Lesung mit Paul Bokowski: "Schade, ist ein guter Text, aber der kann nicht ins Buch."

Savera Kang

Am Samstagabend liest Paul Bokowski in der Freiburger Spechtpassage. Seine Kurzgeschichten drehen sich um einen absurden Alltag - unseren. Und sie sind zum totlachen. Beim Frühstück verriet uns der 33-Jährige, wer seine Bücher überhaupt lesen soll.



Ein heißer Augustvormittag im Berliner Wedding, 35 Grad um elf Uhr. Paul Bokowski hat das "Schraders" vorgeschlagen, ein buntes Eck-Café mit einer ordentlichen Frühstücksauswahl. Fast pünktlich kommt er rein und holt mich raus - "Ich verteidige dich auch gegen die Wespen", verspricht der Autor. "Wie heterosexuell", denke ich.


Gefrühstückt hat er schon, der Tag begann damit, dass er seinem Patensohn telefonisch die Halbwertszeit erklären musste. Warum der junge Onkel das wissen soll, fragt er sich - ein wenig geschmeichelt, wie es scheint. Wir einigen uns drauf, dass es an der Brille liegen muss.

Wer sich auf elf Uhr verabredet, frühstückt entweder dann oder hat am Morgen schon einiges erledigt. Wie ist es bei dir?

Ich habe drei Arbeitszeiten: morgens die Bürokratie, meistens von zehn bis eins. Um eins gibt's dann Mittagessen, meistens mit Freunden aus dem Kiez. Dann geht's um drei weiter, dann kommt auch die kreative Arbeit. Kreativität ist so ein Sitzfleisch-Ding, da muss ich dann dableiben. Das kann sehr anstrengend sein - manchmal starrt man zwei Mal drei Stunden auf ein halbleeres Dokument.

Paul Bokowski hat als Lesebühnenautor angefangen: Mit den Brauseboys trägt er wöchentlich alltagssatirische Betrachtungen vor. Irgendwann kam ein Freund auf ihn zu: Ob er nicht mal ein Buch aus seinen Kurzgeschichten machen wolle? Klar wollte er. Mit Blick auf die Bücher, die ich auf den Tisch gelegt habe, sagt er dann auch: "Das ist sogar die erste Ausgabe, sehr löblich. Das Cover habe ich selbst gemacht." Der Titel lautet "Hauptsache nichts mit Menschen", das Cover zeigt eine schmale, runde Hornbrille - die typische Bokowski-Brille, man findet im Netz wohl kein Foto ohne. "Ich hatte sie damals in meinem Wohnzimmer an Anglerschnüren aufgehängt und fotografiert."

Die zweite Auflage und auch das Cover deines aktuellen Buchs "Alleine ist man weniger zusammen" sehen etwas kindlicher aus. Wie siehst du das?

Ich kenne Kollegen, die für andere Verlagshäuser Bücher gemacht haben und was denen so für Cover vorgeschlagen wurden, das war schon krass. Ich bin jetzt bei Goldmann-Manhattan und hab von Anfang an durchblicken lassen, dass ich grafikaffin bin und immer gleich Feedback gegeben, das hat dann auch gut funktioniert. Das ist ein sehr cooler Verlag.

Die Ingwerlimonade kommt, außerdem ein Croissant mit Marmelade. Wenn die Wespen am Nachbartisch davon Wind bekommen, gilt es, das Anfangsversprechen wahr zu machen. Paul Bokowski beginnt mit der Kellnerin ein Gespräch über Stenografie.

Wie läuft deine Zusammenarbeit mit Lektoren?

Ich habe nur eine Lektorin, das ist die Person, die mich in den Verlag geholt hat... (Die Wespen setzen sich in die Erdbeermarmelade.) Ich kann sie auch tot machen, wenn du willst.  

Och nö.

(flüstert) Gute Antwort.

Die hatte einen Narren an mir gefressen, darum war das Verhältnis von Anfang an sehr gut. Ich habe das Gefühl, dass meine Lektorin sehr gut ist, sie versucht nicht, mich in eine Richtung zu drücken.

Ist sie die erste, die deine Texte zu Lesen bekommt?

Nein, das ist tatsächlich das Publikum bei den Lesebühnen. Die wissen auch, dass sie unbearbeitete Texte bekommen. Mit Humortexten ist es auch sehr einfach: Ich sehe, wann sie lachen und weiß dann, was funktioniert.      

Paul Bokowski - Trailer

Quelle:YouTube
 

Wie ist der perfekte Leser für dich?

Es sollte jemand sein, der Lust auf Humor hat, das ist ganz wichtig. Ich würde mich auch freuen, wenn es jemand ist, der sprachliche Feinheiten erkennt. Weil ich mir da im Entstehungsprozess wirklich viel Mühe gebe.

Beim ersten Buch hatte ich etwas Angst, als es den Rahmen dessen, was ich überschauen konnte, verlassen hat, dass es auch Leser erreichen könnte, die mit den Inhalten nicht klarkommen. Es gibt ja sexuelle Texte, es gibt schwule Texte. Und es war im Endeffekt auch so, dass wir ein paar Rückmeldungen bekommen haben, die (überlegt) homophob wäre jetzt vielleicht zu krass gesagt, aber es waren Leute, die mit den homosexuellen Inhalten nicht klargekommen sind.

Deswegen ist der perfekte Leser für mich natürlich auch ein toleranter Leser. Der da nicht so ein Augenmerkt drauf legt. Mir ist es wichtig, dass es weder gezielt ein unschwules Buch ist, noch gezielt ein schwules Buch.

Deine Bücher verkaufen sich, es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Sexualität eine Rolle spielt. Leute, die damit ein Problem haben, geraten jetzt vermutlich seltener aus Versehen an deine Texte?

Es ist eine Mischung passiert: Das erste Buch hat die Zielgruppe geformt, das zweite ist aber auch etwas mainstreamiger. Ich habe darauf geachtet, dass es nicht so explizit ist, weil ich mitbekommen habe, dass teilweise Jugendliche das lesen, die noch nicht mal 16 sind. Da hab ich schon gedacht: "Ob die das jetzt wirklich lesen müssen?"

Schränkt es dich ein?

Im Alltag nicht, weil ich für die Bühne schreibe und weiß, was das Publikum verkraften kann. In der Textauswahl für die Bücher schränkt es mich natürlich ein. So dass ich oft drübergucke und denke: "Schade, ist ein guter Text, aber der kann nicht ins Buch."

Es geht auf ein Uhr zu, Paul Bokowski ist zum Mittagessen verabredet. Wir schlendern durch den Wedding, seinen Kiez. Auf die Lesung in der Spechtpassage freut er sich, dort war er noch nicht.

Mehr dazu:



Was:
Paul Bokowski liest in der Reihe "Unter Sternen".
Wann:
Samstag, 22. August 2015, 21.30 Uhr.
Wo:
Spechtpassage, Wilhelmstraße 15, 79098 Freiburg.
Eintritt:
9, ermäßigt 7 Euro.   [Foto: Savera Kang]