Liebe in den Zeiten von Facebook

Amelie Herberg

Dank Facebook lässt sich mühelos der Kontakt zu Freunden aus dem Erasmus-Semester halten, eine Party organisieren oder Urlaubsfotos austauschen. Das weltweit größte soziale Netzwerk nimmt immer mehr Einfluss auf soziale Beziehungen, Freundschaften, Bekanntschaften und auf eine Sache, von der es wohl die wenigsten erwarten: die Liebe.



Von den ersten Schmetterlingen im Bauch über die Beziehung bis zur Trennung wird die Liebe durch Facebooknicht nur beeinflusst, sondern auch entscheidend verändert. Das zumindest behauptet der amerikanische Blogger Ben Parr in „Fünf Wege, wie Facebook das Dating verändert hat“. Er geht sogar noch weiter und sagt: „Facebook macht das Dating weitaus schwieriger, als es vorher war.“


Ob es um die Suche nach dem Typen von der Party am Vorabend geht, oder um das Ausspionieren des Ex-Freundes: Wohl jeder aktive Facebook-Nutzer macht das mehr oder weniger häufig, zugeben würde es keiner. Schon gar nicht mit seinem vollen Namen und öffentlich, die Retourkutsche auf der Facebook-Pinnwand käme sofort.

Jasmin* zum Beispiel studiert im 5. Semester in Freiburg und ist Single, viel zu lange schon, wie sie findet. Vielleicht sei sie ein bisschen zu schüchtern, vermutet sie, den ersten Schritt mache sie eigentlich nie.

Als sie sich vor ein paar Monaten auf einer WG-Party kurz mit Maximilian unterhält, gefällt ihr der auf Anhieb. „Aber ich habe mich nicht getraut, ihn nach seiner Handynummer zu fragen“, erzählt sie. Kein Problem, denn einer ihrer Freunde weiß Maximilians Nachnamen, und am Tag nach der Party sucht sie sein Facebook-Profil. Eine Freundschaftsanfrage auf Facebook zu stellen klingt auch weitaus unverbindlicher als die Frage nach der Handynummer. Die Kennenlernphase wird vereinfacht, gleichzeitig aber auch beschleunigt.

Was Jasmin sonst in weiteren Gesprächen erfahren hätte, konnte sie so komprimiert auf Maximilians Profil lesen. Er hört gerne Brit-Pop, vor allem Oasis, schaut  Filme aus Skandinavien, war vor ein paar Monaten in Südamerika.  „Ich habe jeden Beitrag auf seiner Pinnwand gelesen und dachte: Super, all’ das mag ich doch auch“, sagt Jasmin.

Mit der Suche nach Informationen über mögliche Datingpartner auf Facebook fangen die Probleme jedoch an, glaubt Blogger Ben Parr: „Wer das Facebook-Profil des anderen zu viel analysiert, macht sich verrückt und erhält auch ein verzerrtes Bild“. Denn der Maximilian auf Facebook muss dem Maximilian in der Realität nicht unbedingt entsprechen. „Je mehr ich über ihn gelesen habe, desto mehr habe ich mich verknallt. Das hat alles irgendwie so gut gepasst“, sagt Jasmin.

Als sie ihn nach ein paar Wochen wieder bei einer Party trifft, folgt jedoch die Enttäuschung. Britische Musik interessiere ihn eigentlich nicht wirklich, von den skandinavischen Filmen hatte er nur zwei gesehen und auch sonst stimmte die Chemie zwischen den beiden nicht. Jasmin sagt heute: „Ich hatte mich, glaube ich, eher in sein Profil verliebt, als in ihn.“ Facebook kann bei der Kontaktaufnahme auf die Sprünge helfen, ein Kennenlernen im echten Leben aber nicht ersetzen.
Nicht nur beim ersten Aufkeimen, sondern auch mitten in der Hochphase einer Beziehung ist die Liebe vor den Einflüssen von Facebook nicht sicher.

Die amerikanische Zeitschrift „Cyber-Psychology & Behavior Journal“ veröffentlichte vor einem Jahr eine Studie, nach der Facebook die Eifersucht in Beziehungen steigert. Bei knapp 20 Prozent der  Teilnehmer, rund 300 amerikanische Collegestudenten, stellten die Forscher fest: Je mehr Zeit sie auf Facebook verbrachten und dort nach Aktivitäten über ihren Partner suchten, desto eifersüchtiger wurden sie. Wenn zum Beispiel der Freund auf einmal viele neue virtuelle Freundinnen hinzugefügt oder die Einträge seiner Ex-Freundin kommentiert hatte, schürte das in einigen Fällen unbewusst Ängste. Facebook vergisst nichts, Fotos und Pinnwandeinträge auch aus der Zeit vor der Beziehung bleiben fein säuberlich aufgelistet. Der Eintrag der Ex-Freundin „War das gestern ein schöner Abend ;-)“ gehört in der Realität zur Vergangenheit, in der Facebook-Welt ist er immer da.

Wenn sie könnten, würden viele sogar noch weitergehen: In einer Umfrage des  Virenschutzherstellers Bitdefender gaben neun von zehn Menschen an, schon einmal im Internet nach Methoden gesucht zu haben, mit denen sie das Passwort ihres Partners für dessen Account bei einem sozialen Netzwerk knacken könnten. Rund 72 Prozent der 1500 Befragten sagten, sie würden die persönlichen Nachrichten von Ehemann oder -frau, Freundin oder Freund lesen wollen.

So weit muss es aber gar nicht kommen, damit es Ärger gibt. Denn schon, wer in seinem Profil als Status „In einer Beziehung“ aufgeführt hat, bekommt beim Liebesaus oft ein Problem. Denn der Trennung in der richtigen folgt die in der virtuellen. „Beziehungen und Trennung sind auf Facebook öffentlich für jeden“, sagt Ben Parr. Das hat auch Christina* aus Karlsruhe, gerade fertig mit ihrer Ausbildung als Bankkauffrau, erlebt. Sie hat nach fünf Jahren mit ihrem Freund Schluss gemacht, obwohl sie ihren Freundinnen noch vorher erzählt hatte, dass sie sogar übers Heiraten nachgedacht hätten.

Entsprechend voll war auch ihre Pinnwand, als sie ihren Beziehungsstatus auf „Single“ setzte. Einige glaubten an ein Versehen und antworteten  mit Kommentaren wie „Echt jetzt?“.

Christina war genervt: „Das konnte ich natürlich gerade noch gebrauchen, dass ich dann auf die ganzen Nachrichten und Kommentare antworten musste.“ Danach nahm sie ihren Beziehungsstatus ganz aus ihrem Profil, auf Facebook sieht niemand mehr, ob sie Single, verheiratet oder in einer Beziehung ist.

Eigentlich hatte sie mit ihrem Ex-Freund ausgemacht, dass sich beide für die erste Zeit aus dem Weg gehen würden. „Durch Facebook wusste ich aber immer noch jeden Tag, was er machte.“

Der endgültige Schlussstrich kam also erst, als Christina  auch virtuell auf „Freundschaft beenden“ klickte.



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[* Name  von der Redaktion geändert; Bild: dpa]