfangen wie ein Rock-Star. Da witzelt ein Wolfgang Beltracchi, der wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, darüber, dass er in Museen immer wieder Fälschungen von ihm sehen würde, und die vielen versammelten Freiburger biedern sich lachend und klatschend bei ihm an. Das Freiburger Publikum scheint diesen mit seiner Tat kokettierenden Kriminellen zu lieben. Ob einer von diesen applaudierenden Bewunderern noch so breit grinsen würde, wenn er nur den Hauch einer Befürchtung hätte, einen der gefälschten Beltracchis im Wohnzimmer hängen zu haben?

Genauso wie die Freiburger Jogi Löw cool und stolz ignorieren, wenn er in der KaJo an ihnen vorbei läuft, einfach weil man "de Jogi halt Freyburger si lasse will", genauso fröhlich heißen sie Beltracchi willkommen, weil er halt mal ein paar Wochen im Jahr in einer Herdemer Luxusvilla auf dem Berg hauste, wenn ihm Südfrankreich zu langweilig wurde.

Die Freiburger lachen sogar vergnügt vor sich hin, wenn Beltracchi ihre geliebte Stadt abfällig "Kuschelzoo" nennt und sich gespielt nicht erinnern kann, wie der SC-Typ heißt (er meint Präsident Fritz Keller), der ihn zum SC-Spiel eingeladen hatte. Beltracchi erntet sogar Applaus, wenn er ungeniert die Polizei, die Gutachter und die Fälschungsexperten als lächerlich bezeichnet. Sorry, Wolfgang, aber nicht alle nutzten ihr halbes Leben dafür, Kunstwerke zu fälschen und zu erfinden.

Es ist doch so: Die Freiburger beklatschen diesen Kriminellen gern, weil seine Tat im weitesten Sinn salonfähig ist. Es ist ja auch auf eine krude und gleichzeitig märchenhafte Art faszinierend: ein Schulabbrecher mit außergewöhnlichem Talent schafft es, den weltweiten Kunstmarkt hinters Licht zu führen, sicherlich ungewollt dessen Absurdität aufzuzeigen – und Millionen damit zu machen. Zollt man dieser Art von Verbrechen Respekt und Anerkennung, kann man allerdings auch vor Steuerbetrügern, die dem Staat Milliarden entziehen, den Hut ziehen. Beltracchis Berühmtheit baut auf seinen Betrügereien auf. Vor seiner Verhaftung kannte man ihn nicht. Nun, seit er seine Strafe verbüßt hat, macht er zwar wieder eigene Kunst – aber dafür kassiert er nur, weil ihn als gewieften Kunstfälscher eine Art Rock-Star-Mythos umgibt. Ich plädiere dafür, die Worte eines Schwätzers wie Beltracchi etwas kritischer zu hinterfragen und einem solchen Selbstdarsteller nicht auf den Leim zu gehen.

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