Les Yeux d’la Tête im Spiegelzelt: Quiche-Choreo im tanzbaren Zitate-Wald

Alexander Ochs

Wie – überall Kartensuchende? Frag mal einen nach Les Yeux d’la Tête, keiner scheint sie zu kennen. Egal. Die sechs Musiker aus Paris überrollten das Spiegelzelt mit ihrem mitreißenden Balkan-Gypsy-Swing.


Schon ein, zwei Stunden vor Konzertbeginn tummeln sich auf dem Gelände eine ganze Reihe von Menschen, die nur eines im Kopf haben: die Augen – „Les Yeux d’la Tête“. Wobei der Bandname übersetzt so viel heißt wie „die Haare vom Kopf“ (fressen), was wiederum meint: Die Kartensuchenden würden sicher ein Vermögen ausgeben, um heute Abend dabei zu sein. Sobald eine/r ein Ticket ergattert hat, wandert das Din-A5-Schild „Suche Karte...“ weiter an den nächsten. Bis fast alle drin sind im längst ausverkauften Spiegelzelt.
Zur französischen "Prime Time" um 20.45 Uhr steigen die sechs Pariser mit dem heiteren Chanson „Les uns, les autres“ ein, wobei Akkordeon und Saxophon die typischen „Straßenmusik“-Reize setzen. Im Stile von Bands wie Les Négresses Vertes, Mano Negra oder Java zaubern sie einen mitreißenden Mix aus scheinbar allem Möglichen auf die Bühne: Sinti-Swing, Balkan-Brass, Klezmer, Folklore, Chanson und immer wieder Variété. Aber auch Blues, Hardrock oder HipHop werden angedeutet oder zumindest gekonnt auf die Schippe genommen. Und selbst bei ihrem traurigen Walzer „Les bouts de papier“ schimmert neben dem melancholischen Grundton doch ein wenig Fröhlichkeit durch, sodass wenigstens Mitschunkeln drin ist.

Die sechs Musiker beherrschen ihre Instrumente wie sonst nur Diktatoren ihr Reich, wobei – und das ist in der Diktatoren-Branche unüblich – sich die beiden Gitarristen vorne, Benoît Savard und Guillaume Jousselin, auch den Gesang teilen. Famos auch Eddy Lopez am Saxophon, der die witzigen Ansagen und Passagen kongenial unterstreicht, mal winselt, mal jammert oder kreischt.

Das kernig-erdige Fundament legen Emilien Pottier am Kontra- oder auch mal E-Bass und der zurückhaltende Antoine Alliese am Akkordeon, bestens in Szene gesetzt vom vielseitigen Schlagzeuger Xavier Hamon, der – egal mit wie vielen Stöcken oder Mitstreitern – sein Drumset vielseitig gestaltet und auch mal die Bongos streichelt oder Steeldrums anklingen lässt. Bei einem Song klopfen, trommeln oder rütteln auf einmal alle sechs an Schlagwerk und Percussions. Eine schlagkräftige Truppe.

Der Rest ist fast schon Musikkabarett mit Sprachfetzen in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch, mit hoher Lehrerdichte und Ausdruckstanz selbst noch in der hintersten Reihe. Höhepunkt ist ihre lebensfrohe Hymne „I don’t speak English“: Denn sie seien ja nur eine „Quiche“. Und dort entrollen sie einen ganzen Zitate-Wald von Britney Spears über Charlie Winston und Joan Jett bis hin zu The Clash, Deep Purple oder Nirvana.

Minutenlang bringen sie den Fans eine Quiche-Choreo bei, fotografieren ins Publikum und drohen munter mit: „I’ll tag you on Facebook!“ Am Ende setzen sie nochmal einen drauf mit HipHop- und Raggamuffin-Anklängen, bis sie dann als wundervolle Akustik-Zugabe „Un peu trop“ mitten im Publikum spielen. Alle glücklich verstrahlt übrigens nach 100 Minuten la folie unter der Zeltfolie.

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  [Foto: Alex Ochs]

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