Lesung am Montag: Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen

Sina Gesell

Seit seiner Kindheit ist Alexander Görsdorf schwerhörig, von Jahr zu Jahr hörte er schlechter. Über seine Erlebnisse hat der Berliner ein Buch geschrieben: "Taube Nuss - Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen". Am Montag liest der Blogger, der heute ein Cochlea-Implantat trägt, bei einem Workshop des University College zum Thema Prothetik. Sina Gesell hat mit Görsdorf darüber gesprochen, was die Entscheidung für das Implantat für sein Leben bedeutet.

 

Herr Görsdorf, wie unterscheidet sich Ihr Leben von dem der „Flotthörigen“, wie Sie sie nennen?

Alexander Görsdorf: Vom Augenschein her unterscheidet sich erst mal nichts. Wenn man dann aber schaut, was dahintersteckt, gibt es massive Unterschiede: Ich stehe ganz normal in der Gruppe oder sitze am Tisch, bin scheinbar dabei, aber meilenweit entfernt, weil ich akustisch nichts mitkomme. Jeder hat schon mal „Wie bitte?“ gefragt, aber wenn man das ständig macht und mehr Lücke als Text versteht, dann ist das nicht nur anstrengend, sondern wirkt wie Demenz oder – wenn man angesprochen wird und nicht reagiert – wie Arroganz.  Wenn man etwas länger braucht, um zu antworten, scheint man nicht ganz helle zu sein.

Haben Sie sich auch deshalb ein Cochlea-Implantat einsetzen lassen?

Zwar muss man zum Glücklichsein nicht unbedingt hören, dennoch war es die beste Entscheidung meines Lebens. Früher hätte ich mich nur mit Ihnen alleine in einem Raum treffen können, auch nicht in einem Café, weil  da immer ein Hintergrundgeräusch gewesen wäre. Nur bei Ihnen zu Hause oder bei mir  – das wäre gleich wieder zweideutig.  Wegen meiner Schwerhörigkeit bin ich fast schon mal verprügelt worden, weil ich  zum Verstehen immer das Lippenlesen dazunehme. Dass ich der Frau ständig auf die Lippen geschaut habe, hat deren Freund  als Anmache interpretiert. Das fand er gar nicht witzig.

Waren diese Missverständnisse, Antrieb für Sie, das Buch zu schreiben?

Die Leute wissen zu wenig darüber, was es bedeutet, schwerhörig zu sein. Anfangs dachte ich, Schwerhörigkeit ist ein dröges Thema, das interessiert keinen. Aber am Ende kommt man immer dahin, dass die Schwerhörigkeit nicht den behindert, der sie hat, sondern zwischen den Leuten steht. Sie ist wie der Sand im Alltagsgetriebe.



Zur Person

Alexander Görsdorf (38) ist Soziologe und lebt in Berlin und Bonn. Er bloggt seit 2009 auf "Not quite like Beethoven". Sein Buch "Taube Nuss" ist im September 2013 bei Rowohlt Polaris erschienen.


Alexander Görsdorf
Taube Nuss
Nichtgehörtes aus dem Leben eines Schwerhörigen

rororo
256 Seiten
ISBN 978-3-499-61600-6
12,99 Euro

Die Veranstaltung: Superabled?

  Die Lesung von Alexander Görsdorf findet am Montag, 23. Juni 2014 um 20 Uhr im Peterhof statt. Sie ist Teil des interdisziplinären Workshops„Superabled? Technisches Enhancement durch Prothetik“ des University College Freiburg am Montag, 23. und Dienstag, 24. Juni 2014. .pdf mit weiteren Informationen: Superabled.

Mehr dazu:

Was: Lesung von Alexander Görsdorf
Wann: Montag, 23. Juni 2014, 20 Uhr
Wo: Peterhof der Uni Freiburg, Niemensstraße 10
Eintritt: frei, Anmeldung erbeten bis 22. Juni 2014 an info@anthropfakte.de     [Foto: PR - Thorsten Wulff, Rowohlt]