Lesen wie ein Ochse

Lorenz Bockisch

Dass unsere, die lateinische Schrift von links nach rechts gelesen wird, erscheint selbstverständlich. Auch dass es Schriften wie arabisch oder hebräisch gibt, die genau andersherum, nämlich von rechts nach links geschrieben und gelesen werden. Diese Trennung muss aber nicht sein, denn man kann auch abwechselnd in beiden Richtungen lesen, was deutlich schneller ginge.

Schreibt man immer abwechselnd eine Zeile von rechts nach links, dann eine von links nach rechts, erhöht das den Schreibfluss und beim Leser den Lesefluss. Das liegt daran, dass die Sprünge an den nächsten Zeilenanfang entfallen.


Schon die Alten Römer, Etrusker und Griechen schrieben vor über 2500 Jahren in dieser Methode, genannt Bustrophedon. Das heißt so viel wie "ochsenwendig", beschreibt also die Art, wie der Ochse mit dem Pflug auf dem Feld hin und her gehend die Furchen zieht. Durchgesetzt hat sich diese Art des Schreibens aber nicht.

Doch auch in der Neuzeit gab es eine Schrift, die in solchen Schlangenlinien geschrieben und gelesen wurde. Bis in die 1980er Jahre hinein wurde die nur in England verwendete Blindenschrift, die auf dem Moonalphabet basiert, im Bustrophedon geschrieben. Beim Abtasten der Zeilen war dies für Blinde eine ungemein schnellere Lesart.

Inzwischen hat sich aber auch auf der Insel die auf Punkten basierende Brailleschrift durchgesetzt, die international von Blinden benutzt wird – und mit Zeilensprüngen gelesen wird. Es ist aber immer noch möglich, sich in der National Library for the Blind in Stockport Bücher auszuleihen, die in der Moonschrift verfasst sind.

Das Versenden von Literatur in Blindenschrift per Post ist übrigens portofrei.