Liam, 22, Transmann

Susanne Kalka

Biologisch gesehen ist Liam eine Frau. Der 22-jährige Freiburger empfindet sich allerdings anders: als schwulen Mann. Warum Liam sich aber nicht als klassischen Transsexuellen sieht und wie er mit seiner Transidentität umgeht:

Schon als Kind merkt Liam, den seine Eltern Caro genannt hatten, dass er anders ist. Während die anderen Mädchen mit Puppen und Barbies spielen, klettert Liam lieber mit den Jungs auf Bäume. Das ist natürlich ein Klischee und noch lange kein Anzeichen dafür, kein Mädchen zu sein. Doch das Gefühl, nicht dazu zu gehören, begleitet Liam schon sein ganzes Leben lang. „Ich habe mich noch nie als Frau definiert. Aber bis ich 19 war, habe ich mir über mein Geschlecht auch keine Gedanken gemacht. Ich habe mein Anderssein immer auf andere Dinge geschoben“, sagt er.


Wie Puzzleteile

Mit 19 setzt sich Liam zum ersten Mal mit seinem Geschlecht auseinander. Er fühlt sich zur Schwulenbewegung hingezogen. Erst über seine sexuelle Orientierung kommt Liam dann darauf, transident zu sein - also darauf, dass seine geschlechtliche Identität vom biologischen Geburtsgeschlecht abweicht. „Seitdem fügen sich bestimmte Dinge in meinem Leben ineinander wie Puzzleteile: Dass ich nie das typische Mädchen war, dass ich als Kind immer zu den Jungen gehören wollte, nicht nur von ihnen akzeptiert werden wollte. Dass ich mich schwul fühlte und ich mein Leben lang ein gewisses Fremdheitsgefühl gegenüber Frauen beziehungsweise Mädchen empfunden habe.“

Liam bezeichnet sich allerdings nicht als typischen Transsexuellen, weil es ihm weniger um das biologische Geschlecht geht, sondern eher um die soziale Anerkennung seines Geschlechts. „Transsexuelle sind klassischerweise Leute, die sich in ihrem Körper extrem unwohl fühlen. Das war bei mir in dem Ausmaß nicht der Fall. Ich habe mich eher in der Situation unwohl gefühlt, nicht zu wissen, was bei mir anders ist", sagt er.

Das Outing

Nach und nach erzählt Liam seinen Freunden von seiner Transidentität. Diese reagieren durchweg positiv. Auch wenn es Liam neuen Bekanntschaften erzählt, reagieren diese meistens mit Interesse und Neugier.

Bei seinen Eltern sieht das anders aus. Sie betrachten Liam nach wie vor als ihr Kind, aber dass aus ihrer Tochter auf einmal ein Sohn werden soll, verunsichert sie. Sie machen sich große Sorgen um seine Zukunft und wissen nicht, wie sie mit seiner Transidentität umgehen sollen. „Sie werden sich daran gewöhnen und dann auch voll hinter mir stehen", sagt Liam. „Zumindest hoffe ich, dass es so laufen wird, wenn ein wenig Zeit vergangen ist."

Offiziell ist Liam immer noch eine Frau, und die meisten seiner Kommilitonen wissen noch nicht Bescheid. Das soll sich bald ändern. Auch wenn ihm das biologische Geschlecht nicht so wichtig ist, möchte Liam so schnell wie möglich anfangen, männliche Hormone zu nehmen. „Ich möchte von allen als Mann anerkannt werden. Das geht eben nur, wenn ich auch wirklich wie einer aussehe“, so Liam. Deswegen macht Liam jetzt eine Therapie, die ihm dabei helfen soll, sich noch klarer darüber zu werden, was er wirklich will. „Wenn alles gut läuft, kann ich Ende des Jahres mit der Hormonbehandlung beginnen.“ Eine Mastektomie (Brustabnahme) will Liam dann auch machen. „Einen Peniodaufbau werde ich aber wahrscheinlich nicht machen lassen. Die Risiken der OP sind mir zu hoch, und das Ergebnis ist für mich einfach nicht gut genug.“

Transsexuelle haben es immer noch schwer

Für Transsexuelle sei es sehr schwierig, geeignete Ansprechpartner zu finden. „In einer kleinen Stadt wie Freiburg sieht es sehr schlecht aus. Dafür muss man schon in Berlin oder München wohnen“, sagt Liam. „Allgemeine Anlaufstellen wie ProFamilia oder die Rosa Hilfe kennen sich meistens kaum mit dem Thema aus.“ Liam hat die meisten Kontakte über Internetforen wie FTM-Portal.net geknüpft. Außerdem finden in regelmäßigen Abständen Transtagungen in größeren Städten statt. Dort finden Transmenschen aus ganz Deutschland zusammen, um an Vorträgen und Workshops teilzunehmen und sich untereinander auszutauschen.

Liam findet, dass die Gesellschaft Transsexuelle immer noch nicht richtig akzeptiert. „Vor allem wenn man sich gerade noch in der Transition befindet, ist es schwierig. Da kann es dann zu sehr unangenehmen Situationen kommen“, sagt Liam. „Einem wurde beispielsweise mal an der Supermarktkasse nicht geglaubt, dass er mit seiner Bankkarte bezahlt. Auf der Karte stand ein weiblicher Vorname, äußerlich war er aber schon ein Mann.“ Das liegt daran, dass mit der Hormonbehandlung nach der Therapie recht früh angefangen werden kann, die Namensänderung allerdings einen längeren Zeitaufwand in Anspruch nimmt. „Als Transmann hat man es aber allgemein einfacher, weil Testosteron sehr viel dominanter ist als Östrogen. Nach ein paar Jahren kann man einen Transmann nicht mehr von einem biologischen Mann unterscheiden. Die Akzeptanz von Transfrauen kann ich nur schwer beurteilen, aber ich denke, da ist es wesentlich schwieriger.“

Bereut hat es Liam noch nie, diesen Schritt gegangen zu sein. „Im Gegenteil, es war eher eine Erleichterung, endlich zu wissen, was da immer anders war“, sagt Liam. Auch wenn es nicht immer einfach ist, wie zum Beispiel beim Outing vor den eigenen Eltern, weiß er, dass es sich gelohnt hat. „Ich fühle mich heute sehr viel wohler, wenn ich als Mann unterwegs bin - und auch als Mann behandelt werde.“

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