Letzte Hürde Hausarbeit

Philipp Aubreville

Nachdem fudder-Autor und Erstsemester Philip den Prüfungsstress hinter sich gelassen hat, steht die Hausarbeit als letzte Hürde vor den Ferien. Doch zwischen natürlich themenbezogenen E-Mail-Korrespondenzen und Endkorrekturen bleibt auch noch der bange Blick auf die Klausurergenisse.



Mit dem Herzschlag einer Doublebass sitze ich vor meinem Rechner und starre auf den Bildschirm: Die Ergebnisse meiner "Angst-Klausur" sind online und in Kürze wird sich zeigen, ob ich eine realistische Selbsteinschätzung besitze oder das Urteilsvermögen eines Peter Gagelmann. Letzteres wäre mir momentan lieber.


Nach einem ersten Schock – das runtergeladene pdf-Dokument ist „Strg+F“-resistent und zeigt meine eingegebene Matrikelnummer nicht an – suche ich mit zittrigen Händen nach meiner Note. Dyskalkulie macht sich breit und die temporäre Undurchschaubarkeit der glasklaren Anordnung der Nummern paart sich mit ladehemmungsbedingten Rechnerruckeleien – gefühlte Jahre vergehen, ehe ich endlich Gewissheit habe: Bestanden! Während andere Menschen sich in solchen Situationen schwören, beim nächsten Sex aufzupassen oder nur noch am Wochenende abends Alkohol zu trinken, tanze ich ein wenig ElPi-Pogo – ohne Leute, ohne Musik und ohne ElPi.

Einen Tag später weiß ich schon gar nicht mehr, was mich so panisch gemacht hat; stattdessen bin ich mental schon wieder ganz woanders. „Hausarbeit“ heißt das nächste Kapitel der Geschichte von der ich gelegentlich glaube, dass Michael Ende sie geschrieben hat.

Mein E-Mailpostfach hat etwas vom dpa-Ticker: Auf der Suche nach außerdisziplinärer Literatur habe ich die halbe Theologische Fakultät mit Nachrichten bombardiert und dem höhersemestrigen, geisteswissenschaftlichen Freundeskreis wird, genau wie meiner Tutorin und einer ihrer Kolleginnen, ein Fragenkatalog nach dem anderen zugesandt. Die Antwortmails summieren sich entsprechend.

Neben dem obligatorischen Mail-Check und Messengerkommunikation bietet auch der UB-Katalog ein weites Ablenkungsfeld: In der Gewissheit, etwas für die Hausarbeit zu tun, kann man sich mit überflüssiger Literaturrecherche recht nett ums Schreiben drücken.

Trotz der im Vergleich um Großteil meiner Kommilitonen recht knappen Zeit von zwei Wochen gelingt mir ein gewisses Zeitmanagement – und das letzte Wochenende vor der Abgabe kann zum Einarbeiten der zahlreich eingetroffenen Korrekturen genutzt werden.

Nichtsdestotrotz fallen mir am Montag morgen noch Fehler ein und auf – durch die mannigfache Lektüre von Tutoratsunterlagen zum Perfektionisten erzogen, legitimiert für mich nun schon ein fehlendes Leerzeichen den Neuausdruck.

Als ich wenig später meine erste „wissenschaftliche“ Arbeit abliefere, passiert merkwürdigerweise gar nichts. Weder fällt mir das Atlasgebirge von den Schultern, noch packt mich die Energie, mit der ich als Grundschüler zu Ferienbeginn meinen Ranzen in die Ecke geschleudert habe.

Erst zu Hause bestimmt mein nun (Uni-)verpflichtungsloses Sein wieder das Bewußtsein: Da liegt ein Buch, das „nichts mit dem Thema zu tun hat“ neben dem Bett. Ich werde sie lesen, diese Trivialliteratur ohne Fußnoten. Außerdem Fernsehen gucken. Chips essen. Schlafen. Ferien!