Lernbauernhof Kunzenhof: Wie melkt man eine Ziege?

Marc-André Kruppa & Frank Rauschendorf

Melken statt büffeln: Normalerweise heißt Unterricht, sich den Hintern platt zu sitzen und an die Tafel zu starren. Für Leon und seine Freunde aus der 7b des Freiburger Angell-Gymnasiums bedeutet es aber auch: Raus aus dem Klassenzimmer – und ran an Ziege, Esel und Bauernhof [mit Video]!



Die Schüler der 7. Klasse des Angell-Gymnasiums denken bei dem Wort „Bio-Unterricht“ nicht nur an Mitochondrien, Chloroplasten und Endoplasmatisches Reticulum – sondern  auch an Ziegeneuter, Eselhufe und Waldpflege. Leon und seine Klassenkameraden gehen alle 6 Wochen einmal mit ihrer Biologie-Lehrerin Kirsten Hettel auf den Kunzenhof in Freiburg-Littenweiler (Standort: Google Map). Dort lernen sie, wie man eine Ziege melkt oder einem Esel die Hufe auskratzt. Auf dem Programm steht auch: Äste im Wald schneiden und den Stall ausfegen.

Gabriele Plappert, die Gründerin des Lernbauernhofes, möchte, dass die Schüler Verantwortung für Tiere und Natur übernehmen. Für sie ist es wichtig, dass die Kinder ein Gefühl für die Tiere bekommen. Das Konzept geht auf – Leon melkt die Ziege Amanda schon wie ein Profi, wie auf unserem Video zu sehen ist:



fudder-Interview mit Gabriele Plappert

Für Kinder, die in der Stadt aufwachsen, ist die Arbeit auf dem Bauernhof häufig etwas Fremdes. Nutztiere wie Ziegen oder Esel kennen sie nur aus dem Streichelzoo. Und auf was man beim Melken oder Striegeln achten muss – davon haben sie keine Ahnung. Gabriele Plappert hat vor 12 Jahren den Kunzenhof in Freiburg-Littenweiler zum Lernort gemacht. Seitdem bringt sie Kindern und Jugendlichen bei, was es heißt, anzupacken.

Sie bieten Projekte für alle Altersklassen an. Welche Unterschiede stellen Sie zwischen den jüngeren und den älteren Kindern fest?



Gabriele Plappert:
Die Kindergartenkinder sind überhaupt kein Problem. Sie kommen sofort mit der Arbeit auf dem Hof zurecht. Auch die Grundschulkinder sind voller Schaffenskraft. Sie verlernen das aber, weil es ihnen in der Schule ausgetrieben wird. Dort müssen sie stillsitzen. Wenn ich zu ihnen sage: „Wir gehen den Stall ausmisten“, dann freuen sie sich! Sie sind ganz nahe dran und fühlen, wann es einem Tier gut geht, und wann nicht. Die Kinder haben da einen ganz natürlichen Zugang. In der Pubertät beginnen sie dann, diesen Zugang zu verlieren. Daran ist sicher auch die Schule schuld. Durch die Erfahrung auf dem Bauernhof  können sie sich selbst und ihr Tun besser kennenlernen.



Was interessiert die älteren Schüler dabei besonders?

Gabriele Plappert: Eigentlich Alles. Sie fragen mich oft: „Wie siehst Du das?“ Ein 14-jähriges Mädchen hat am ersten Tag sofort wissen wollen: „Schlachtest Du?“ Sie möchte wissen, wie ich mit den brennenden Fragen unserer Gesellschaft umgehe. Die erwachsenen Schüler sind kurz davor, selbstständige Verbraucher zu sein. Es ist absolut notwendig, dass sie die Kreisläufe in der Natur kennen lernen. Wenn wir Kompost auf die Weide bringen, erhalten wir fruchtbare Erde, auf der Gras für die Tiere wächst. Sie müssen verstehen, was Nachhaltigkeit bedeutet. Sie können die Welt mitgestalten und entscheiden, wie es hier auf der Erde weitergehen soll.



Wie sieht ein Tag auf dem Kunzenhof aus?



Gabriele Plappert:
Wir bieten Halbtagesveranstaltungen für Gruppen von etwa 10 Teilnehmern an. Zuerst wird festgestellt, was sich seit dem letzten Mal verändert hat. Dann sind die Kinder immer ganz aus dem Häuschen: „Oh, Kücken sind geboren!“ Oder: „Die Agathe ist vom Fuchs geholt worden!“ Als nächstes erklären wir ihnen, was der Bauer zur aktuellen Jahreszeit macht. Danach werden die Tiere versorgt. Und die Kinder reagieren ganz unterschiedlich. Wichtig ist vor allem, dass sie wiederkommen. Denn eine einmalige Veranstaltung vergisst man schnell wieder. Aber wenn sie häufiger kommen, gehen sie mit den Tieren ganz anders um. Es ist uns ein großes Anliegen, dass wir viele Nutztiere haben – also Tiere, die den Menschen seit Jahrtausenden als Brüder und Schwestern begleiten. Aber diese Vorstellung ist aus den meisten Köpfen verschwunden. Wir gehen mit unserer Katze zur Altersvorsorge, essen aber das Fleisch aus einer katastrophalen Tierhaltung. Viele Menschen haben die Seelenverbindung mit dem Tier vergessen. Und die Begegnung mit den Tieren, mit den fühlenden Wesen, ist für die Kinder extrem wichtig. Denn das haben sie vor dem Bildschirm nicht.

Warum ist es so wichtig, dass die Kinder ihr Wissen über die Natur nicht nur aus Büchern oder dem Fernsehen erlangen?


Gabriele Plappert:
Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Was zählt, ist, was wir sagen oder schreiben. Und niemand stellt sich die Frage: „Wie lebst du? Wie setzt du das um, was du sagst?“ Das liegt auch an unserem Schulsystem. Der Bauernhof hingegen ist der prädestinierte Ort, um durch Anfassen zu lernen. Für mich sind Bauernhöfe die Bildungsorte der Zukunft. Ich kann zwar nicht losgelöst von einem theoretischen Konzept handeln. Aber ohne Taten geht es auch nicht. Und auf dem Bauernhof kann ich sofort die Folgen meiner Taten erleben. Vielleicht werde ich dreckig, wenn ich den Stall ausmiste. Aber ich kann fühlen und sehen, dass es den Tieren dadurch besser geht und somit die Folgen meiner Taten erleben.

Die Autoren: Marc-André Kruppa und Frank Rauschendorf studieren Deutsch-Französische Journalistik am Frankreichzentrum in Freiburg. Dieser Beitrag entstand im Sommersemester Rahmen eines Seminars über die Grundlagen des Online-Journalismus.

Mehr dazu:

 

Fotos-Galerie: Auf dem Kunzenhof