Letzte Akte Funpark: Ex-Chef und Türsteher verurteilt

Nina Braun

Nachtrag zum Funpark: Mit der Verhandlung gegen den ehemaligen Chef selbst hat eine lange Reihe von Prozessen ihr unrühmliches Ende genommen. Der ehemalige Chef und ein ehemaliger Türsteher wurden vom Amtsgericht am vergangenen Donnerstag wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung verurteilt. Tatort war einmal mehr der berühmt-berüchtigte "Nebenraum".



Die Angeklagten

Auf dem Anklagestuhl sitzen der 43-jährige Stefan K. (*), ehemaliger Geschäftsführer des Funpark bis September 2007, und sein damaliger Türsteher, der 22-jährige Thomas G (*). Stefan K. betreibt heute unter anderem ein Reisebüro und ein Solarium. Er lebt in geordneten Verhältnissen, hat Familie und ist nicht vorbestraft. Die Liste der Vorstrafen von Thomas G. umfasst 13 Einträge, die von Fahren ohne Führerschein bis hin zu schwerer Körperverletzung reichen. Er sitzt bereits im Gefängnis. Beiden Angeklagten wird Freiheitsberaubung und gefährliche, da gemeinschaftliche, Körperverletzung zur Last gelegt.

Der Tathergang

Die Anklageschrift stellt den Tathergang nach früheren Schilderungen des Geschädigten grob wie folgt dar: In der Silvesternacht von 2006 auf 2007 ist der 27-jährige Kurde Dennis D. mit einer Arbeitskollegin zu Gast im Funpark.

Er möchte an der Garderobe Zigaretten kaufen, die Schlange ist lang. Dennis D. stellt sich hinten an. Nachdem er bereits fünfzehn, zwanzig Minuten gewartet hat, wird er von hinten angerempelt. Stefan K. drängt sich an ihm vorbei. Als Dennis D. protestiert, bezeichnet er ihn als „Wichser“ und „kleines Arschloch“, er sei hier der Chef und könne ihn rauswerfen lassen.

Dennis D. erwidert die Beleidigungen und wird daraufhin von zwei Türstehern ergriffen, die ihn in den abgetrennten Notausgang-Bereich führen – aus früheren Prozessen als "Nebenraum" bekannt. Dort stoßen nun auch die beiden Angeklagten hinzu. Während Thomas G. Dennis D. festhält, schlägt ihm Stefan K. mit der Faust in die Rippen, tritt ihm gegen den Oberschenkel und verdreht schließlich seine Brustwarze.

Dann bezahlt Dennis D. seine Verzehrkarte und wird ins Freie geschickt, wo schon seine Bekannte wartet. Beide fahren unverzüglich zur Polizei und ins Krankenhaus.

Zeugenaussagen

Bei Stefan K., dem nun das Wort erteilt wird, hört sich die Geschichte anders an. Seiner Aussage zufolge hat Dennis D. ihn zuerst angegriffen und gegen einen Automaten im Gang gestoßen.

Vielleicht habe er ihm dann angedroht, rauszufliegen, aber Worte wie „Wichser“ oder „Arschloch“ hätte er nicht benutzt. „So etwas nehme ich gar nicht in den Mund.“ Stattdessen habe Dennis D. mit den Beleidigungen angefangen, überhaupt sei er aufsässig und sichtlich angetrunken gewesen, habe unentwegt Widerworte gegeben und ihn überdies als „Rassisten“ bezeichnet. Darum sei er schließlich zum Notausgang geführt worden. „Es war ganz normal, auffällige Gäste dorthin zu bringen, um die Personalien aufzunehmen und bezahlen zu lassen. Wir haben sie aber nicht länger festgehalten als notwendig, und auch sonst ist nichts passiert.“ Nach dem Bezahlen habe man Dennis D. nach draußen gelassen.

Thomas G. bestätigt die Schilderungen seines ehemaligen Chefs: Dennis D. sei schon zuvor aufgefallen und unnötig aggressiv gewesen. Stefan K. habe ihn lediglich leicht zurückgestoßen – „aber wenn man alkoholisiert ist, legt man so etwas immer schnell als Schlag aus.“ Er weist auch darauf hin, dass Stefan K. die Türsteher grundsätzlich immer angehalten hätte, nicht zu hart durchzugreifen und nicht unflätig zu werden. Eine Schilderung, die sich zumindest auf den ersten Blick durchaus mit dem Verhalten von Stefan K. vor Gericht deckt. Er spricht vorsichtig und zeigt sich kooperativ. Unangenehm fällt eher sein Verteidiger auf, der zuweilen eine so giftige Ironie und übertriebene Süffisanz an den Tag legt, dass er problemlos bei einer Sat1-Gerichts-Show anheuern könnte. Der Richter, betont souverän, weist ihn immer wieder in seine Schranken.

Schließlich sitzt Dennis D. selbst im Zeugenstand. Er ist schmal und wirkt anfangs ein wenig eingeschüchtert. Die Attacken des Verteidigers von Stefan K., der ihm erst Trunkenheit, dann schlechte Laune und schließlich übertriebene Wehrhaftigkeit unterstellen will, prallen schlicht an Verständnislosigkeit ab. In der Aussage kommt es aber zu kleinen Widersprüchlichkeiten. So behauptet Dennis D. erst, überhaupt nichts getrunken zu haben, und gesteht später doch ein kleines Bier.

