Lichtwolf: Gestörte Entschleuniger

David Weigend

Der Lichtwolf ist Deutschlands einzige Zeitschrift, die noch komplett im Schreibmaschinenlayout erscheint. Die Lichtwolfredakteure, Freiburger Philosophiestudenten, bezeichnen sich als "RAF des guten Geschmacks" und "schwer persönlichkeitsgestört". Für Fudder entledigen sie sich ihrer Maskerade und sprechen über alles und nichts.



Diese Geschichte beginnt mit der Explosion einer Kaffeemaschine. Es knallt, dann spritzt braune Brühe herum und Herausgeber Timotheus Schneidegger holt leise fluchend einen Lappen. Willkommen bei Lichtwolf, der einzigen deutschen Zeitschrift mit Schreibmaschinenlayout. Gemacht mit der Liebe von Freiburger Philosophiestudenten, die sich selbst nicht sehr ernst nehmen und mit dieser Selbstwahrnehmung ein erstaunlich ernsthaftes Produkt abliefern.


Auf Fotos gerieren sie sich in einer Mischung aus PLO-Style und Daft Punk-Anonymität. Für fudder streifen sie ausnahmsweise die Masken ab. Da sitzen sie, als geduldete Gäste im Fachschaftsraum der Philosophiestudenten an der Belfortstraße: Lichtwolfgründer Schneidegger (26), der sagt, er interessiere sich für Beethovens Dritte Symphonie, Triebunterdrückung und Zigaretten; PR-Beraterin und Lyriklektorin Monika Koncz (21), die nebenbei den (Poetry-) "Slam Deluxe" in der Mensabar organisiert; Illustratorin Felisande (25), deren Aussage "Alle in der Redaktion sind ja schwer persönlichkeitsgestört" leichtes Räuspern verursacht; schließlich August Maria Neander (ohne Altersangabe), der wie ein Deathmetalliebhaber aussieht und spricht wie Heideggers Enkel.

Soweit die Anwesenden. Natürlich gibt es noch mehr Lichtwolfautoren. “Inzwischen besteht unsere Redaktion aus einer ganzen Armee. Wir haben in allen Großstädten Deutschlands Mitarbeiter, die nach Bedarf aktiviert werden. Pennende Redakteure, Pennerredakteure”, spricht Schneidegger aus seinem Chefsessel, einem ordinären Philoseminaristenhocker. Schneidegger fährt sich durch die Zidanefrisur und berichtet von der ersten Lichtwolfausgabe.

"Im Sommer 2002 habe ich mit meinem Kollegen Rawulf von Sar auf Etz diese Schreibmaschine gefunden. Eine Olympia, 40 oder 50 Jahre alt. Darauf haben wir Texte geschrieben und die Texte zusammengeheftet. Einen Grund, warum das Vieh entstanden ist, gibt es nicht.”

Die Schreibmaschinendoktrin ist bis heute unangetastet geblieben. Sie geht soweit, dass die Lichtwolfmenschen Artikel, die sie per mail erhalten, auf Schreibmaschine abtippen. Als Nebeneffekt entsteht so die angestrebte Entschleunigung. Neander: “Früher hat der Journalist einen Text geschrieben. Diesen Text hat der Lektor korrigiert und dann zum Setzer gebracht. Heute liegt der ganze Arbeitsprozess in den Händen einer einzigen Person, die zum Schluß nur noch auf den “Senden”-Knopf drückt. Eine Beschleunigung, durch die viel verloren geht.” Das kürzere Argument für die Schreibmaschine äußert Schneidegger: “Es ist ziemlich schwierig, im Lichtwolf Scheiße zu schreiben. Weil man für Scheiße diese ganze Arbeit nicht auf sich nimmt.”

Den Vorwurf, der Lichtwolf sei elitär, verstehen die Schrägdenker als Kompliment. Sie produzieren vierteljährlich ein Heft, das sich bestimmten Überbegriffen widmet, etwa “Misanthropie”, “Alles oder nichts” und in der kommenden Ausgabe “Manien”. Stets werbefrei und mit jenem feinsatirischen Witz, den die Titanic mehr und mehr der provokanten Geschmacklosigkeit opfert. Ernsthaftes im Modus der Gebrochenheit, in kleiner Auflage.

Felisande geht von zwei Lesern aus. Der Chefredakteur sagt, man müsse da noch die Redaktion addieren. Dann mischt sich PR-Lyrikerin Monika ein und nennt die Zahl 160. Es gab auch schon Lesungen, in der Wodkawirtschaft KGB zum Beispiel, "mit schönen Texten und kurzen Röcken", wie sich Schneidegger erinnert. Immerhin dürfte das Auditorium die Lokalität in der Gewissheit verlassen haben, dass es sich beim Lichtwolf nicht um ein "rechtsradikales Esoterikblatt"; handele, wie ein Radiomoderator die Zeitschrift beim ersten Augenschein titulierte.

Zwar bezeichnen sich die Tiefgehtipper scherzhaft als “Sprachnazis”; dieser Ausdruck zeugt jedoch in erster Linie von sorgfältigem Sprachumgang und einer Aversion gegen Anglizismen. Das Internet findet man im Lichtwolf, wenn überhaupt, in Anführungszeichen.

Beim Blättern stößt man auch auf Schrulligkeiten wie August Maria Neanders Platonübersetzung vom Altgriechischen ins Nordbadische. Wenn man ihn danach fragt, sagt er, ohne einen Hauch von Ironie in der Stimme: "Ich komme aus Nordbaden. Wir sind ja innerhalb Badens traditionell eine unterdrückte Volksgruppe. Insofern war diese Übersetzung auch ein Beitrag zur nordbadischen Emanzipationsbewegung."

Das muss man erstmal auf sich wirken lassen. Eine symphatische Spinnerei, die Wahrheitskult und Sektiererwahn des Philosophenklüngels elegant gegen die Wand fährt. Vielleicht ist der Lichtwolf in erster Linie das. Oder, um es mit Neanders Worten zu sagen: "Wer den Lichtwolf liest, muss sich darauf einstellen, dass alles passiert. Oder nichts."