Leuchtende Nebel und kleine Sterne: Jugendliche gehen den Geheimnissen des Universums nach

Niklas Rudolph

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Obwohl so simpel gestellt, wird es auf diese Fragen wohl nie eine Antwort geben. Die Suche nach einer Erklärung hat Menschen schon weit über die Grenzen der bekannten Welt gehen lassen, man denke da nur an die großen Philosophen oder Entdecker. Auch die Astronomie stellt die Welt, in der wir leben, und die Sterne, die wir sehen, in Frage. Verschiedene Institutionen wollen auch in Freiburg bei Schülern und Jugendlichen diese Neugier wecken.



"Aliens, der Urknall oder schwarze Löcher – das interessiert Schüler. Aber Quasare?" Der Astrophysiker Martin Federspiel steht wieder einmal vor einem Rätsel. Er schaut etwas hilflos auf die Gruppe von Achtklässlern, die sich vor dem Eingang drängt. "Willkommen im Weltall" schwebt da über ihren Köpfen. Federspiel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Freiburger Planetarium. Heute soll er den Jugendlichen altersgerecht die Entdeckung von Quasaren beibringen. "Nicht unbedingt das Programm, das ich Kindern normalerweise zeige", räumt er ein, den Kopf über ein Schaltpult gebeugt. Auf Knopfdruck senkt sich die Nacht über den Saal, vom Zeiss-Projektor mit Sternen benetzt. Der Bass aus dem Synthesizer verfehlt seine Wirkung nicht, das Gemurmel erstirbt. Eine Schülerin wirft den Kopf in den Nacken und schaut zum künstlichen Sternenhimmel auf.


Laut hauseigener Statistik haben im letzten Jahr 16 000 Kinder und Jugendliche das Planetarium besucht. Das sind fast so viele jugendliche wie erwachsene Besucher. Doch durch Schulzeitverkürzung und überfüllte Stundenpläne sei dieser Trend rückläufig, so Planetariumsmitarbeiter Federspiel. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat das Planetarium für die Sommerferien ein Festival geplant, mit besonderem Fokus auf junge Besucher. Um Forschernachwuchs zu gewinnen, ist das Planetarium aber auch auf Schulen und andere Träger angewiesen. Am Friedrich-Gymnasium zum Beispiel ist Astronomie fester Bestandteil des Unterrichts von Stephan Studer. Seine Schüler haben mit Hilfe des "Faulke Telescope Project" Bilder von NGC 1808 gemacht – einer Galaxie, die 40 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt ist.

Roland Dardagan (Bild) sitzt in der Linie 5 Richtung Rieselfeld, der Regen trommelt leise an die Scheiben. Wie ein Astronom sieht der 18-jährige Schüler aus Lahr nicht aus. Die Baseballkappe hängt ihm ins Gesicht, seine Schnürsenkel strahlen neongelb, die Kopfhörer schmiegen sich um den Hals. Bei ihm habe das Interesse an den Sternen in der Schule angefangen, erzählt er: "Wir haben in Physik das Verhältnis von Raum und Zeit behandelt. Ich hatte es nicht verstanden, so wurde die Astronomie für mich zum Rätsel."

Haltestelle Maria-von-Rudloff-Platz. Jeden Mittwoch fährt Roland von Lahr aus hierher, um der Lösung des Rätsels näherzukommen: zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. Im weiß-grauen Physiklabor des Kepler-Gymnasiums nimmt er an der Arbeitsgemeinschaft von Karen Handrich teil. Die promovierte Physikerin ermöglicht sieben Schülern im Auftrag des Freiburg-Seminars, das Hochbegabte fördert, einen Einstieg in die Astrophysik. "Dabei bin ich selbst gar nicht auf dem Gebiet heimisch", sagt sie. "Zu Anfang musste ich mir montagabends die Themen anlesen und am Dienstagabend den Vortrag pädagogisch zusammenbasteln."

Ein Klick – und auf der Wand hinter ihr erscheint langsam ein hell strahlender Punkt. Um ihn bilden sich leuchtende Nebel, kleine Sterne erscheinen auf tiefem Schwarz: Eine Galaxie entsteht. Dann eine, aus der zwei leuchtende Strahlen in den Weltraum schießen. "Man unterscheidet Spiral- von elliptischen Galaxien", erklärt Handrich ihren Schülern beim nächsten Bild. "Bei der Bestimmung kommt es allein auf das Aussehen an." Sie spricht dabei von "Bio-Unterricht mit Galaxien: Elefanten in den einen Topf, Giraffen in den andern." Manchmal kommt Karen Handrich an einen Punkt, an dem das Alltagsvokabular versagt. Dann bedient sie sich Gesten: "Was wir sehen können, sind die nahen Galaxien. Und dann gibt es noch..." Mit ihren Armen beschreibt sie eine unvorstellbar große Entfernung, "...noch weiter entfernte".

Nach 90 Minuten sitzt Roland wieder in der Tram: "Wenn mich meine Freunde fragen, was ich in Freiburg mache, dann spreche ich nie von Astrophysik." Das werfe immer viel zu viele Fragen auf. Mit der Teilnahme am Freiburg-Seminar hat er aber deutlich bessere Chancen, an einer Hochschule studieren zu können. Vielleicht wird er ja dort eines seiner Rätsel lösen können.

Im Planetariumssaal geht das Licht an. Schüler strecken sich, Jacken rascheln. Erwartungsvoll stellt sich Astrophyisker Martin Federspiel den Fragen der Schüler. Doch trotz Ermunterungen der begleitenden Lehrer bleiben die Finger unten. Federspiel bleibt nichts übrig, als sie enttäuscht in den Mittwochmorgen zu entlassen. "Aber es geht auch gar nicht um Quasare oder Schwarze Löcher", sagt Federspiel. "Es geht darum, dass junge Leute entdecken, was Neugier ist."

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Für Kinder und Jugendliche gibt es im Planetarium, Bismarckallee 7g, bis 18. September ein Sommerfest mit sieben Veranstaltungen pro Woche, Infos unter 0761/ 38 90 630 oder http://www.planetarium-freiburg.de; Tickets kosten 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Das Angebot des Freiburg-Seminars auf http://www.freiburg-seminar.de.