Das Bier bestätigt auch seine Bekannte, die im Anschluss aussagt. Sie scheint etwas von der Aufregung es damaligen Abends konserviert zu haben und spricht eindringlich auf den Richter ein: Wie sie Panik ergriffen habe, als man den Kollegen zum Nebenraum führte, zu „dem“ Nebenraum, von dem sie schon so viel gehört hätte, und als dann erst Thomas G. dazu gekommen wäre, „der“ Thomas G., von dem sie auch schon so viel gehört hätte. Ihre Schilderungen bestätigen die des Geschädigten. Zu dem, was sich im Kämmerlein aber genau abgespielt hat, kann auch sie nichts sagen.

Ebenso wenig können die Entlastungszeugen zur Aufklärung beitragen. Zwar beteuern ein weiterer Türsteher und der damalige Sicherheitschef, dass da sicher nichts gewesen und Stefan K. ohnehin nie durch Aggressivität aufgefallen sei, im Gegenteil. Mit im Raum waren aber auch sie nicht. So steht denn Aussage gegen Aussage, und schnell wird klar, dass der Fall durch Glaubwürdigkeit entschieden wird. Kleinigkeiten werden hin und her gewendet, Verteidiger wie Staatsanwälte versuchen der Gegenseite Widersprüche zu entlocken. Die Verhandlung zieht sich. Thomas G., ganz offensichtlich prozesserfahren, macht des öfteren von seinem Recht Gebrauch, selbst Fragen zu stellen.

Mit verschränkten Armen sitzt er da und scheint die Situation mitunter fast zu genießen. Als die Zeugin seinen Ruf beschreibt, beugt er sich mit spöttischem Grinsen nach vorne und fragt: „War das zufällig das Geschwätz einer gewissen einsamen, verlassenen Ex-Freundin?“

Die Videobänder

Schnell kommt auch die Frage nach den Videobändern auf, die die Angeklagten ja problemlos entlasten könnten. 16 Kameras gibt es im Funpark, eine davon in besagtem Nebenraum. Wie schon bei früheren Anklagen waren die Bänder aber auch diesmal nicht mehr auffindbar, obwohl die Polizei sich nach Aussage eines vorgeladenen Beamten extra beeilt hatte.

Sie würden überspielt nach gewisser Zeit, erklärt Stefan K. Der Polizeibeamte, der seit mehreren Jahren für den Funpark zuständig ist, spricht von regelmäßigen Problemen: „Das mit den Videoaufzeichnungen ist ein Thema für sich. Manchmal gibt es Bänder, manchmal nicht. Mal heißt es, sie seien überspielt worden, mal, man habe vergessen sie einzulegen. Und selbst wenn wir die Bänder bekommen, sind sie meist kaum zu entschlüsseln, weil die Anlage in der Diskothek sehr speziell ist.“

Widersprüche

Vor allem zwei Widersprüche tauchen während der Verhandlung auf und können nicht geklärt werden: Zum einen ist da die erste Aussage von Dennis D., die er noch an besagtem Abend bei der Polizei gemacht hat. Diese schildert einen völlig anderen Tathergang: Der Streit sei bereits am Eingang entbrannt, weil Dennis D. nicht hineingelassen werden sollte. Die zuständige Beamtin bestreitet einen Fehler in der Aufzeichnung.

Zum zweiten erinnern sich die Entlastungszeugen, dass Dennis D. draußen seine Kollegin laut aufgefordert haben soll, ihn zu schlagen, um die Verletzungen dann den Türstehern in die Schuhe zu schieben. Geschädigter wie Bekannte bestreiten dies.

Die Anträge

Zum Abschluss wird das ärztliche Attest verlesen, das mehrere Prellungen beschreibt. In den Plädoyers stellt der Verteidiger die Frage, ob Dennis D. nicht den allgemeinen Rummel um die Funpark-Türsteher habe ausnutzen wollen, um sich ein Schmerzensgeld zu ergaunern. Er fordert „im Zweifel für den Angeklagten“ und Freispruch. Die Staatsanwaltschaft stellt einen Antrag auf acht Monate zur Bewährung für Stefan K. und sechs Monate ohne Bewährung für Thomas G.

Das Urteil

"Nicht den geringsten Zweifel“ habe er, erklärt der Richter bei der Urteilsverkündung, an der Schuld der beiden Angeklagten. Ausschlaggebend war die Glaubwürdigkeit der Arbeitskollegin. Stefan K. wird zu sieben Monaten auf Bewährung und zur Zahlung von 1500 Euro an Dennis D. verurteilt. Thomas G. bekommt fünf Monate ohne Bewährung, die nun zu seinen bisherigen Strafen hinzugerechnet werden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Sollten die Angeklagten keine Berufung einlegen, könnte das das vielleicht letzte Kapitel in Sachen Funpark gewesen sein.

[* Namen von der Redaktion geändert]

Mehr dazu:

fudder.de: Freispruch für drei Funpark-Türsteher